Jahrhundertealte Gerichtsstätte in Wüllen: große Historie, viele Legenden

mlzSerie „Zu Hause in“

In unserer Serie „Zu Hause in“ stellen wir lohnende Ausflugsziele in der Region vor. Dieses Mal: Das jahrhundertealte Gogericht „ton Steenern Crüce“ in Unterortwick.

Ahaus

, 13.08.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das „Steenern Crüce“ gehört zu Ahaus‘ berühmtesten historischen Stätten. „Schon in grauer Vorzeit, als es hier noch keine Städte und Dörfer gab, sondern nur vereinzelt liegende Bauernhöfe, versammelten sich an diesem Platz unsere heidnischen Vorfahren, um den Wodan zu opfern, oder um Baldors Sterbetag zu begehen. Doch nicht nur, um den Göttern zu opfern und ihre Feste zu feiern, kamen die Sachsen hier zusammen, sondern auch um Gericht oder das ‚Ding’ zu halten.“

So schreibt der ehemalige Wüllener Hauptlehrer Funke – nach einem Transkript in einer Ausgabe der Wüllener Heimatblätter von 2018 – im Ahauser „Kreiskalender 1923-1927“ über das Gogericht ton Steenern Crüce in Unterortwick. In einem kleinen Wäldchen nahe der Kreuzung von Raiffeisenstraße und Ottensteiner Weg erinnern Nachbildungen heute an diesen besonderen Ort. Dort sind nachweisbar seit dem 14. Jahrhundert Gerichtsverhandlungen unter freiem Himmel abgehalten worden.

Steinernes Kreuz steht unter Denkmalschutz

In der Mitte des Gogerichts steht das namensgebende steinerne Kreuz, nachgebildet von dem Stadtlohner Bildhauer Johann Brinkamp. Davor ist ein Betontisch, in dem der Umriss eines Schwertes eingraviert ist. Drumherum verteilt dienen sieben Betonklötze als Sitzgelegenheit.

Das Kreuz, der Tisch, und die Betonstühle sind Nachbildungen.

Das Kreuz, der Tisch, und die Betonstühle sind Nachbildungen. © Gerick

Aufgestellt wurde das nachgebildete und unter Denkmalschutz stehende Kreuz 1909 vom Altertumsverein Ahaus, allerdings an einer anderen Stelle. In den 1970er-Jahren wurde es hierher, unweit entfernt vom vermuteten Originalort, verlegt. Das noch teilweise erhaltene Original-Kreuz aus dem 12. Jahrhundert steht heute im Landesmuseum in Münster. Trotz der Ortswechsel sei eines klar: „Die Gerichtsstätte hat schon immer auf Wüllener Grund gestanden“, betont Helmut Weihs, Vorsitzender des Heimatvereins Wüllen.

Viele Vermutungen über Geschichte der Gerichtsstätte

Andere Einzelheiten über die Geschichte des Gogerichts und des Steinernen Kreuzes sind weniger eindeutig. „Vieles lässt sich vermuten, man kann es aber nicht durch Aufzeichnungen beweisen“, sagt Helmut Weihs. So ist unklar, ob das Gogericht wirklich wie anfangs beschrieben eine heidnische Kult- und Opferstätte war.

Erstmals erwähnt wird das Gogericht 1316. Damals gehörte es den Edelherren von Ahaus und den Grafen von Solms zu Ottenstein. Anfang des 15. Jahrhunderts gelangte der Fürstbischof von Münster in den Besitz der Gerichtsstätte und ernannte die Richter.

Der Gerichtsbezirk umfasste Wüllen, Wessum, Alstätte und Ammeln. Etwas später, nachdem ihnen Stadtrechte verliehen worden waren, gehörten auch Ahaus und Ottenstein dazu.

Hexenfolter am Gogericht?

Vermutlich fanden dreimal im Jahr größere Versammlungen statt, bei denen öffentliche Angelegenheiten geklärt wurden. Regelmäßig wurde über private Streitigkeiten verhandelt und auch angebliche Hexen sollen hier verurteilt und gefoltert worden sein.

Im April 1815 wurde das Gericht von der preußischen Regierung aufgehoben. Stattdessen wurde das Stadt- und Landesgericht zu Ahaus gebildet.

Nicht alle Informationen auf dem Schild sind nach neuestem Kenntnisstand korrekt. Deswegen soll es bald erneuert werden.

Nicht alle Informationen auf dem Schild sind nach neuestem Kenntnisstand korrekt. Deswegen soll es bald erneuert werden. © Gerick

Einige, wirklich nachweisbare Fakten über das Gogericht seien erst in den vergangenen Jahren bekannt geworden, verrät Helmut Weihs. Vorher beruhten viele Informationen auf Erzählungen und Vermutungen. Daher sei auch das Schild, das aktuell am Gogericht steht und über den Ort informiert, nicht mehr ganz korrekt. „Wir sind bemüht, bald ein neues Schild aufzustellen“, so der Vorsitzende des Heimatvereins.

Schöner Pausenort für die Radtour

Er empfiehlt das Gogericht im Rahmen einer Fahrradtour rund um Wüllen zu besuchen. „Man könnte zum Beispiel hier die erste Pause machen, dann weiter zum Schweinesee in Richtung Ottenstein und dann links zum Barler Berg, weiter zur Quantwicker Mühle und wieder zurück. Dann hat man eine schöne Runde.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt