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Die Graeser leben gerne in ihrem Dorf. Das ist das Ergebnis unseres Ortsteil-Checks. Von dort weg zu kommen, ist auch gar nicht so leicht. Zumindest nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Ahaus

, 18.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Einkaufssituation ist nicht sehr gut, es fehlen Ärzte und der öffentliche Nahverkehr ist auch ein Problem. Das alles macht den Graesern offenbar nichts aus, auch wenn es in diesen Kategorien des Ortsteil-Checks nur wenig Punkte gibt. Aber 9 Punkte gaben die Graeser im Schnitt zum Thema Lebensqualität. „Graes ist ein schöner, kleiner und geselliger Ort. Hier lebe ich gerne“, schreibt ein Mann (unter 25 Jahren) als Anmerkung zum Ortsteil-Check.

Christian Rudde kann da nur zustimmen. Er ist Urgraeser, wie er lächelnd sagt. Nach einigen Jahren in Münster lebt er jetzt wieder mit seiner Familie in Graes. Und das ganz bewusst. „Mir fehlte das Dorf“, sagt er.

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

Das Heimathaus ist zum Dorfzentrum geworden. © Markus Gehring

Der Treffpunkt mit Christian Rudde, Ortsvorsteher in Graes, ist am Heimathaus. „Hinter der Kirche links“, mehr braucht es nicht für eine Wegbeschreibung in dem mit rund 1600 Einwohnern kleinsten Ortsteil von Ahaus. An der Schirm-Schoppe unterhalten sich ein paar Radfahrer. Ein kurzer Plausch mit Christian Rudde, natürlich auf Platt, dann fahren sie gut gelaunt ins Grüne. Die Kategorien Radfahren und Grünflächen schneiden ganz klar beide auch mit einer 9 ab.

Es gibt eine große Solidargemeinschaft

Christian Rudde lebt im Außenbereich auf dem elterlichen Hof. Vier Generationen treffen sich da. Gerade ist das vierte Kind unterwegs. „Wenn ich durchs Dorf gehe, kenne ich fast jeden“, sagt Christian Rudde. Das findet er gut. „Hier gibt es eine große Solidargemeinschaft. Leute interessieren sich füreinander.“ Natürlich würden einige Klischees stimmen. Aber das sei auch positiv, sagt er und erzählt, dass er in seinem Stammtisch immer noch mit seinen ehemaligen Klassenkameraden aus der Grundschule beim Bier zusammensitzt.

„Wenn ich durchs Dorf gehe, kenne ich fast jeden.“
Christian Rudde

Auch Zugezogene sind willkommen, so Rudde. „Wenn man selbst aktiv ist, kann man sich hier sehr wohlfühlen“, sagt er, „aber aufs Sofa setzen und warten, das etwas passiert, das klappt nicht.“ Eine Frau (35 bis 50 Jahre) merkt zum Ortsteil-Check an: „Eigentlich lässt es sich hier in Graes sehr gut wohnen und leben. Ich bin zugezogen und bereue keinen einzigen Tag.“

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

© Verena Hasken

Wie in vielen Dörfern geht nichts ohne ehrenamtliches Engagement. Viele Vereine sind aktiv. „Sehr, sehr gute Dorfgemeinschaft vorhanden“, schreibt eine Frau (35 bis 50 Jahre). Sichtbares Zeichen ist das Heimathaus, das zum Zentrum in der Ortsmitte geworden ist, wie Christian Rudde sagt.

Heimathaus für alle Graeser

Bereits in den 1990er-Jahren entstand der Wunsch nach so einem Heimathaus. 2000 bis 2002 wurde Hefflers Kotten wieder aufgebaut. Und das mit viel ehrenamtlicher Hilfe der Graeser. Im Keller gibt es unter anderem eine Schießanlage für die Sportschützen, viele Vereine haben Räume. Von Mai bis Oktober öffnet sonn- und feiertags das Sonntags-Cafe. „Das Heimathaus wird viel genutzt. Viel mehr, als man früher gedacht hat“, sagt Rudde.

Ortswechsel: Das Neubaugebiet „Eper Straße“ ist auch als Hogenkamp bekannt. Inzwischen ist das Baugebiet nicht mehr ganz so neu. Und hätten Neubürger eine Chance auf ein Grundstück? „Zu wenig Bauplätze“ kritisiert ein 50- bis 70-jähriger Mann und ist damit nicht allein. Das stimmt so nicht, sagt Michael Gerling aus dem Fachbereich Immobilienwirtschaft der Stadt Ahaus. „Es gibt noch sieben freie Baugrundstücke allein bei der Stadt“, sagt er. Darüber hinaus habe auch der Alteigentümer noch Grundstücke. Wie lang der Bedarf abgedeckt werden kann, lässt sich aber nicht sagen.

