Vor allem Säuglinge leiden besonders schwer unter den Folgen einer Infektion mit RS-Viren. Die Infektionswelle ist in diesem Jahr deutlich früher als üblich. Zum Teil werden die Kapazitäten in den Kinderkliniken schon knapp. © picture alliance / dpa
Infektionswelle

Infektionen mit RS-Viren bringen Kinderärzte und -kliniken an die Grenze

Erkältungen und Atemwegsinfekte bei Säuglingen und Kindern steigen gerade stärker an als üblich. Viel stärker. Schuld daran ist auch die Corona-Pandemie. In den Krankenhäusern wird es eng.

Die Erkältungszeit hat noch nicht richtig angefangen, doch in den Wartezimmern der Kinderärzte und vor allem auch auf den Stationen der Kinderkliniken herrscht schon Hochbetrieb. Die Infektionswelle der sogenannten RS-Viren (Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus) schlägt voll zu. Früher als üblich.

Dr. Benedikt Methling, einer der drei Kinderärzte aus der Ahauser Gemeinschaftspraxis Dr. Veltrup, Link und Dr. Methling, hat im Moment viel zu tun. „Es ist normal, dass zum Winter die Infektionszahlen steigen“, sagt er.

Doch aktuell sei die Steigerung der Zahlen schon enorm. „Wir haben sehr viele Patienten, sehr früh im Jahr“, erklärt er. Erste Infektionen habe es schon im August gegeben.

Das RS-Virus sei zwar ein normales Erkältungsvirus. Das allerdings gerade Säuglingen gefährlich werden könne. Je jünger die Patienten, desto gravierender seien die Folgen. Sie reichen von Schnupfen, Niesen und Husten über Fieber mit 38 bis 39,5 Grad Celsius bis hin zu Luftnot und Atembeschwerden. Letztere vor allem bei Babys unter sechs Monaten.

Stationärer Aufenthalt ist nicht immer zu vermeiden

„Wir versuchen immer, einen stationären Aufenthalt für Kinder zu vermeiden“, erklärt Benedikt Methling. Doch bei einigen Fällen sei das einfach nicht mehr möglich.

Ein Kind mit niedriger Sauerstoffsättigung müsse eben überwacht werden. Und da beginne das Problem: Noch konnte jedes Kind in den beiden umliegenden Kinderkliniken aufgenommen werden. „Die Häuser nehmen noch auf, aber auch da wird es eng“, sagt Dr. Benedikt Methling.

Das bestätigt Dr. Hubert Gerleve. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik an den Christophorus-Kliniken Coesfeld. Dort seien aktuell 15 Säuglinge in stationärer Behandlung, die eine RSV-Infektion haben. Allein elf von ihnen stammen aus dem Kreis Borken, weitere aus den Kreisen Coesfeld und sogar Recklinghausen.

„Sie sind ernsthaft krank, haben teilweise Sauerstoffbedarf oder müssen maschinell bei der Atmung unterstützt werden“, erklärt Hubert Gerleve. Er spricht von einer überfüllten Station und einer sich stündlich ändernden Situation. Noch könnten weitere Kapazitäten geschaffen werden. „Wir versuchen, Kinder so schnell es geht wieder zu entlassen, um Betten frei zu machen“, sagt er.

Chefarzt fürchtet um Kapazitäten in den kommenden Monaten

Gleichzeitig ist Hubert Gerleve einer von zwei Delegierten im Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands in NRW, hat also einen Überblick über die Situation im ganzen Bundesland: Überall sehe es ähnlich aus. „In ganz NRW wird es eng“, sagt er.

Er spricht von teils langen Anfahrten über verschiedene Krankenhäuser, bis Patienten schließlich in Coesfeld ankämen. „Das sind riesige Touren. Ein Patient kam ursprünglich aus Dorsten und wurde in Krankenhäusern in Datteln, Gelsenkirchen und Witten abgewiesen, weil die Häuser ausgelastet waren“, erzählt er.

