Das Lager ist voll: Oliver Kramer, Geschäftsführer von Kramer Schuhe, sitzt derzeit auf über 100.000 Paaren. Nun hofft er auf langsame Öffnungen. © Johannes Schmittmann
Einzelhandel

Kramer Schuhe und Corona: 100.000 Paare im Lager, aber Perspektive fehlt

„Kramer Schuhe“ blickt auf eine 128-jährige Geschichte zurück. An über 50 Standorten hat das Ahauser Unternehmen Filialen. Die Folgen der Corona-Pandemie wiegen auch hier schwer.

Oliver Kramer hat vor 25 Jahren mit seinem Bruder Kai die Geschäftsführung von „Kramer Schuhe“ in vierter Generation übernommen. Mittlerweile ist das Unternehmen an über 50 Standorten vertreten, alleine zwei Filialen liegen in der Ahauser Innenstadt. Die Corona-Pandemie hat „Kramer Schuhe“ aber hart getroffen. Im Gespräch mit der Redaktion kritisiert Oliver Kramer die Corona-Politik der Bundesregierung, wirft Jens Spahn Wortbruch vor und blickt dennoch einigermaßen optimistisch in die Zukunft.

Herr Kramer, über ein Jahr leben wir in Deutschland mit dem Coronavirus. Wie hart hat die Pandemie Ihr Unternehmen getroffen?

Wenn wir auf den Anfang der Pandemie schauen – also März und April 2020 – haben die Maßnahmen der Bundesregierung gut funktioniert. Zumindest mit Blick auf die Infektionszahlen. Bei den angepriesenen Hilfszahlungen sah das leider anders aus. Beim ersten Lockdown sind wir an allen Fördertöpfen vorbeigeschrammt.

Wie kann das sein?

Das hat unterschiedliche Gründe. Bei den Förderungen bzw. Ausgleichszahlungen spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Ist das Minus groß genug? Hat das Unternehmen die richtige Größe? Am Ende war es so, dass wir zwischen den Stühlen saßen: Kramer Schuhe war für die Kleinen zu groß und für die Großen zu klein. Zum Glück haben wir schnell die Zusage von der KfW bekommen. Aber dabei handelt es sich um einen Kredit und nicht um eine Förderung.

Die Zeit gut genutzt hat Kramer Schuhe bei der ABC-Filiale in Münster-Hiltrup. Nach Umbau wurde in dieser Woche die Wiedereröffnung gefeiert.
Die Zeit gut genutzt hat Kramer Schuhe bei der ABC-Filiale in Münster-Hiltrup. Nach Umbau wurde in dieser Woche die Wiedereröffnung gefeiert. © Kramer Schuhe © Kramer Schuhe

Beim düsteren Blick auf die vergangenen 13 Monate vergisst man schnell, dass wir im Vorjahr einen relativ entspannten Sommer hatten. Hat Ihr Unternehmen davon profitiert?

Ja, wir konnten uns in den Sommermonaten recht gut erholen. Die Umsätze haben sich normalisiert. Zwischenzeitlich hatte man tatsächlich fast das Gefühl, Corona gebe es nicht mehr.

Bis der nächste Lockdown vor der Tür stand…

Durch die Schließung der Gastronomie war schon der November eine Katastrophe. Die Menschen sind vorsichtiger geworden, die Zahlen brachen wieder ein. Seitdem hat sich an der Lage nicht viel geändert. Ich habe neulich gelesen: Wir haben in Deutschland den längsten Lockdown des Einzelhandels in ganz Europa.

Kramer Schuhe hat Filialen an über 50 Standorten. Nicht nur in NRW, sondern auch in Niedersachsen und Hessen. Wie schwer war es da, den Überblick über die geltenden Corona-Regeln zu behalten?

Extrem schwer. Teilweise gab es zwei oder drei Verordnungen pro Woche, mit denen wir uns beschäftigen mussten. Nicht nur für die Personalplanung ist das Gift. Wir müssen uns auch mit Fragen beschäftigen wie: Kann ich die Kundenbestellung annehmen oder haben wir nächste Woche den Laden wieder geschlossen? Und dann ist da noch die Ware, die weit im Voraus bestellt und jetzt bezahlt werden muss. Die Lager sind voll, aber die Öffnungsperspektive fehlt. Mit „Click & Meet“ kann man sich dauerhaft nicht über Wasser halten.

Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Ich will gar nicht immer nur klagen. Wir kommen ja einigermaßen über die Runden, weil wir gut gewirtschaftet haben und mittlerweile auch Überbrückungshilfen fließen. Aber ich frage mich schon, was die Politiker zu manchen Entscheidungen bewegt.

