Sind drei Krankenhäuser in Ahaus, Stadtlohn und Vreden zu viel?

mlzStudie der Bertelsmann-Stiftung

Fast jedes zweite Krankenhaus könnte auf der Kippe stehen, wenn es nach einer Studie geht. Was kann das für die Region bedeuten? Das Klinikum schweigt und wartet auf ein anderes Gutachten.

Ahaus

, 18.07.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diese Studie wird aktuell viel diskutiert: Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte nach Ansicht von Fachleuten geschlossen werden, damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann. Von den derzeit knapp 1400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Untersuchung der Bertelsmann Stiftung.

Das wirft Fragen auf für den nördlichen Kreis Borken: In Ahaus, Stadtlohn und Vreden gibt es Krankenhäuser. Falls die Politik auch nur einige Vorschläge aus der Studie annehmen sollte – welche Konsequenzen könnte das haben? Weitere Wege etwa? Oder eine bessere Versorgung? „Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“, zitiert die DPA die Autoren der Studie. Größere Kliniken könnten bei einer Konzentration mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten

Klinikum Westmünsterland wartet auf ein anderes Gutachten

Eine Anfrage der Redaktion für ein Gespräch mit der Geschäftsleitung des Klinikums Westmünsterland als Träger der drei Krankenhäuser in Ahaus, Stadtlohn und Vreden hat keinen Erfolg: Man nehme, so teilte Tobias Rodig als Presseprecher für das Klinikum mit, die Studie der Bertelsmann Stiftung interessiert zur Kenntnis. Äußern wolle sich die Geschäftsleitung dazu aber „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht, weil sie die sehr umfangreiche Studie in ihrer Gesamtheit noch prüfen müsse.

„Zudem warten wir aktuell noch auf das von Landes-Gesundheitsminister Laumann angekündigte Gutachten zur Krankenhauslandschaft NRW, welches hoffentlich mehr Aufschluss darüber geben wird, welche Rahmenbedingungen die Politik zukünftig für die stationäre Versorgung auch im ländlichen Raum setzen will.“

Kein Statement des Klinikums zur wohnortnahen Versorgung der Patienten im Kreis Borken, keine Antwort auf die Frage, ob die Studie, die einen Ballungsraum als Beispiel herangezogen hat, überhaupt aufs Westmünsterland übertragbar wäre. Hiesige Patienten könnten verunsichert sein von den Erkenntnissen der Bertelsmann-Studie, dass kleinere Kliniken nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrungen verfügten, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall angemessen behandeln zu können. Keine Aussage vom Klinikum dazu.

Wie die Deutsche Presseagentur berichtet, räume die Bertelsmann-Untersuchung durchaus ein, dass es in ländlichen Kreisen mit unter 75 Einwohnern pro Quadratkilometer – derzeit 28 Kreise in acht Bundesländern – dann wohl kaum möglich sein werde, binnen 30 Minuten ein größeres Krankenhaus zu erreichen.

Konzentrationen hat es auch im Klinikum schon gegeben

Konzentration von Fachabteilungen ist dem Klinikum auch nicht fremd: Mittlerweile gehören sechs Krankenhausstandorte im Kreis Borken mit insgesamt 1440 Planbetten zum Klinikum Westmünsterland, 50 Fachabteilungen hält das Klinikum vor. Zuletzt sorgte im Jahr 2018 die Schließung der geburtshilflichen Abteilung in Stadtlohn und deren Zusammenlegung mit der Ahauser Station für hochschlagende Wellen. Aber selbst die Initiatorinnen des Protests konnten am Ende die Argumente des Klinikums für die Konzentration nachvollziehen. Wäre die Station in Stadtlohn geblieben, so hätte Ahaus die Zertifizierung für das Brustzentrum verloren.

