23-Jährige stirbt grausamen Tod im Ahauser Arbeitserziehungslager

mlzAhauser Geschichte

Die Dortmunderin Charlotte Delatron wurde vor 76 Jahren im Ahauser Arbeitserziehungslager ermordet. Hermann Löhring und Elke Große Vorholt erinnern an ihren Tod.

Ahaus

, 09.05.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Markerschütternde Schreie gellen am Abend des 30. April 1944 über eine hohe Hecke an der Hovesaat. Die Anwohner kommen aus ihren Häusern gelaufen. Erschrocken und neugierig blicken sie in Richtung des Arbeitserziehungslagers Ahaus (AEL), das erst im März des Jahres im Hinterhof der ehemaligen Gaststätte an der Ecke Jutestraße/Hovesaat eingerichtet wurde. Was hinter der Hecke passiert, können die Nachbarn nur ahnen.

Verknotete Handtücher

Die Frau, die dort vor Angst und Schmerzen schreit, heißt Charlotte Delatron. Sie zittert vor Kälte und harte Schläge prasseln auf sie ein. Ihre Mitinsassinnen prügeln sie mit verknoteten Handtüchern, bis ihr Rücken von Striemen übersät ist.

Ihre Sträflingskleidung ist schmutzig und klatschnass, da sie zuvor gezwungen wurde, in einem vollen Jauchefass nach einem Ring zu tauchen, den sie angeblich gestohlen hat.

Tod in kaltem Wasser

Angeordnet hat dieses Martyrium die Lagerleiterin, SS-Frau Emmy Hensen, die ein brutales Regime nach dem Vorbild des Frauen-KZ Ravensbrück führt. Sie lässt hart durchgreifen, schon bei der kleinsten Verfehlung.

Charlotte Delatron wird in dieser Nacht sterben. Nachdem ihre Mitinsassinnen die besinnungslose Frau in eine Badewanne mit kaltem Wasser geworfen haben, erleidet sie einen Herzschlag. Sie ist zum Zeitpunkt ihres Todes erst 23 Jahre alt.

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„Schläge mit verknoteten Handtüchern auf dem Prügelbock und Strafen wie Essensentzug, Sonderarbeit, das Kahlscheren des Kopfes oder drei Tage Arrest in einem Stehbunker mit kalter Brause waren an der Tagesordnung“, weiß Hermann Löhring.

Der Historiker aus Wüllen hat sich intensiv mit dem Schicksal der Ahauser Zwangsarbeiter auseinandergesetzt. Eigentlich wollte er am 3. Mai bei einem geschichtlichen Rundgang an deren schweres Los erinnern.

VHS-Rundgänge

Löhring bietet für die VHS Ahaus regelmäßig einmal pro Semester Rundgänge zum Thema Zwangsarbeit in Ahaus an. Aufgrund der derzeitigen Corona-Situation musste der Termin jedoch ausfallen. Er soll später im Jahr nachgeholt werden.

Der Historiker bekommt viel Feedback, wenn er seinen Gästen Einblick in ein oft verschwiegenes Stück Stadtgeschichte gewährt. „Viele sagen: Wir haben davon nichts gewusst. Es waren aber auch schon Ältere dabei, die gesagt haben, dass sie auch bei der Jute waren und dann was erzählen“, sagt der ehemalige Lehrer an der Anne-Frank-Realschule.

Frontansicht der ehemaligen Gaststätte Terfort. In deren Hinterhof lag das Arbeitserziehungslager Ahaus.

Frontansicht der ehemaligen Gaststätte Terfort. In deren Hinterhof lag das Arbeitserziehungslager Ahaus. © Heimatverein Ahaus

Grundlage seiner Arbeit ist das Buch „Wir waren nicht freiwillig hier“ von Elke Große Vorholt. Die Familie der gebürtigen Ahauserin wohnte während des Krieges direkt zwischen Arbeitserziehungslager und der Jutefabrik.

„Im Kontakt mit Gleichaltrigen musste ich als Jugendliche feststellen, dass das Lager in Ahaus überhaupt nicht bekannt war. Das hat mein Interesse geweckt“, sagt die Autorin, die heute in Frankfurt lebt.