Das Ministerium und die Bezirksregierung seien darüber informiert. Er fürchtet, dass sich die Zahlen noch verschlimmern werden. Schließlich sei aktuell ja auch das Wetter noch halbwegs gut. Sollte das so kommen, macht er sich große Sorgen um die Kapazitäten – räumlich wie personell (siehe Infokasten).

Kinderklinik in Coesfeld plant Pop-Up-Klinik

  • In der Kinderklinik an den Christophorus-Kliniken Coesfeld plant der Chefarzt Dr. Hubert Gerleve eine Pop-Up-Klinik, um den bevorstehenden Ansturm von Patienten abfangen zu können.
  • Die Idee ist, eine Station einzurichten, auf der täglich zwischen 10 und 17 Uhr die kleinen Patienten gesichtet und untersucht werden können. Von dort könnten sie dann entweder wieder nach Hause geschickt oder stationär aufgenommen werden.
  • Problem: Es gibt nicht genug Personal. „Wir suchen dringend weiteres Kinderpflegepersonal. Insgesamt, aber besonders auch für diese Station.“ Er könne sich vorstellen, dass Kinderkrankenpfleger – auch solche, die nicht mehr im Beruf stehen – bei diesen Arbeitszeiten eher so eine Stelle antreten würden.

Auch Dr. Thomas Niemeyer, Leitender Oberarzt der Kinderklinik im Klinikum Westmünsterland, spricht von einer belastenden Situation. Er sieht es aber insgesamt etwas entspannter. Ein Problem gebe es nicht – eine häufige Antwort aus dem Klinikum Westmünsterland.

Klinikum Westmünsterland: „Wir kommen zurecht“

„Natürlich geht so eine Maximalauslastung an die Substanz“, erklärt er. In der Spitze seien es auch im Kinderklinikum in Bocholt 14 kleine Patienten gewesen, die sich mit RS-Viren angesteckt hatten und stationär behandelt werden mussten.

„Vom Säugling bis zum Vierjährigen“, sagt er. Als einzige Kinderklinik im Kreis Borken habe das Haus in den letzten Jahren keine Kinder abgewiesen. Und das sei auch jetzt noch nicht nötig.

Auch sei das Haus zuletzt noch nicht für den Rettungsdienst abgemeldet gewesen. „Wir kommen zurecht, auch wenn man ab und zu schon mal die Luft anhalten muss“, erklärt der Mediziner.

Weitere Kapazitäten könnten im Ernstfall geschaffen werden, indem man Patienten innerhalb des Hauses verlege oder das Personal weiter aufstocke. Aber natürlich könne man aktuell nicht abschätzen, wie sich die Infektionen weiter entwickeln: „Nur weil eine Infektionswelle früher anfängt, bedeutet das ja nicht, dass sie auch früher aufhört“, sagt er.

Corona-Isolation begünstigt jetzt Ausbreitung anderer Viren

In der Begründung für den früheren Beginn der Infektionswelle – und auch der teilweise heftigeren Verläufe – sind sich die drei Mediziner einig: Der Lockdown gegen die Ausbreitung des Coronavirus sei schuld.

Durch den Schutz vor dem einen Virus seien eben auch andere Viren nicht übertragen worden. Dadurch seien die Immunsysteme der Kinder nicht trainiert worden. „Das kommt jetzt mit Macht zurück“, erklärt Hubert Gerleve. Gerade Kinder bräuchten den Kontakt zu Erregern: Denn die Immunität gegen die RS-Viren lasse schnell wieder nach.

Thomas Niemeyer sieht insgesamt aber noch keinen Grund zu großer Besorgnis: Man kenne die RS-Viren schon lange. Auch Infektionswellen habe es immer mal wieder gegeben. Üblicherweise etwa in einem zweijährigen Rhythmus. Der verstärke sich jetzt natürlich durch die Folgen der Coronapandemie.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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