Welche meinen Sie konkret?

Oft habe ich das Gefühl, der Einzelhandel ist der Buhmann. Wenn etwas geschlossen wird, dann Einzelhandel und Gastronomie. Wenn ich mir teilweise Handwerk und Industrie anschaue, dann ist die Umsetzung der Corona-Auflagen dort eine mittlere Katastrophe. Wir hingegen können noch so viele Schutzmaßnahmen ergreifen, schließen müssen wir trotzdem. Dabei sagt selbst das Robert-Koch-Institut, dass der Einzelhandel für das Infektionsgeschehen unkritisch ist. Enttäuscht bin ich auch von Jens Spahn, der im September vergangenen Jahres davon sprach, dass die Schließung des Einzelhandels im Frühjahr 2020 ein Fehler gewesen sei. Wenige Monate später war diese Aussage aber nichts mehr wert.

Die Politik argumentiert häufig mit der Mobilität, die eingeschränkt werden muss…

Das Argument kenne ich: Es ist ein schlechter Witz. Da wird über Straßenbahnen und sonstigem ÖPNV gesprochen, der für ländliche Regionen wie das Westmünsterland kaum eine Rolle spielt. Außerdem entsteht ein Großteil der Mobilität durch die Supermärkte und nicht dadurch, dass wir eine Handvoll Kunden in unsere Geschäfte lassen. Und NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hat im Gespräch mit Ihren Kollegen (MLZ-Live-Talk vom 23. Februar, d. Red.) doch sogar zugegeben, dass die Menschen durch die Schließung des Einzelhandels in die Discounter getrieben werden. Dort boomt gerade der Non-Food-Bereich.

Statt vorsichtiger Öffnung steht nun die Bundes-Notbremse vor der Tür. Ab einer Inzidenz von 150 droht die komplette Schließung des Einzelhandels. Vergrößern sich Ihre Sorgenfalten?

Wir stehen unter enormem Druck, keine Frage. Wir haben nach der Aussage von Jens Spahn im vergangenen Herbst Ware für den kompletten Sommer bestellt, über 100.000 Paar Schuhe lagern derzeit in unseren Hallen. Schon jetzt haben wir den Mai, den eigentlich umsatzstärksten Monat des Jahres, abgeschrieben.

Etwas, das man immer wieder hört, ist die Ansage, dass der stationäre Einzelhandel digitaler werden muss. Wie digital ist Kramer Schuhe?

Wir haben schon lange Kooperationen mit großen Online-Versandhäusern. Das funktioniert ganz gut. Ich sage aber auch: Ohne aktive, stationäre Einzelhändler kann es keine lebendige Innenstadt geben. Ob eine Auswahl von 100.000 Artikeln im Internet oder ein aktuelles Programm vor Ort, das ich anfassen und anprobieren kann, besser ist, das kann der Kunde ja selber entscheiden. Der Einzelhandel wird sich durch Corona dramatisch schnell verändern, aber für Unternehmen auch immer neue Chancen bieten. Ob diese Chancen alle digital sein müssen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Da sind die Regeln von den großen Player diktiert. Lokal kennen wir uns besser aus.

Wenn Sie morgen die Chance auf ein Gespräch mit Peter Altmaier, Jens Spahn und Hubertus Heil hätten: Was würden Sie den drei Ministern als Wunsch mit auf den Weg geben?

Ich erwarte bei den politischen Entscheidungen deutlich mehr Nachvollziehbarkeit und Transparenz. Die Menschen sind derzeit sehr schnell verunsichert, weil sie ständig etwas anderes hören. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Branchen gleich behandelt werden. Es kann nicht sein, dass bei uns ein großer Teil der 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden muss und anderswo boomt das Geschäft, nur weil dieser Sektor bessere Lobbyarbeit betreibt. Wir Einzelhändler sind nicht die Automobil-Branche, leisten aber einen wichtigen Teil für unsere Wirtschaft.

Abschließende Frage: Wird es Kramer Schuhe auch in einem Jahr noch geben?

Ja, da bin ich mir sicher. Wir haben, wie gesagt, gut gewirtschaftet und sind in den vergangenen Jahren keine großen finanziellen Risiken eingegangen, obwohl wir auch jetzt an zwei Standorten noch Filialen komplett renoviert haben. Wenn ich höre, dass 30, 40 oder sogar 50 Prozent des stationären Einzelhandels eine Schließung droht, dann glaube ich immer noch fest daran, zum anderen Teil zu gehören. Aber keine Frage: Es wurde viel Kapital vernichtet. Das ist Geld, das nun bei Investitionen in die Zukunft fehlt.

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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