Massenschlägerei auf dem Marienplatz: Nachspiel um „Familienehre“ und ein „Handgeld“

mlzJustiz

Reichlich verworren war die Situation bei einer Massenschlägerei auf dem Marienplatz. Die Beteiligten wollten Gras über die Sache wachsen lassen, doch da spielte die Justiz nicht mit.

Ahaus

, 14.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Freispruch. Mit nichts anderem hatte der Angeklagte am Montag im Amtsgericht zu Beginn der Verhandlung gerechnet. Der 19-jährige Ahauser sollte recht behalten. Doch bis der Richter den Freispruch verkündete, musste eine reichlich verworrene Geschichte aufgelöst werden.

Dabei ging es um eine Massenschlägerei auf dem Marienplatz, verschwiegene Zeugen, die „Familienehre“ und eine unter der Hand geregelte Zahlung von Schmerzensgeld.

Der Vorwurf: Der 19-Jährige soll laut Anklageschrift Mitte Juli 2019 gegen 5.35 Uhr auf dem Marienplatz in Ahaus eine Person durch Schläge ins Gesicht verletzt haben.

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„Ich kam gerade aus einem Club und sah die Schlägerei. Ich kannte einige der Beteiligten vom Sehen und wollte ihnen zu Hilfe eilen“, schilderte der 19-Jährige.

Er sei nur kurz im Getümmel gewesen, „dann bekam ich schon die ersten zwei Schläge ins Gesicht.“

Anschließend sei er „voll neben der Spur“ gewesen, sagte der Ahauser. „Ich wurde ein bisschen aggressiv. Dann hat die Polizei mich ruhiggestellt. Ich weiß nicht, warum die gerade mich angezählt haben.“ Diese Frage konnte der Richter beantworten: „Weil einer gesagt hat, dass sie ihn geschlagen hätten.“

Die Beamten berichteten im Einsatzprotokoll von einer „aggressiven Tumultsituation“, an der etwa 20 Personen beteiligt waren.

Zeugen wollten nichts sagen

Mehrere Zeugen ließen im Herbst 2019 anberaumte Gesprächstermine bei der Polizei verstreichen. In der Verhandlung am Montag erklärte der erste Zeuge, ein 23-jähriger Vredener, dass es wohl um die „Familienehre“ ging und niemand mit der Polizei reden wollte.

Zudem sei nach der Tat Geld an das Opfer gezahlt worden. „Über die ganze Sache ist Gras gewachsen“, sagte der Vredener dem Richter.

Auch der zweite Zeuge, ein 21-jähriger Ahauser, trug nicht zur Erhellung der Geschehnisse bei. „Jeder weiß alles, aber keiner will uns etwas sagen“, stellte der Richter fest.

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Erst ein 26-jähriger Borkener als dritter Zeuge brachte schließlich Licht ins Dunkel. „Zwei Leute hatten Ärger, einer davon war mein Cousin. Ich wollte eingreifen und bekam Schläge.“ Die Folge: eine Prellung der Schulter und des Nasenbeins. Der Polizei habe er den Täter beschrieben. „Er war es auf jeden Fall nicht“, sagte der Zeuge zum Richter und wies auf den Angeklagten.

Geld an Opfer gezahlt

Auch über die Zahlung einer Geldsumme wusste der Zeuge Bescheid – er war als Opfer der Empfänger des Geldes.

Der Hintergrund: Der Vater des Täters ist ein Arbeitskollege des 26-jährigen Borkeners. „Wir wollten das aus der Welt schaffen, das haben wir untereinander geregelt.“ Er habe vom Vater 1500 Euro als Wiedergutmachung bekommen, sagte der Zeuge. „Ich wollte an der Sache nichts verdienen.“

Er habe ein wenig Schmerzensgeld und Geld für seine bei der Schlägerei zu Bruch gegangene Uhr erhalten. Ein Verfahren, das dem Richter so gar nicht schmeckte. „Dass das untereinander geregelt wird, das will der deutsche Rechtsstaat nicht.“

Anschließend machten Richter und Staatsanwalt kurzen Prozess: Der Staatsanwalt forderte einen Freispruch für den 19-jährigen Ahauser. Der Richter urteilte ebenso.

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