Minister Jens Spahn: 2500 Euro brutto sollten es für eine Pflegefachkraft schon sein

mlzAltenpflegeschule

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stellte sich am Dienstagmorgen den Fragen von angehenden Altenpflegern. Dabei ging es unter anderem um die Vergütung und den Personalschlüssel.

Ahaus

, 03.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Einmal dem Bundesgesundheitsminister so richtig die Meinung sagen. Diese Chance bot sich am Dienstagmorgen dem Kurs 71 der Caritas-Altenpflegeschule in Wessum. Minister Jens Spahn wurde zwar nicht „gegrillt“, aber die angehenden Altenpfleger sparten nicht mit Kritik am Gesundheitswesen.

Dienstag, 9.10 Uhr: Zehn Minuten später als geplant fährt die schwarze Limousine mit Berliner Kennzeichen und abgedunkelten Scheiben vor. Aus dem Wagen steigt Jens Spahn, gebürtiger Ottensteiner.

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Der Minister steckt sein Handy ins Jackett und eilt die Stufen zum Caritas-Bildungszentrum für Pflege und Gesundheit an der Wesheimstraße in Wessum hinauf. Schnell noch ein Händedruck mit Schulleiter Reinhard Sicking und Hans-Peter Merzbach, dem Vorsitzenden des Vorstandes des Caritasverbandes Ahaus-Vreden. Jens Spahn gibt den beiden zum Einstand erst einmal ein gutes Gefühl. „Ich schaffe es nicht, jede Pflegeschule in Deutschland zu besuchen, aber die in meiner Heimatstadt schon.“

„Politik trifft auf Pflegeauszubildende“

Im Obergeschoss wartet derweil Kurs 71. Die angehenden Altenpfleger im zweiten Ausbildungsjahr wollen mit dem Minister über vier Themen sprechen: den Personalschlüssel, die Praxisanleitung, die theoretische Ausbildung und die Vergütung. „Politik trifft auf Pflegeauszubildende“, lautet der Titel der Veranstaltung. „Wir berichten aus der Praxis – leider nicht immer Positives“, sagt Azubi Volker Brückner und spricht in seinem Vortrag über Personalmangel und Überstunden. „Gute Pflege benötigt Zeit und Personal, beides sehen wir im Moment nicht“, sagt Brückner.

Spahn spricht davon, die Ausbildungszahlen zu erhöhen, auch die Möglichkeiten zur Umschulung sollen erleichtert werden. „Bei mir sind zwei im Stammtisch in Ottenstein, die arbeiten jetzt als Altenpfleger. Einer war Kfz-Mechaniker, der andere auf dem Bau. Das sind jetzt die glücklichsten Menschen der Welt.“

Tausende Fachkräfte wollen ins Land

Dass sich die Flüchtlingsproblematik auf die Pflege auswirkt, macht der Minister so deutlich: „Es sind einige im Land, die das Land verlassen müssten, die wir aber nicht rauskriegen. Und tausende Pflegefachkräfte, die reinwollen, warten an unseren Botschaften im Ausland, weil die Verfahren fürs Visum so lange dauern.“

Jens Spahn wirbt für ein Programm, mit dem ausländische Pflegekräfte nach Deutschland geholt werden.

„Wir schauen, wo die Länder mit einem „jungen“ Altersdurchschnitt sind und wo über Bedarf ausgebildet wird.“ Allerdings suche Deutschland nicht allein, „alle europäischen Länder suchen Pflegekräfte.“ Ziel müsse sein, für Fachkräfte aus dem Inland und aus dem Ausland attraktive Voraussetzungen zu schaffen.

Jens Spahn spricht sich für mehr Hilfskräfte aus

Dabei werde der Beruf der Pflegefachkraft nicht dadurch attraktiv, dass die Fachkraftquote erhöht werde, sagt Spahn. In den meisten Bundesländern liegt der Pflegefachkraftschlüssel bei 50 Prozent. Er bezieht sich auf das Verhältnis von Hilfskräften zu Fachkräften. „Der Beruf des Altenpflegers wird attraktiver, wenn er entlastet wird von dem, weswegen man nicht Pflegefachkraft geworden ist.“

Jens Spahn kann sich zum Beispiel einen Schlüssel von 120 Hilfskräften zu 100 Fachkräften vorstellen. „Dann würde der Alltag für alle Beteiligten etwas leichter gehen.“ Nicht weniger Fachkräfte seien das Ziel, sondern mehr Hilfskräfte.

Ende des Sommers werde es dazu ein Gutachten aus der Pflegewissenschaft gegeben, sagt der Minister. „Ich weiß schon, dass ein Aufschrei kommt, wenn es darum geht, ob wir krampfhaft bei 50 Prozent bleiben müssen.“

Flexibilität ist bei den Azubis gefragt

Einen ganz kleinen Vorgeschmack gibt es als Zwischenruf von einem Auszubildenden: „Die Hilfskräfte werden dann nur auf 450-Euro-Basis eingestellt und nur zu Stoßzeiten und am Wochenende eingesetzt.“ Spahns Antwort: „Ein schlauer Arbeitgeber muss heute seine Dienstpläne etwas anders gestalten als noch vor 30 Jahren.“ Natürlich sei es nicht leicht, 365 Tage im Jahr einen 24-Stunden-Betrieb zu gewährleisten. „Aber wenn die Flexibilität gegen Null geht, darf sich ein Arbeitgeber nicht wundern, wenn die Mitarbeiter irgendwann weg sind.“

Spahn ist für ein Brutto-Mindestgehalt von 2500 Euro

Beim Thema Vergütung sprechen die Auszubildenden an, dass verschiedene Träger ihre Auszubildenden verschieden entlohnen. „Wir möchten, dass das angeglichen wird“, ist sich Kurs 71 einig. Jens Spahn nickt. „Ein Arbeitgeber, der einem Azubi 600 Euro monatlich zahlt, dem kann ich nicht mehr helfen. 1000 Euro sollten es schon sein.“

Für Fachkräfte in der Pflege kann sich der Minister ein Brutto-Mindestgehalt von 2500 Euro monatlich vorstellen, Zuschläge und Sonderzahlungen nicht eingerechnet. „Das sollte die Mindestmarke für Pflegefachkräfte sein.“ Mancher könne sagen, das sei immer noch nicht genug, „aber es wäre für viele schon mal eine Verbesserung.“

Altenpfleger „ist ein sicherer Beruf“

Auch wenn bei der Bezahlung sicher noch Luft nach oben ist, für Gesundheitsminister Jens Spahn ist der Altenpfleger ein Beruf mit einer der sichersten Berufsperspektiven. „Egal, ob die Konjunktur hoch- oder runtergeht, der Pflegebedarf bleibt.“ Das sagt er Kurs 71 auch ganz direkt: „Wir brauchen jeden hier im Raum bis zur Rente in der Pflege.“

Dann sind die 60 Minuten vorbei, Jens Spahn eilt zum nächsten Termin. Reinhard Sicking und Kurs 71 bleiben zurück. „Er hat sich Mühe gegeben, uns zu verstehen“, sagt ein Auszubildender. Hans-Peter Merzbach sieht es ähnlich. „So funktionieren Meinungsbildungsprozesse. Auch wenn es nicht immer eine zufriedenstellende Antwort gab.“

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