Lange Recherche

Fast zehn Jahre hat sie für das Buch recherchiert. Teils mit Hilfe ihrer Mutter suchte sie nach Zeitzeugen aus Ahaus und ehemaligen Insassen. Eine schwierige Aufgabe, da viele sich weigerten, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

„Teils aus Scham, da ihnen immer noch der Ruf anhaftete, mit Recht eingesperrt worden zu sein. Aber auch aus Angst vor gesundheitlichen Folgen durch die hohe psychische Belastung, die sie bei der Erinnerung an das Erlebte befürchteten“, so Elke Große Vorholt.


Die Gründe, wegen derer Charlotte Delatron nach acht Wochen Isolationshaft im Dortmunder Polizeigefängnis in das Lager eingewiesen wird, sind aus heutiger Sicht nichtig. Die gelernte Friseurin ist erst kurz vorher bei ihren Eltern ausgezogen und arbeitet in einem Dortmunder Seniorenheim.

Ab September 1943 soll sie zwangsweise in einer Rüstungsfabrik, dem Dortmund-Hörder Hüttenverein, eingesetzt werden. 1943 erscheint sie an 53 Tagen an ihrem neuen Arbeitsplatz, an dem sie in wechselnden Tag- und Nachtschichten ohne Schutzkleidung mit gefährlichen Werkstoffen hantieren muss.

„Arbeits-Bummelantin“

Auch machen andauernde Fliegeralarme über Dortmund es ihr oft unmöglich, zu ihrem über eine Stunde von ihrer Wohnung entfernt liegenden Arbeitsplatz zu kommen. Für die Nazis macht sie das zu einer so genannten „Arbeits-Bummelantin“.

„Ziel des AEL war, die Frauen, die in den Betrieben von Mitarbeitern oder Vorgesetzten wegen Arbeitsverweigerung oder Verspätungen denunziert worden waren, als gefügige Untertanen ‚zur Arbeit zu erziehen‘“, sagt Hermann Löhring.

Zwei Monate im Arbeitserziehungslager

„Durch Einschüchterung, Abschreckung und Brechung der Persönlichkeit, so dass sie nach zwei Monaten im Lager oft traumatisiert und stigmatisiert entlassen wurden und meist lebenslang darüber nicht mehr reden konnten“, so Löhring.

Nach ihrem gewaltsamen Tod wird Charlotte Delatron nach Dortmund zurück überführt. Die Kosten dafür müssen ihre Eltern Christian und Emma Delatron tragen. Mit Charlotte ist auch das letzte ihrer ehemals vier Kinder verstorben.

Ahauser beschweren sich

In Ahaus ist der grausame Mord an der 23-jährigen Dortmunderin nicht unbemerkt geblieben. „Wegen des Vorfalls beschwerten sich einige Bürger bei der NS-Kreisleitung. Der Buchhändler Josef Schaten zum Beispiel wurde daraufhin wegen parteischädigender Verbreitung falscher Gerüchte zwei Wochen lang inhaftiert“, sagt Hermann Löhring.

„Eine eingeleitete Untersuchung ergab keine Beanstandungen, dennoch wurde im Herbst die Leiterin Emmy Hensen der Lagerleitung enthoben und die Gauleitung sprach der Familie Delatron ihr Beileid für den Tod der Tochter aus“, ergänzt Elke Große Vorholt.

Informationen zum Arbeitserziehungslager Ahaus

  • In Ahaus gab es in der Zeit des Nationalsozialismus vier Arbeitslager.
  • Im Arbeitserziehungslager Ahaus waren ab 1944 bis zu 60 deutsche Frauen gleichzeitig untergebracht, die in der Jutespinnerei Ahaus arbeiten mussten.
  • Ingesamt wurden während seines Bestehens etwa 400 sogenannte „Arbeits-Bummelantinnen“ durch das Lager geschleust.
  • Sie verbrachten etwa sechs bis acht Wochen unter unmenschlichen Bedingungen in dem Lager, ehe sie schwer traumatisiert wieder nach Hause geschickt wurden.
  • Bei Kriegsende wurden die zuletzt verbliebenen 40 bis 50 Insassinnen im April 1945 auf einen 130-Kilometer-Marsch quer durchs Münsterland getrieben, ehe sie bei Osnabrück befreit wurden. Bis heute haben sie für das erlittene Leid keine Entschädigung bekommen.
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