Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

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In Alstätte ist am Dienstag das letzte Kapitel der Eisenbahngeschichte zugeschlagen worden. Ein 100 Jahre alter Waggon und eine Kleinlok sind abtransportiert worden – auf der Straße.

Ahaus

, 21.01.2020, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bedeutsame Tage brauchen bedeutsame Worte. Für die Alstätter Eisenbahngeschichte war der Dienstag ein wichtiger Tag. Und ganz außer Atem spricht Ludger Preckel bedauernd die passenden Worte dazu: „Das war heute das letzte Mal, dass sich in Alstätte Eisenbahnräder gedreht haben.“ Wenig später schwebt der 100 Jahre alte und elfeinhalb Tonnen schwere Güterwaggon am Haken davon.

Der 60-jährige Eisenbahn-Fan aus Legden muss kurz durchschnaufen. Wegen der Bedeutung des Moments. Und wegen der Anstrengung. Denn die letzte fahrtüchtige Lok hat Alstätte schon vor 13 Jahren verlassen, als die Strecke der Ahaus-Alstätter Eisenbahn am 24. März 2007 stillgelegt wurde.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Seine letzten Meter in Alstätte legt der rund 100 Jahre alte Waggon per Muskelkraft zurück. © Stefan Grothues

Am Dienstag also müssen sich die Eisenbahnfreunde mit Muskelkraft mächtig ins Zeug legen, um einen rund 100 Jahre alten Waggon auf dem letzten verbliebenen Gleisstück in Position zu rollen. Nun kann ihn der Ausleger eines Autokrans erreichen. Der letzte Eisenbahnwaggon und eine Kleinlok verlassen Alstätte auf einem Tieflader – auf der Straße.

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Ein Tiefpunkt der stolzen Alstätter Eisenbahngeschichte nach fast 120 Jahren, so empfindet es Heribert Lülf. Er nennt sich selbst einen „Eisenbahnverrückten“. Das seien auch seine Mitstreiter im Verein „Euregio Eisenbahn Ahaus-Alstätte“.

Seit 1991 hatten die Eisenbahnfreunde Museumsfahrten zwischen Ahaus und Alstätte angeboten und sich für den Erhalt der Strecke engagiert. Vergeblich. Nach der Stilllegung zogen die Euregio-Eisenbahner 2007 mit allen rollfähigen Fahrzeugen zur einer befreundeten Museumsbahn nach Bocholt.

1903 hielt die erste Eisenbahn in Alstätte

Angefangen hatte alles 1903 als der Verkehr auf der Ahaus-Enscheder Eisenbahn (AEE) aufgenommen wurde, erzählt Heribert Lülf, der die Geschichte der Bahn wie kein anderer kennt. Sie diente vor allem der Versorgung der Textilindustrie in der Twente mit Steinkohle aus dem Ruhrgebiet. Aber auch die kleinen Dörfer entlang der Strecke profitierten vom Bahnanschluss.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Die Kleinlok wird transportfertig gemacht. Sie wird nun restauriert und findet ihren Platz im Landschaftspark Duisburg-Nord. © Stefan Grothues

„Wie kaum eine andere Bahn erlebte die AEE Höhen und Tiefen“, sagt Heribert Lülf. Die beiden Weltkriege behinderten den grenzüberschreitenden Verkehr.

Der Personenverkehr zwischen Alstätte und Enschede wurde 1945 erst gar nicht mehr aufgenommen.

Genossenschaften und Bundeswehr sicherten das Überleben der Strecke

Der Güterverkehr war und blieb das Standbein der Privatbahn, zunächst jedenfalls. Mit der zunehmenden Nutzung von Erdgas entfielen die Kohlentransporte in die Niederlande. Die Genossenschaften in Wessum und Alstätte und das Bundeswehr-Depot in Lünten sicherten der Bahn aber das Überleben.

