Oliver Anders (51) ist seit 29 Jahren im Beruf tätig. Der Intensivpfleger leitet die Intensivstation im Ahauser St.-Marien-Krankenhaus und kann von den besonderen Herausforderungen berichten, die die Corona-Pandemie für die Mitarbeiter mit sich bringt. © Klinikum Westmünsterland
Coronavirus

Intensivpfleger in Coronazeiten: „Dann vergießt man auch schon mal ein Tränchen“

In Corona-Zeiten ist einiges anders auf der Intensivstation: Die Mitarbeiter haben die Angst vor Ansteckung im Hinterkopf, und auch emotional sind sie manchmal mehr gefordert als normal.

Die Corona-Pandemie stellt vieles auf den Kopf, verändert den Alltag, bringt besondere Herausforderungen mit sich. Wir haben dort nachgefragt, wo sich der Virus in seiner schlimmsten Wirkung zeigt: Auf der Intensivstation.

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Dort ist vieles wie immer, aber auch einiges ganz anders als vor der Pandemie, erzählen Oliver Lux, Pflegedirektor des Klinikums Westmünsterland für die Standorte Ahaus, Stadtlohn und Vreden, und Oliver Anders, Leiter der Intensivstation im Ahauser St.-Marien-Krankenhaus. Die beiden haben sich eine halbe Stunde Zeit für ein Videotelefonat mit der Redaktion genommen.

Die Intensivstation im Krankenhaus Ahaus. Dort ist aktuell ein eigener Bereich eingerichtet, in dem Covid19-Patienten behandelt werden. Mehr als vier dieser Patienten gleichzeitig waren bislang dort nicht zu versorgen.
Die Intensivstation im Krankenhaus Ahaus. Dort ist aktuell ein eigener Bereich eingerichtet, in dem Covid19-Patienten behandelt werden. Mehr als vier dieser Patienten gleichzeitig waren bislang dort nicht zu versorgen. © Klinikum Westmünsterland GmbH © Klinikum Westmünsterland GmbH

Zunächst geht der Blick zurück in den März. „Da haben wir auf dem Fernsehen einiges von aus anderen Ländern mitbekommen, und da war mir schon mulmig“, gibt Oliver Anders zu. Das Klinikum habe Vorkehrungen getroffen, „aber wir mussten es schon auf uns zukommen lassen.“ Sollten die Krankenhäuser, die Intensivstationen so überlastet werden wie in manchen europäischen Nachbarländern?

Glücklicherweise noch keine Überbelastung der Intensivstation

Bis jetzt sei die Situation glücklicherweise noch nicht annähernd so gewesen, recht glimpflich davongekommen sei der Kreis Borken vergleichsweise, fasst Oliver Lux zusammen. Seit März seien höchstens vier Covid19-Patienten gleichzeitig auf der Intensivstation behandelt worden.

Hat die Pflege der Covid19-Patienten die Intensivpfleger denn vor eine besondere Herausforderung gestellt? „Jein“, antwortet Oliver Anders. Es gehe bei der Versorgung der Patienten darum, die Symptome wie zum Beispiel Atemnot zu behandeln. „Das sind keine pflegerischen Dinge, die wir nicht sonst auch machen, gängige Verfahren“, betont der 51-Jährige.

Die besondere Herausforderung aber liege im Hygienemanagement. Und darin, sich bestmöglich selbst gegen das Virus zu schützen. „Die Omnipräsenz von Corona macht Angst, auch bei den Mitarbeitern“, weiß Oliver Lux. Der Pflegedirektor bescheinigt dem Klinikum als Träger der Krankenhäuser, einen „guten Job“ gemacht zu haben. Auch anfangs, als Schutzausrüstung plötzlich knappe Ware war.

Ein Upgrade für die Sicherheit: Atemschutzgeräte

Nun gebe es noch ein Upgrade für die Sicherheit: Das Klinikum ordere Atemschutzgeräte für die Mitarbeiter der Intensivstationen. „Diese kommen aus dem Bereich Gefahrenschutz, sie können Viren filtern“, beschreibt der Pflegedirektor. Denn bei den Covid19-Patienten, die nicht intubiert sind, sondern über eine Maske beatmet werden, bestehe das Risiko, dass durch die nicht ganz geschlossene Maske die Viren übertragenden Aerosole entweichen können.

Auch wenn die Ahauser Intensivstation schon mit einer Unterdruckanlage ausgestattet sei, mit der die verbrauchte Luft abgesaugt und aus dem Gebäude herausgeführt werde – „wir sind froh, dass wir die bekommen“, freut sich Oliver Anders auf die Atemschutzgeräte. Noch ein Stückchen mehr Sicherheit.

Denn die Intensivpflegekräfte sind nahe dran an den Patienten. Auch in den schwersten Momenten. Persönliche Besuche sind nur erlaubt, wenn absehbar ist, dass der Patient nicht mehr lange zu leben hat, erläutert Oliver Lux die aktuelle Regelung. Ansonsten wird der Kontakt zu wichtigen Menschen über Videotelefonate gehalten.

„Dann vergießt man auch schon mal ein Tränchen“

„Und wir halten dann die Tablets“, beschreibt Oliver Anders. „Das sind für Patienten und Angehörige sehr emotionale Momente. Alle weinen, haben Angst.“ Auch für die Intensivpfleger sei das natürlich berührend: „Dann vergießt man auch schon mal ein Tränchen.“ Das ist der Unterschied zu normalen Zeiten: Dann zieht sich das Pflegepersonal zurück, wenn solche höchst privaten Gespräche geführt werden.

