Thomas Terhaar (30) vor seinem Neubau in Alstätte. Fast fünf Monate Verzögerung hat die Baustelle mittlerweile, weil benötigte Baustoffe nicht geliefert werden können. © Stephan Rape
Kreishandwerkerschaft

Handwerker ratlos: Baustoffe sind Mangelware und die Preise explodieren

Viele Baustellen ruhen. Nicht, weil die Handwerker nicht arbeiten wollen. Sie haben schlicht kein Material. Ein Problem, das sich durch alle Gewerke zieht. Die Handwerker sind ratlos.

Thomas Terhaar (30) baut gerade mit seinen Eltern in Alstätte ein Haus. Das heißt genau genommen würde er gerne bauen. Denn die Baustelle ruht zum großen Teil seit einigen Wochen. „Wir haben im Juni 2020 angefangen“, sagt er. Aktuell hänge der Bau in der Nöttenkampstraße gut viereinhalb bis fünf Monate hinter dem Zeitplan. Das Problem: Es mangelt an Baustoffen.

Malermeister Helmut Witte deutet auf die Fassade: Das Wärmedämmverbundsystem ist momentan nicht lieferbar. Material, was normalerweise binnen weniger Tage nach Bestellung an der Baustelle eintrifft, lässt aktuell seit Wochen auf sich warten. „Vier, sechs oder acht Wochen Lieferzeit sind im Moment keine Seltenheit“, erklärt Helmut Witte. Das Gleiche gelte für Fensterbänke.

Materialmangel zieht sich durch alle Gewerke

Kein Einzelfall. Die Kreishandwerkerschaft Borken hat am Dienstagmorgen zum Pressegespräch nach Alstätte eingeladen. Mit dabei: Vertreter der Innungen für Metall, Tischler, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Maler sowie Elektrotechnik.

Sie alle erzählen von ähnlichen Zuständen: Rohstoffe sind nicht oder nur in sehr geringen Mengen lieferbar. Und die Liste der knappen Güter ist lang: Holz, Dämmmaterial, Fassadenfarbe, Lacke, Styropor, elektronische Fühler und Steuergeräte, Kunststoffrohre und Leitungen… Das, was noch geliefert werden kann, wird aktuell extrem teuer.

Helmut Witte, Obermeister der Maler-Innung Ahaus, beschreibt das Problem: Aktuell gebe es beispielsweise einen Lieferengpass bei Dämmmaterial. Normalerweise wären auf der Baustelle in Alstätte vier seiner Mitarbeiter beschäftigt. Doch seit mehreren Wochen ist dort nichts passiert.
Helmut Witte, Obermeister der Maler-Innung Ahaus, beschreibt das Problem: Aktuell gebe es beispielsweise einen Lieferengpass bei Dämmmaterial. Normalerweise wären auf der Baustelle in Alstätte vier seiner Mitarbeiter beschäftigt. Doch seit mehreren Wochen ist dort nichts passiert. © Stephan Rape © Stephan Rape

Preise, die die Handwerksbetriebe an ihre Kunden weitergeben müssen. „Beim Alublech haben sich die Tagespreise verdoppelt“, sagt Thoms Lansing, Obermeister der Metall-Innung Ahaus. Ralf Sparwel, Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Ahaus, berichtet von Preissteigerungen von 10, 20 oder gar 30 Prozent. In anderen Bereichen ist sogar von 400 Prozent Preissteigerung die Rede. „So etwas habe ich in den vergangenen 30 Jahren nicht erlebt“, erklärt er.

Pandemie macht auch den Nachschub auf dem Bau knapp

Die Gründe sind vielschichtig. Ein großer Teil geht aufs Konto der Pandemie: Einerseits hat die Industrie in den vergangenen Monaten die Produktion heruntergefahren. Gleichzeitig boomen Baubranche und auch Heimwerker investieren mehr Geld als üblich in ihr Wohnumfeld: „Statt in den Urlaub zu fahren“, sagt Ralf Sparwel.

Beim Holz werde viel ins Ausland – etwa die USA oder Asien – exportiert. Dazu komme die Spekulation: Einige Lieferanten würden versuchen, die aktuelle Situation auszunutzen.