1991 schließlich wurde die Strecke verkauft. Die neugegründete Ahaus-Alstätter Eisenbahn investierte in die Strecke, baute eine komplett neue Werkstatt, schuf viele neue Arbeitsplätze und erwarb drei Lokomotiven.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Zum 100. Geburtstag der Strecke Ahaus-Alstätte fuhr im Jahr 2003 eine Dampflok von Ahaus nach Alstätte. © Stefan Grothues

2003 wurde noch das 100-jährige Jubiläum der Strecke mit einer Dampflok-Sonderfahrt gefeiert. Als sich die Rahmenbedingungen aber änderten, wurde der Bahnbetrieb 2007 genauso schnell abgewickelt, wie er nur Jahre zuvor reaktiviert worden war.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Der letzte Personenzug fuhr am 24. März zwischen Ahaus und Alstätte. Heribert Lülf (M.) war als ehrenamtlicher Schaffner mit dabei. © Stefan Grothues

In Alstätte blieben lediglich eine Kleinlok und ein fast 100 Jahre alter Güterwagen zurück, die nicht per Schiene abtransportiert werden konnten. Weiden, Erlen und Brombeergestrüpp überwucherten hier die Eisenbahngeschichte. Der Dornröschenschlaf wurde jetzt beendet, weil der private Eigentümer die über 80 Jahre alte Kleinlok des Herstellers Orenstein & Koppel an das Restaurierungsatelier „Die Schmiede“ in Duisburg übergeben hat.

Lok steht künftig im Duisburger Landschaftspark-Nord

„Wir sind auf die Restaurierung von technischem Kulturgut und Metall spezialisiert“, sagt Restaurator und Schmiede-Geschäftsführer Martin Feldhaus. Die Lok soll künftig im Landschaftspark Duisburg-Nord zu sehen sein.

Jede Menge Restaurierungsbedarf hat auch der alte Güterwaggon, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg gebaut und nach dem Zweiten Weltkrieg von der britischen Rheinarmee beschlagnahmt wurde. Er soll künftig den Hobbyeisenbahnern in Bocholt als Werkstatt-, Lager- und Aufenthaltsraum dienen.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Auch zwei alte Achsen wurden am Dienstag verladen. Auf dem Foto Vater Heribert Lülf mit Sohn Lukas (19). © Stefan Grothues

Der letzte, 150 Meter lange Schienenstrang wird bald auch demontiert. „Er findet seinen Platz in einem Museum der Eisenbahnstiftung“, sagt Heribert Lülf.

„Eigentlich schade, dass alles so enden muss“, sagt Ludger Preckel und blickt sich traurig um. Von Kindesbeinen an ist er ein Eisenbahnfan. „Ich bin in Legden in direkter Nachbarschaft zur Bahnstrecke aufgewachsen.“ Und schon als Jugendlicher studierte er den Eisenbahnkurier und nahm mit seinem Bruder an Sonderfahrten teil.

Kleinlok und 100 Jahre alter Eisenbahnwaggon entschweben am Haken

Ein Detail des 100 Jahre alten Güterwaggons © Stefan Grothues

Lukas Lülf (19) wurde die Eisenbahnbegeisterung schon von seinem Vater in die Wiege gelegt. „Mein Vater sieht eher die romantische Seite der Eisenbahngeschichte, ich mag die technische Seite und die praktische Arbeit“, sagt der Maschinenbaustudent.

„Ein Jahrzehnt der Eisenbahn steht bevor“

Von wegen romantisch. Vater Heribert Lülf schüttelt den Kopf. „Die Eisenbahn ist die Zukunft. Das nächste Jahrzehnt wird ein Jahrzehnt der Eisenbahn“, zitiert er den Bundesverkehrsminister, während der morsche Waggon am Haken in den Himmel entschwebt. Heribert Lülf hofft auf die Wiederbelebung alter Strecken, ganz aktuell auf die Reaktivierung der Strecke zwischen Bocholt und Coesfeld. Das macht den Eisenbahnabschied von Alstätte für ihn etwas leichter.

Kleine Chronik der Ahaus-Alstätter Eisenbahn

  • 1903: wurde der Verkehr auf der Ahaus-Enscheder Eisenbahn (AEE) aufgenommen
  • 1967: Stilllegung des Gleisabschnitts Alstätte – Enschede
  • 2003: Feier des 100-jährigen Bestehens mit Dampflok-Sonderfahrt
  • 2007: Stilllegung der Strecke Ahaus – Alstätte
  • 2007: Erwerb einer neun Kilometer langen Trasse durch die Stadt
  • 2009: Ausbau eines Teilstücks der Trasse zum Fahrradweg
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