Historikerin über NS-Forschung in Ahaus: „Es geht nicht darum, jeden Mitläufer zu enttarnen.“

mlzNeue Gedenktafel

Historikerin Ingeborg Hötig leitet den Arbeitskreis zur Ahauser Geschichte in der NS-Zeit. Im Interview erklärt sie unter anderem, was hinter der neuen Gedenktafel in der Innenstadt steckt.

Ahaus

, 14.01.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frau Höting, vor Kurzem tauschte die Stadt Ahaus die Tafel zum Gedenken an die jüdische Gemeinde in der Innenstadt aus. Was steckt dahinter?

Die vorherige Tafel hing seit 1997 neben der Goldschmiede Engels und wurde damals von der Pax Christi initiiert. Eine wichtige Aktion zur Erinnerung an jüdisches Leben in Ahaus. Allerdings war der Wortlaut nicht zutreffend.

Warum?

In Ahaus gab es definitiv eine Synagoge, das belegen verschiedene Überlieferungen. Der Begriff „Bethaus“ war deshalb irreführend. Denn in Ahaus wurde nicht nur gebetet, sondern hier war das Gemeindezentrum. Hier gab es außer dem Synagogensaal für die jüdischen Gemeindemitglieder auch einen Klassenraum, in dem die Kinder Hebräisch gelernt haben, und die Mikwe, ein rituelles Tauchbad für die jüdischen Frauen. Im Zuge unserer Nachforschungen hatten wir zudem immer wieder Dokumente in der Hand, in denen von einer Synagoge gesprochen wurde; Synagogen-Gemeinde, Synagogen-Vorstand. Das Kuriose: In Vreden oder Südlohn wurde immer von Synagoge gesprochen. Nur in Ahaus, dem Zentrum des Synagogen-Bezirks, wurde teilweise von einem Bethaus gesprochen. Ein Unding, wie ich finde.

Das haben Sie auch offen angesprochen...

Ja, über die Jahre immer mal wieder. Auf Veranstaltungen, in Reden, aber auch in zwei, drei Gesprächen mit Bürgermeisterin Karola Voß. Sie war sehr offen für das Thema und zeigte gleich den Willen, diesen Fehler zu korrigieren.

Wie viel Zeit lag zwischen den losen Gesprächen und der Umsetzung?

Es ging alles relativ schnell. Anfang 2019 hatte ich mit Karola Voß gesprochen, wenige Monate später berichtete mir Dr. Margret Karras (Stadt-Archivarin, d. Red.), dass eine neue Gedenktafel auf den Weg gebracht wurde. Und im Dezember war es dann auch schon soweit.

Sind Sie nun vollends zufrieden?

Ich finde es ein wenig bedauerlich, dass sie für dieses große Thema immer noch verhältnismäßig klein ist. Mir wurde aber erklärt, dass es durch das Urheberrecht des Künstlers nicht anders möglich sei. Ansonsten finde ich den Sandstein-Hintergrund und den Pflanzenschmuck sehr würdig. Gemeinsam mit der umbenannten Gasse („An der Synagoge“, d. Red.) ist mit der Tafel von Vorder- und Rückseite an die „Synagoge“ erinnert.

Wie betrachten Sie allgemein die Erinnerungskultur in Ahaus?

In Schulen funktioniert die Aufklärung über dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte sehr gut. Da gibt es sehr oft Anfragen für Stadtrundgänge oder Vergleichbares. Über mangelndes Interesse kann man sich nicht beklagen. Ob das allerdings die Mitte der Gesellschaft abbildet – und es auch mal ein Innehalten im Alltag gibt – kann ich nicht beurteilen. Anlässe gäbe es auf jeden Fall genug. Denn ich beobachte gerade einen gefährlichen Trend in der Bundesrepublik.

Blicken Sie mit Sorge auf die Zeit, wenn es keine Zeitzeugen mehr für die Gräuel der NS-Zeit gibt?

Ehrlich gesagt mache ich mir keine größeren Sorgen. Natürlich gibt es Zeitzeugen, die wertvolle Geschichten erzählen, die in keiner Akte stehen. Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die trotzdem nichts mitbekommen haben wollen, oder Zeitgenossen, die Legenden verbreiten. Deshalb beschäftige ich mich bei meinen Nachforschungen immer zuerst mit den Dokumenten. Damit ich weiß, wie belastbar die Aussagen sind. Denn Gefühle beeinflussen jeden Menschen, und das Gedächtnis ist nicht frei von Fehlern. Manchmal stehen Schilderungen aus der Erinnerung zu Forschungserkenntnissen im Widerspruch – dann muss eine genaue Prüfung der Fakten stattfinden und abgewogen werden. Das Wichtigste ist, nicht naiv damit umzugehen.

Was sind es für Dokumente, die Sie unter die Lupe nehmen?

Das ist ganz verschieden. Häufig sind es unterschiedliche Arten von Akten, aber ich habe mich zum Beispiel auch mit Tagebüchern oder Briefsammlungen beschäftigt, also privaten Quellen. Eine sehr wertvolle Quelle sind auch die zeitgenössischen Zeitungen. Es waren zwar gesteuerte Blätter, aber genau deshalb sind sie für Historiker so brauchbar. Denn hier gibt es Propaganda im O-Ton. Außerdem waren damals viele Menschen sehr darauf erpicht, dass ihre Parteizugehörigkeit und ihre Parteifunktionen in jedem Artikel benannt wurden. Weiterer Vorteil: Die Schutzfristen, die wir bei behördlichen Akten haben, greifen hier nicht – was in der Zeitung stand, gilt als veröffentlicht und kann mit Namen zitiert werden.

Nicht jedem dürfte gefallen, wenn Sie – metaphorisch gesprochen – die Leichen aus dem Keller holen. Sind Sie mit Ihrer Arbeit auch mal angeeckt?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe bisher keinen Widerstand aus der Bevölkerung erfahren, sondern eine große Mitwirkungsbereitschaft. Selbst als ich im Auftrag der Stadt Vreden die NS-Zeit erforscht habe und es dort wirklich ins Detail ging, kam Hilfe von allen Seiten. Wichtig ist zu wissen, dass die Arbeit von Historikern der Wahrheit verpflichtet ist, aber nicht vorrangig denunziatorisch angelegt ist. Es geht nicht darum, jeden einzelnen Mitläufer ans Licht zu bringen, sondern die Anführer, und es ist wichtig etwa zu zeigen, wie die NSDAP mit ihren lokalen Strukturen und Funktionären die Gesellschaft und das öffentliche Leben am Ort durchdrungen haben. Ziel ist es, ein abgewogenes Bild zu erstellen. Schwarz-Weiß-Malerei ist nie zutreffend; man muss die Abschattierungen sehen.

Info:

Ende Januar wird im Ahauser Rathaus eine Ausstellung von Johanna Reiss eröffnet. Die 87-Jährige wurde in Winterswijk geboren und ist Holocaustüberlebende sowie berühmte Kinderbuchautorin. Am Mittwoch, 5. Februar, gibt es außerdem eine Lesung mit ihr im Fürstensaal des Schlosses. Detais werden noch bekannt gegeben.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Münsterland Zeitung Sportplätze im Stadtpark
„Irgendwas muss passieren“: Ärger über Zustand der Trainingsplätze im Ahauser Stadtpark