Gerade, was die Erreichbarkeit angeht, hat das Klinikum im vergangenen Jahr viel Unterstützung aus der Bevölkerung für den Erhalt der Schlaganfallstation (Stroke Unit) am St.-Marien-Hospital Borken erfahren. Letztlich wurde die weitere Finanzierung der Station auch gesichert, weil nun vorrangige Ampelschaltungen dafür sorgen sollen, dass Notfall-Verlegungen in die Neurochirurgie in Recklinghausen innerhalb der vorgeschriebenen 30 Minuten möglich sein sollen.

Spahn: Guter Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung

Was sagen heimische Bundespolitiker zur Studie? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, frisch wiedergewählter Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Borken, hatte kürzlich noch betont: „Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.“ In seiner Antwort auf unsere Frage bleibt er generell und geht nicht auf seinen Heimatwahlkreis ein: „Wir brauchen in Deutschland einen guten Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung. Denn nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Hier sollten wir unsere Kräfte besser bündeln. Kompliziertere Fälle gehören in ein Krankenhaus, das in der Behandlung Routine hat“.

Denn die Qualität einer Behandlung hänge stark mit der Erfahrung des Krankenhauses zusammen, so Jens Spahn weiter. Krankenhäusern, denen diese nötige Routine fehlt, stehe bereits jetzt keine Vergütung für diese Behandlung zu.

Schulte: „Gut für die Zukunft aufgestellt“

Ursula Schulte (SPD) hingegen sieht im Kreis Borken „keinen Raum für die Schließung von Krankenhäusern. Vielmehr sind wir durch das Klinikum Westmünsterland und der Spezialisierung der einzelnen Häuser gut für die Zukunft aufgestellt“, sagte die Vredener Bundestagsabgeordnete. „Der Anspruch muss eine wohnortnahe Versorgung im ländlichen Raum mit gut ausgestatteten Krankenhäusern sein.“ Eine Bündelung der Kapazitäten sei dann folgerichtig, wenn eine Überversorgung bestehe.

Das Krankenhausgutachten für NRW wird nach Informationen der Patientenbeauftragten der Landesregierung erst nach der Sommerpause veröffentlicht.

Anmerkung: In der ersten Version dieses Textes war in der Überschrift von „Nordkreis“ die Rede. Der Text bezieht sich aber auf das Verbreitungsgebiet der Münsterland Zeitung mit den Häusern in Ahaus, Stadtlohn und Vreden. Zum Nordkreis gehören auch die beiden Krankenhäuser in Gronau.

Infos zur Struktur des Klinikum Westmünsterland

  • Wie folgt teilen sich die Planbetten des Klinikums auf: St. Marien-Krankenhaus Ahaus-Vreden: 381 (davon 271 in Ahaus und 110 in Vreden), Krankenhaus Maria-Hilf Stadtlohn: 157, St. Marien-Hospital Borken: 336 (inklusive 10 Betten teilstationär), St. Agnes-Hospital Bocholt-Rhede: 611 (davon 441 in Bocholt und 170 (inklusive 45 Betten teilstationär) in Rhede.
  • Das Klinikum Westmünsterland hat die seit 15 Jahren vorgeschriebenen Mindestmengen an Operationen, in den Bereichen, die es betreffen, erfüllen können, so Pressesprecher Tobias Rodig. Dies zum Beispiel bei Pankreaschirurgie und Knie-Totalendoprothesen. Hinter der gesetzgeberischen Idee der Mindestmenge steht das Ziel, besonders schwierige Eingriffe aus Gründen der Qualitätssicherung nur von solchen Kliniken durchführen zu lassen, deren Ärztinnen und Ärzte damit ausreichend Erfahrung haben.

  • 50 Fachabteilungen hält das Klinikum vor. Bestimmte spezialisierte Leistungen hält es entweder jeweils in den zwei Versorgungsgebieten „Nordkreis“ und „Südkreis“ vor. Oder das Klinikum konzentriert seine Spitzenmedizin (zum Beispiel Pankreaschirurgie) an einem Krankenhausstandort (Bocholt) mit deutlich überregionaler Bedeutung.
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