Das wurde gut bewertet:

Familienfreundlichkeit: 8 Punkte werden in dieser Kategorie erreicht. Mitten im Dorf finden sich der Kindergarten und die Grundschule, inzwischen als Teilstandort der Josefschule Ahaus. 90 Kinder gehen in vier Klassen. „Wir waren damals noch 33 in der Klasse“, erinnert sich Christian Rudde, dass der Erhalt der einstigen Marienschule Thema war, „das war schon damals knapp.“ Es gebe aber heute auch Eltern, die ihre Kinder aus anderen Teilen von Ahaus nach Graes zur Schule schicken. „Weil das soziale Gefüge hier intakter ist“, wie er sagt.

Anmerkungen kommen allerdings zu den Spielplätzen. „Wir haben einen schönen Spielplatz an der Lutersstraße und an der Schule. Die anderen sind zum Teil beschädigt oder dreckig“, schreibt eine Frau (25 bis 35 Jahre). Den Dreck hat Christian Rudde noch nicht so entdeckt. Aber er bestätigt, dass bei diesem Thema noch Handlungsbedarf ist. „Eine erste Begehung der Spielplätze durch die Stadt hat es vor eineinhalb Jahren gegeben. Wir warten drauf, dass etwas passiert“, sagt er. Am eigentlich sehr schönen Spielplatz an der Lutersstraße zum Beispiel könnten mit den älter werdenden Kindern auch andere Spielgeräte notwendig werden.

Radfahren und Grünflächen: 9 Punkte auch für die beiden Kategorie Radfahren und Grünflächen. Eine Frau (35 bis 50 Jahre) bringt es auf den Punkt: „Nirgends ist man nach zwei Minuten Fußweg im Grünen.“ Erst vor wenigen Jahren wurde erreicht, dass ein Radweg entlang der Bundesstraße bis ins Zentrum gebaut wurde. Aber es gibt auch Kritik. Eine Frau (35 bis 50 Jahre) schreibt: „Ein wichtiger Fahrradweg Richtung Holland ist nicht gut ausgebaut.“

Das wurde negativ bewertet:

Gesundheit: 3 Punkte nur, das ist eine wirklich schlechte Note auch im Vergleich zu anderen Ortsteilen der Region. Aber es ist kein Wunder. In Graes gibt es keinen Arzt und keine Apotheke. Christian Rudde weist auf den grünen Streifen hinter dem Heimathaus. „Hier auf diesem Grundstück war mal die Idee, altersgerechtes Wohnen möglich zu machen und ein Ärztehaus zu bauen.“

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

Auf der Rasenfläche in der Nähe des Heimathauses war einst angedacht, ein Ärztehaus zu errichten. Heute ist die Fläche weiter frei, einen Arzt wird es in Graes aber nicht geben. © Markus Gehring

Das Grundstück gibt es noch, ein Arzt vor Ort bleibt eine Utopie. Theoretisch liegt die Region Ahaus in der sogenannte Bedarfsplanung für die hausärztliche Versorgung aktuell bei 111,1 Prozent und damit bei einer Überversorgung. Das teilte auf Anfrage die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe mit.

Ein Frau (unter 25 Jahre) merkt an: „Ich würde mir für die älteren Bewohner des Dorfes eine Apotheke wünschen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, Auto zu fahren und die Bus-Verbinungen sind auch nicht super und nicht mit einer kleinen Rente bezahlbar.“ Damit wäre der Bogen gespannt zum nächsten Kritikpunkt.

