Gedenken hält Erinnerung an Pogromnacht wach

75. Jahrestag

Die Ahauser Innenstadt am frühen Samstagabend. Die Glocken der Marienkirche läuten zur Abendmesse, die letzten Kunden verlassen die Geschäfte, Ruhe kehrt ein nach der Hektik des Tages (-Geschäfts). Einzig vor dem Haus Marktstraße 13 hat sich eine Gruppe Menschen zusammengefunden.

AHAUS

von Von Denise Perrevort-Elkemann

, 10.11.2013, 14:22 Uhr / Lesedauer: 2 min
Pfarrer Olaf Goos, evangelische Christusgemeinde (vorn), bei der Gedenkveranstaltung.

Pfarrer Olaf Goos, evangelische Christusgemeinde (vorn), bei der Gedenkveranstaltung.

Sie reden leise miteinander und lauschen den traurigen Klängen zweier Musiker. Auf den ersten Blick ganz ähnlich und doch ganz anders verhielt es sich auch genau 75 Jahre zuvor. Auch damals traf sich eine Gruppe von Menschen an dieser Adresse, doch ihr Ansinnen war keineswegs friedlich, ihre Taten von unsagbarer Grausamkeit. Statt der heutigen Goldschmiede Engels befand sich am 9.November 1938 an der Marktstraße 13 die jüdische Synagoge, Lebensmittelpunkt der jüdischen Bürger von Ahaus, die noch am selben Abend, der sogenannten Reichskristallnacht, in Schutt und Asche liegen sollte. „Genau an dieser Stelle begann der brutale Auftakt gegen die jüdischen Mitbürger dieser Stadt“, erklärte Ingeborg Höting vom VHS-Arbeitskreis Ahauser Geschichte den Besuchern der Gedenkveranstaltung am Samstag, zu der die VHS, die evangelische Christusgemeinde und das Evangelische Forum Westfalen eingeladen hatten.

 „Auch noch 75 Jahre danach erfüllt mich die Erinnerung an diese schreckliche Zeit mit Schrecken und Scham“, bekannte Olaf Goos, Pfarrer der evangelischen Gemeinde. „Erschreckend ist auch, dass sich laut einer aktuellen Studie viele Juden im heutigen Europa nicht mehr so sicher fühlen, wie noch vor einigen Jahren. Umso wichtiger ist es, dass wir die Erinnerung wachhalten und heute hier sind“, so Goos. Welche Gräueltaten vor genau 75 Jahren an dieser Stelle passierten, ist durch Zeugenaussagen überliefert. Bereits vor einigen Jahren hielt die Stolperstein-AG der Anne-Frank-Realschule die Geschehnisse in ihren fiktiven „Briefe an (die 1938 14-jährige) Thea Schlösser“ fest, aus denen Mitglieder des VHS-Arbeitskreises während des Gedenkens vorlasen. Demzufolge waren es einige wenige eilig zusammengetrommelte SA-Männer, die die Ahauser Synagoge unter den Augen der Feuerwehr in Brand und so ein äußerst gewalttätiges Zeichen setzten für die Taten, die folgen sollte. Menschen wurden verprügelt, Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Mitbürger verwüstet, Theas Vater vor den Augen seiner Familie die Treppe des Wohnhauses heruntergestoßen, wobei sein Kopf auf die Stufen aufschlug.

„Für Theas Vater war die Welt danach niemals mehr, wie sie vorher war“, berichtete Ingeborg Höting. „Die Trümmer der Synagoge wurden für Straßenausbesserungen im Außenbereich von Ahaus genutzt, das Grundstück für 6000 Reichsmark an einen Kaufmann aus Epe verkauft.“ Sichtlich erschüttert von den Erzählungen, die den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung angesichts des friedlichen Treibens in der Fußgängerzone völlig surreal erschienen, gedachten sie der Opfer des NS-Regimes bei einem Gang, der durch die Innenstadt zum Dorothee-Sölle-Haus führte, wo im Anschluss Dr. Manfred Keller einen Vortrag über Synagogen in Deutschland hielt.

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