Einige Betriebe haben im Moment die Notbremse gezogen. So wie Michael Nienhaus von der Bauunternehmung Hilbring und Nienhaus: „Ich mache im Moment keine neuen Kalkulationen“, sagt er. An Aufträgen habe er noch ein paar Monate Vorlauf, könne also weiter arbeiten. Neue Aufträge nehme er gerade nicht an. „Weil ich sie einfach nicht verlässlich kalkulieren kann“, sagt er. Beinahe täglich würden sich die Preise ändern.

Viele Gewerke, doch das gleiche Problem: Die Obermeister verschiedener Innungen aus Ahaus und Umgebung haben am Dienstag die Probleme auf den Baustellen in der Region geschildert. Tenor: Material ist nicht lieferbar oder wird extrem teuer. Das führt schon dazu, dass die Finanzierung einzelner Projekte platzt.
Viele Gewerke, doch das gleiche Problem: Die Obermeister verschiedener Innungen aus Ahaus und Umgebung haben am Dienstag die Probleme auf den Baustellen in der Region geschildert. Tenor: Material ist nicht lieferbar oder wird extrem teuer. Das führt schon dazu, dass die Finanzierung einzelner Projekte platzt. © Stephan Rape © Stephan Rape

Thomas Terhaar bestätigt das: Vor einigen Wochen hat er einen Holzbalken für die Terrassenüberdachung bestellt. „Der Händler hat mir gesagt, dass der innerhalb von zwei Wochen doppelt so teuer wurde“, sagt er. Bisher ist die Verzögerung für ihn und seine Familie weder finanziell noch zeitlich ein Problem. Trotzdem soll es ja endlich weitergehen.

Handwerker bitten erst einmal nur um Verständnis

Und die Handwerker? Was fordern sie? Fordern ist beinahe zu viel gesagt. Erst einmal hoffen sie, dass sich die Lage langsam wieder beruhigt. Vielleicht bis zum kommenden Herbst. „Schlimmer kann es ja nicht mehr werden“, macht Michael Nienhaus deutlich.

So lange bitten sie um Verständnis für Preise und Verzögerungen – auch wenn das einige Bauherren vor extreme Probleme stellt: Die Finanzierungen platzen. „Ich kenne zwei Bauherren, die hier ihr Haus bauen wollten, das Grundstück aber zurückgegeben haben, weil die Finanzierung durch die gestiegenen Baustoffpreise nicht mehr funktionierte“, sagt Helmut Witte.

Aber auch die Handwerker könnten eben nicht für „plus-minus-null“ arbeiten oder sogar draufzahlen. „Das funktioniert bei ein oder zwei Kunden, aber nicht dauerhaft“, macht Helmut Witte deutlich.

„Politisch machen wir uns keine große Hoffnung“, sagt Ralf Sparwel. Deutschland sei auf dem Weltmarkt eben nur ein kleines Licht. „Und wer mehr bezahlt, macht das Rennen“, erklärt er. Für ihn sei es wichtig, möglichst viel Produktion in Deutschland zu halten und nicht in Billiglohn-Länder zu verschieben. „Das trifft uns im Handwerk genau wie bei den Medizinprodukten zu Beginn der Pandemie“, sagt er.

Gesetzesänderung soll Erleichterung bringen, ist aber noch nicht absehbar

Eine Forderung hat Daniel Janning, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Borken in Ahaus, dann doch noch: Aktuell seien laufende Verträge kaum zu ändern. Mit allen finanziellen Folgen für die Handwerker. „Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist zwar ein Wegfall der Geschäftsgrundlage vorgesehen“, sagt er. Der beziehe sich aber bisher nicht auf Preissteigerungen.

„Ich weiß, dass es nicht leicht ist, Gesetze zu ändern und dass politische Wege schwierig sind“, sagt er. Aber in der Pandemie habe man ja gesehen, wie schnell es mit tiefschürfenden Änderungen doch gehen könne. „Wir brauchen eine Regelung, ab wann eine Preissteigerung zum Wegfall der Geschäftsgrundlage führt“, sagt er.

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Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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