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

Der Blick auf die Fahrpläne zeigt, warum die Graeser unzufrieden mit der Nahversorgung sind. © Markus Gehring

Verkehrsanbindung: 4 Punkte gibt es dafür. Eine Frau (35 bis 50 Jahre) schreibt: „Der Nahverkehr mit dem Bus ist mangelhaft in Graes. Schüler haben nur nach der 6. Stunde und 8. Stunde die Möglichkeit mit dem Bus zu fahren, wenn sie nicht gerade zur Gesamtschule gehen. Insgesamt ist das Busangebot verbesserungsfähig.“ Ein Mann (25 bis 35 Jahre) betont, dass man mit dem Örtlichen Nahverkehr nach Gronau und nach Ahaus und von dort überall hinkommt. Eine Einschränkung nennt er: „Man muss nur genug Zeit haben.“

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

Die Busverbindungen sind in Graes nicht sehr gut. © Markus Gehring

Tatsächlich sind die Möglichkeiten beschränkt. Die Regionalverkehr Münsterland GmbH (RVM) ist für die Schulbuslinie zuständig, die morgens und mittags Graes mit der Irena-Sendler-Gesamtschule verbindet. Eine Verbindung zu Gymnasium oder Realschule gibt es nicht. Am Samstag, so erläutert Pressesprecher Björn Lindner, dient der Taxibus T12 als Anschluss an den Nachtbus N12 und ermöglicht Menschen aus Graes, in der Nacht auf Sonntag zurück in den Ortsteil zu fahren. Die Firma Veelker betreibt die Buslinie 781. Ab Kirche gehen Busse am Vormittag um 7.10, 9.01, 11.01 in Richtung Ahaus, abends geht der letzte Bus ab 21.39 Uhr ab Marienplatz nach Graes. Da läuft die Kinovorstellung noch.

Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

Das Landhotel Elkemann ist das größte Restaurant im Ort. Urgraeser reden immer noch vom "Konsum", der dort früher war. © Markus Gehring

Gastronomie: So richtig zufrieden sind die Graeser nicht mit ihrer Gastronomie. 5 Punkte gibt es nur in dieser Kategorie. Die Zeiten, als die Disco „Huby“ noch Scharen von feierwütigen Partygästen anzog, sind längst vorbei. Inzwischen findet sich hier das „C‘est Ça“, das eine Mischung aus Crêperie und Restaurant sein will. Das größte Haus am Platz ist das Landhotel Elkemann. „Da fehlt aber der Kneipenbetrieb“, sagt Christian Rudde: „Stammtische oder Kegelklubs fahren lieber nach Epe, Ahle oder Alstätte.“

Chronologische Übersicht

Erste urkundliche Erwähnung 1098

  • 1098 wurde Graes erstmals urkundlich erwähnt. In einer Urkunde legt Bischof Burchhard von Münster den Zehnten, also eine Abgabe, fest, den Gerhard von Graes aus seinem Haupthof zu entrichten hat.
  • 1188 ging der Hof an das Damenstift Asbeck, das zur Bewirtschaftung einen Erbpächter einsetzte. Dessen Name, Schulte Epping, verweist auf den vormaligen Eigentümer Eppo (Epping gleich zu Eppo gehörig).
  • Die letztbekannte Hofstelle des ehemaligen Haupthofs Graes, jetzt Epping, lag nordwestlich des heutigen Dorfkerns. Etwa 1875 verlegte Epping sie in Richtung Epe an die Aabrücke. Das Bauernhaus im Dorf, im Volksmund bald „Olthues“ genannt, verpachtete er bis 1938 an die Graeser Familie Homölle.
  • Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde das leer stehende Gebäude zu einem Lager für französische Kriegsgefangene umgebaut, nach dem Krieg diente es als Wohnraum für Flüchtlingsfamilien. Anfang der 1970er Jahre fiel es einem Brand zum Opfer. Seit 1898 gibt es in Graes eine kleine Kapelle (St. Josefskirche).
  • Bis zur kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1975 war Graes eine Bauerschaft der Gemeinde Wessum. Seitdem hat Graes das Dorfrecht.
  • Graes ist Verwaltungssitz der Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen. Seit vielen Jahren schwemmt diese die riesigen Salzvorräte im Venngebiet aus und hat damit Kavernen geschaffen, die heute als Lagerstätten für Erdöl und Erdgasvorräte der Bundesrepublik dienen. Abgesehen vom Verwaltungsgebäude zeugen nur wenige markante Punkte überirdisch von dieser Anlage, die durch Pipelines mit Wilhelmshaven, der niederrheinischen Industrie und Holland verbunden ist. Das hier gewonnene Salz wird zur Herstellung von Soda und Kunststoffen verwendet.
    Quelle Heimatverein Graes/StadtAhaus

    Graes: Die Lebensqualität ist sehr gut, die ÖPNV-Anbindung sehr schlecht

    Wo heute das Landhotel Elkemann steht, war früher der Graeser Konsum. © Stadtarchiv Ahaus


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