„Job find 4 you“ zieht sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf

mlzInsolvenz abgewendet

Das in Ahaus und Gronau ansässige Personalmanagementunternehmen „Job find 4 you“ hat aus eigener Kraft den Weg aus der Krise gefunden und gezeigt, das eine Insolvenz nicht das Aus bedeuten muss.

von Martin Borck

Ahaus

, 08.11.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dem Wort Insolvenz haftet immer noch ein Makel an. Doch drohende Zahlungsunfähigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Missmanagement. Ebenso wenig hat ein Insolvenzverfahren zwangsläufig ein unternehmerisches Scheitern zur Folge.

Es kommt immer darauf an, wie man mit der Situation umgeht. Ein Beispiel, wie solch ein Verfahren sauber und für alle Beteiligten trotz finanzieller Einbußen zufriedenstellend ablaufen kann, bietet das Personalmanagementunternehmen „Job find 4 you“ mit seinen Standorten in Ahaus und Gronau.

Probleme seit Ende 2019

Ende 2019 zeichneten sich bei der GmbH Schwierigkeiten ab: Gesetzliche Änderungen und das sich für Zeitarbeit ungünstig entwickelte Marktumfeld waren Ursachen. Die Geschäftsführer, Thomas Buß und Hans-Joachim Wendland, gingen frühzeitig in die Offensive. Sie entschieden, die notwendige Restrukturierung im Rahmen eines Eigenverwaltungsverfahrens fortzusetzen.

„Die Geschäftsführer bleiben dabei in ihrer Funktion und können mitbestimmen“, erläutert Markus Freitag. Der Fachanwalt gehört der Düsseldorfer Kanzlei Andres Partner an. Als Restrukturierungsbevollmächtigter begleiteten er und sein Team das Verfahren. Zusammen mit Christian Hidding von der Unternehmensberatung HKP Hidding Ketteler setzte er mit der Geschäftsführung die Restrukturierungsmaßnahmen um.

Ziel: Ansprüche bestmöglich befriedigen

Ziel war es, die Ansprüche der Gläubiger bestmöglich zu befriedigen und Job find 4 you zu sanieren. Gemeinsam wurde ein Insolvenzplan entwickelt. Im Rahmen dieses Verfahrens war es möglich, den Gläubigern eine höhere Quote anzubieten, als sie bei einem Zwangsvergleich hätten erzielen können. „In 95 Prozent der Fälle lassen sich die Gläubiger darauf ein“, so die Erfahrung von Markus Freitag.

Im Falle Job find 4 you waren unter anderen die Bundesanstalt für Arbeit, Krankenkassen und die Berufsgenossenschaft Gläubiger. Ende Januar wurde der Insolvenzantrag vorm zuständigen Amtsgericht Münster gestellt. Das Gericht setzte den Rechtsanwalt Stefan Meyer als sogenannten Sachwalter ein. „Er beobachtet und kontrolliert alle Schritte. Mit ihm muss alles abgestimmt werden“, so Freitag. Begleitet wurde das Verfahren vom Gläubigerausschuss. Dem Gremium gehören Vertreter der Arbeitsagentur, der eigenen Belegschaft und weiterer Gläubiger an.

Coronakrise erschwerte Sanierung

Zwischenzeitlich sorgte Corona für einen Schlag ins Kontor: Ein großer Kunde meldete die von Job find 4 you überlassenen Arbeitnehmer ab. Das bis dahin erarbeitete Sanierungskonzept musste umgestellt werden.

Zum Glück räumt das Insolvenzrecht dem Unternehmen Sonderkündigungsrechte ein – beispielsweise bei Leasingverträgen. Zudem führten corona-bedingte Gesetzesänderungen dazu, dass Zeitarbeitnehmer Anrecht auf Kurzarbeitergeld erhielten. Das entlastete das Unternehmen. Schließlich kündigte das große Unternehmen doch nicht allen von Job find 4 you vermittelten Arbeitnehmern.

Niederlassung in Dülmen geschlossen

Die letztendlich beschlossenen Maßnahmen des Sanierungsplans umfassten die Schließung der Niederlassung in Dülmen und die Halbierung der internen Personalstruktur auf elf. Wobei die tatsächlichen Konsequenzen für die Belegschaft abgemildert wurden, da Mitarbeiter in Elternzeit gingen.

Der Sanierungsplan wurde schließlich von allen Gläubigern angenommen. Worüber sich die Geschäftsführung natürlich freute. „Dennoch ist so ein Verfahren, bei dem alte Strukturen auf den Prüfstand müssen, wie eine Pistole an der Schläfe“, sagt Thomas Buß. „Wenn man keine vernünftigen Zahlen liefert, wird der Laden zugemacht.“

„Komplette Schließung wäre Verlust für das Münsterland gewesen“

Das wäre der Überzeugung der Geschäftsführer zufolge ein Verlust für Gronau und das Westmünsterland gewesen. „Wir haben in den vergangenen Jahren im Schnitt jährlich 335 Mitarbeiter eingestellt, von denen 90 Prozent übernommen wurden“, begründet Hans-Joachim Wendland. „Im Prinzip haben wir also jedes Jahr ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut.“

Was bei den Erläuterungen der drei Männer deutlich wird: Gegenseitiges Vertrauen ist ein wichtiges Pfund. Offenheit ein weiteres, Glaubwürdigkeit ein drittes: Die Belegschaft wurde frühzeitig informiert, sie setzten großes Vertrauen in das Verfahren. Ein Teil des Sanierungskonzepts bestand im Verzicht der Geschäftsführer auf einen Teil ihres Gehalts.

Kundenstamm blieb erhalten

Zudem wurden Kunden kontaktiert. Mit Erfolg: Der Kundenstamm ist überwiegend erhalten geblieben. „Wir alle sind mit der gefundenen Lösung sehr zufrieden, vor allem, dass es uns gelungen ist, trotz der Coronapandemie 200 Arbeitsplätze und die beiden Standorte in Gronau und Ahaus zu erhalten“, so Wendland.

Auch wenn nun das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung aufgehoben ist und die GmbH solide aufgestellt ist – mit den Nachwehen hat das Unternehmen noch zu kämpfen. „Das Rating bei der Kreditreform ist noch miserabel – obwohl die Bilanz der GmbH besser ist als sie in den letzten Jahren war“, so Freitag. Zweite Nachwehe: Bei einem Insolvenzverfahren erfolgt im Handelsregister automatisch der Eintrag, dass die Gesellschaft als aufgelöst gilt. Auch diese Eintragung musste die Geschäftsführung aktiv ändern lassen.

Jetzt, da sich die GmbH quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen hat, ist Hans-Joachim Wendland überzeugt: „Job Find 4 You wird gestärkt aus dem Restrukturierungsverfahren hervorgehen.“

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