Wie verarbeiten die Pflegekräfte das? Oliver Anders sucht nach den richtigen Worten. Seit 29 Jahren schon ist er im Job. „Man gewöhnt sich nicht dran. Aber man lernt, damit zu leben“, sagt er. Es gehe darum, solche Erlebnisse nicht mit nach Hause zu nehmen. Um am nächsten Tag wieder den Patienten voll zur Verfügung zu stehen.

Die Covid19-Station habe schon eine „höhere Pflegelast“, wie es der Pflegedirektor fachlich ausdrückt. Will heißen: Die Pfleger müssen sich häufig umziehen, Schutzkleidung ist wichtig. Auch seien die meisten der am Coronavirus erkrankten Patienten oft älter und benötigten Pflege in allen Bereichen.

Festes Personal für den eigens eingerichteten Covid19-Bereich

Für den eigens eingerichteten Covid19-Bereich auf der Intensivstation sei täglich festes Personal eingeteilt. „Aber auch diese müssen sich oft umziehen“, betont Oliver Lux. Beim Wechsel von Patientenzimmer zu Patientenzimmer zum Beispiel. Der 50-Jährige betont, dass die Ahauser Intensivstation personell gut ausgestattet sei. „75 Prozent sind speziell ausgebildete Fachkräfte, das ist anderswo nicht so“, weiß der Pflegedirektor.

Was die Belastung angeht, da hat Oliver Anders eine klare Meinung „Wer auf der Intensivstation arbeitet, hat partiell mit Belastung zu tun. Das ist fallabhängig.“ Eine Mehr- oder auch Überbelastung für die Mitarbeiter komme immer mal wieder vor, betont er. Aber was den Coronavirus angeht, war das bislang kein besonderer Grund. „Die Patienten sind peu a peu zu uns gekommen, es gab keine Welle.“

Wenn Mitarbeiter ausfallen, weil sie selbst erkrankt oder gar in Quarantäne sind, „dann haben wir das ganz gut gesteuert bekommen,“ ergänzt der Pflegedirektor. Beide hoffen, dass die Situation so bleibt, dass sie zu bewältigen ist. Dass die Zahlen nicht weiter steigen. Beide verbringen die Feiertage nur mit „Premium-Kontakten“, wie es Oliver Lux nennt. Aus Vorsicht.

„Die sollen sich mal die Angst in den Gesichtern der Patienten angucken“

Beide haben auch kein Verständnis für Corona-Leugner und Maskenverweigerer. „Es geht ja nicht, aber sonst würde ich vorschlagen, die sollen sich mal die Angst in den Gesichtern der Patienten angucken, die keine Luft mehr bekommen oder intubiert werden – mit ungewissem Ausgang“, wird Oliver Anders deutlich. Und schließlich kämen die Patienten aus allen Altersklassen, betont der Intensivpfleger.

Oliver Lux (50, l.), Pflegedirektor des Klinikums Westmünsterland für die Krankenhaus-Standorte in Ahaus, Stadtlohn und Vreden, und Oliver Anders (50, r.), Leiter der Intensivstation des Ahauser Krankenhauses, nahmen sich Zeit für ein Videotelefonat über die besondere Situation in der Corona-Pandemie mit der Redaktion.
Oliver Lux (50, l.), Pflegedirektor des Klinikums Westmünsterland für die Krankenhaus-Standorte in Ahaus, Stadtlohn und Vreden, und Oliver Anders (50, r.), Leiter der Intensivstation des Ahauser Krankenhauses, nahmen sich Zeit für ein Videotelefonat über die besondere Situation in der Corona-Pandemie mit der Redaktion. © Anne Winter-Weckenbrock © Anne Winter-Weckenbrock

Den Virus abzustreiten, „das ist komplett Mumpitz“, findet auch Oliver Lux klare Worte. Über die Corona-Schutzmaßnahmen könne man streiten. Viele Menschen litten darunter, die solle man nicht beschimpfen. „Aber die Maskenpflicht halte ich für das geringste Übel.“

Gute Arbeitsbedingungen schaffen, um engagierte Leute zu finden

Beide haben einen Wunsch, auch mit Blick auf die besondere Corona-Zeit. Das Personal freue sich über Dankeschöns, ob über Briefe oder Kuchen von ehemaligen Patienten genauso wie das Klatschen von Balkonen aus zu Beginn der Pandemie. „Das war ja eine schöne Geste“, sagt Oliver Anders, „das freut einen“. Aber es bleibe abzuwarten, was übrig bleibe. Es gehe nicht allein ums Gehalt, auch darum, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, damit der Pflegeberuf attraktiv bleibe. Daran müsse die Politik arbeiten, „damit man noch engagierte Leute findet“.

Lux: Sicherheit für Patienten im Krankenhaus ist hoch

Oliver Lux, der ein „großes Lob an die Pflegekräfte“ loswerden möchte, richtet den Blick aber auch noch auf eine anderes Thema: Neben der Sicherheit für die Mitarbeiter geht es auch um die Sicherheit von Patienten. Auch wenn niemand eine 100-prozentige Sicherheit garantieren können, aber: „Keiner soll mit zum Beispiel Brustschmerzen zu Hause bleiben“, appelliert der Pflegedirektor, im Notfall zum Krankenhaus zu fahren oder die „112“ zu wählen. Die Sicherheit für Patienten sei im Krankenhaus deutlich höher als zum Beispiel beim Einkaufen.

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Anne Winter-Weckenbrock

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