Caritas

Mehr Autonomie wagen: Menschen mit Behinderung sind keine kleinen Kinder

Geduzt ohne zu fragen. Behandelt wie kleine Kinder. Diese Erfahrung machen Menschen mit Behinderungen oft. Dabei gilt es, den Bewohnern mehr Autonomie zu ermöglichen
Gehen neue Wege in der Behindertenhilfe (v.l.): Peter Schwack (Vorstand für das Ressort Soziale Dienste beim Caritasverband Ahaus-Vreden), Petra Hamm (Außenwohngruppe im Dr.-Jürgen-Westphal-Haus), Thomas Berning (Bereichsleiter Eingliederungshilfe) und Monika Rathmer (Außenwohngruppe). © Caritas

Es ist mehr als nur ein Namenswechsel. Es sind neue Strukturen und eine neue Haltung, die dahinterstehen: Der Fachbereich Behindertenhilfe des Caritasverbandes Ahaus-Vreden heißt jetzt Fachbereich Eingliederungshilfe. Neuer Bereichsleiter ist Thomas Berning. Gemeinsam mit Teamleiter Christoph Terwey erläutert er, welche Veränderungen das Bundesteilhabegesetz (BTHG) mit sich gebracht hat. Monika Rathmer (58) und Petra Hamm (63) wohnen in der Außenwohngruppe im Dr.-Jürgen-Westphal-Haus in Ahaus. Sie berichten aus ihrer Sicht.

„Wenn ich irgendwo hinmöchte, dann sage ich, dass ich gehe.“

„Autonomie gibt den Bewohnern ein Gefühl der Selbstwirksamkeit“, berichtet Thomas Berning. „Auch, weil sie es anders kennen. Ihnen wurde lange die Autonomie abgesprochen.“ Festmachen kann er das an vielen früheren Begebenheiten wie beispielsweise bei der Einkaufsbegleitung. „Es meinten immer alle, Menschen mit Behinderungen kann man einfach duzen. Egal wo. Egal von wem. Sie wurden behandelt wie kleine Kinder.“ Heute muss Petra Hamm nicht mehr grundsätzlich um Erlaubnis fragen: „Wenn ich irgendwo hinmöchte, dann sage ich, dass ich gehe.“

Für Petra Hamm und Monika Rathmer beginnt der Tag um 5.30 Uhr. „Mit dem Küchendienst, wenn ich dran bin“, sagt Petra Hamm. Ist das nicht der Fall, kümmert sie sich – ebenso wie Monika Rathmer – in der Außenwohngruppe um den Wäschedienst. Es wird deutlich, dass die beiden in ihrer Selbstständigkeit gefördert werden und auch mit Unterstützung Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen.

Monika Rathmer arbeitet seit 41 Jahren in der Werkstatt von Haus Hall

Um 7.30 Uhr fahren Petra Hamm und Monika Rathmer mit dem Fahrrad zur Arbeit, zur Werkstatt von Haus Hall in Ahaus. Monika Rathmer arbeitet dort schon seit 41 Jahren. Petra Hamm freut sich auf ihren baldigen Ruhestand. „Meine Chefin in der Werkstatt ist auch in Rente gegangen.“ Viele Jahre hat sie mit ihr zusammengearbeitet. „Viele junge Leute sind jetzt da“, sagt Petra Hamm. Und: Corona habe es anstrengender gemacht. „Früher war es ruhiger.“ Ein wesentlicher Lebensinhalt eines Erwachsenen ist das Arbeitsleben, für Menschen mit Behinderung muss das nicht anders sein.

Doch was tun, wenn der Renteneintritt naht? Für das Rentnerleben hält das Bischof-Tenhumberg-Haus eine Tagesstruktur vor. „Muss ich dann dahin?“, fragt Petra Hamm. „Es ist dein Leben. Es geht darum, wie du dir das vorstellst“, sagt Thomas Berning zu ihr. Gemeinsam mit der 63-Jährigen werde überlegt, wie künftig der Tag gestaltet werden könne. „Ganz ohne Aufgabe wird es langweilig“, sagt die Bewohnerin der Außenwohngruppe. Um die Langeweile zu vertreiben, möchte sie Termine auf den Vormittag legen und dann „erst einmal zur Probe“ jeweils einen halben Tag die tagesstrukturierenden Maßnahmen des Caritasverbandes Ahaus-Vreden im Bischof-Tenhumberg-Haus besuchen.

Wohnen in kleineren Einheiten

Das seit 2017 geltende Bundesteilhabegesetz – dessen Stufe 3 im Jahr 2020 in Kraft trat und dessen Stufe 4 im Jahr 2024 folgt – und damit die Eingliederungshilfe sind „die logische Umsetzung eines Prozesses, der sich in den vergangenen 20 Jahren schon mit dem Ambulant Betreuten Wohnen vollzogen hat“, erklärt Thomas Berning. „Viele Menschen mit Behinderung sind in ihre eigene Wohnung gezogen und werden dort betreut, viele wohnen in kleineren Einheiten und nicht mehr in großen Einrichtungen.“

Mehr Angebote und Möglichkeiten für die Menschen mit Behinderungen – das bedeutet für die Mitarbeiter des Caritasverbandes, den Blick noch mehr auf die Bedürfnisse der ihnen anvertrauten Menschen zu richten. Thomas Berning nennt ein einfaches Beispiel: „Früher wurde den Bewohnern gesagt: Jetzt gibt es Essen. Heute werden die Bewohner erst einmal gefragt, was sie essen möchten und ob jemand helfen möchte.“

Umdenken: Vom Betreuer zum Assistenten

Die Aufgaben der Mitarbeiter haben sich gewandelt. „Dazu gehört das Umdenken vom Betreuer zum Assistenten“, erklärt Christoph Terwey. Nicht nur Begrifflichkeiten haben sich geändert, auch die Finanzierung steht auf anderen Beinen. „Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zahlt nur noch sogenannte Fachleistungen für die soziale Teilhabe, berichtet Thomas Berning.

„Bundesteilhabegesetz ist Bürokratiemonster“

Welche Leistungen in welchem Umfang konkret gewährt werden, ist nicht gesetzlich geregelt. Dies wird in jedem Einzelfall bestimmt. Faktoren sind unter anderem: Was wünscht sich der Mensch mit Behinderung? Was braucht er? Wie sind die persönlichen Verhältnisse? „Die Lebensqualität für Menschen mit Behinderung verbessert sich erheblich, weil wir uns als Assistenten sehen“, sagt Thomas Berning.

Doch sei aus dem Bundesteilhabegesetz letztendlich ein Bürokratiemonster geworden. So muss der Caritasverband zum Beispiel Fachleistungsstunden abrechnen. „Es gibt die Assistenz, die qualifizierte Assistenz und die qualifizierte Assistenz mit pflegerischem Charakter. Doch welche unserer Dienstleistungen ist nun qualifiziert und welche nicht? Wie sind Angebote abzurechnen, an denen mehrere Bewohner teilnehmen?“

Selbst der LWL als Leistungsträger könne noch nicht sagen, welche Leistungen nun genau angeboten werden können und wie sie vergütet werden. „Ich nehme Hilfe in Anspruch, wenn es sein muss“, erklärt Petra Hamm. Die 63-Jährige benötigt je nach Situation beispielsweise Hilfe beim Kochen, beim Schriftverkehr oder bei der Wahrnehmung von Arztbesuchen.

Peter Schwack, Vorstand für das Ressort Soziale Dienste beim Caritasverband Ahaus-Vreden, sagt: „Es wird nicht nur für die Menschen mit Behinderungen entschieden, sondern wir fördern und begleiten diese, um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Statt der Behinderung soll die Eingliederung in die Gesellschaft im Vordergrund stehen.“

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