Michael Genn (r.) hat die Ahrtal-Hilfe Ahaus ins Leben gerufen. Mit Jan Bolhoeve (l.) und Boris Meiners ist er auch zwei Monate nach der Flutkatastrophe immer noch jede Woche vor Ort im Einsatz. © Stephan Rape
Ahrtal-Hilfe Ahaus

Michael Genn setzt bei Hilfe für Ahrtal auf Kontakt in die Bundesregierung

Die Ahrtal-Hilfe Ahaus läuft seit der Flutkatastrophe – zu 100 Prozent ehrenamtlich. Doch seit einem TV-Auftritt setzt Gründer Michael Genn auf Kontakte bis in die Spitze der Bundesregierung.

Als vor knapp zwei Monaten die Flutwelle durch das Ahrtal rauschte, dauerte es nur wenige Stunden, bis sich aus Ahaus die ersten Helfer auf den Weg machten: Die Gruppe um den Ahauser Michael Genn (56) ist auch heute noch aktiv. Mit viel Engagement und einem Netzwerk, das bis in die Spitzen der Bundesregierung reicht.

Michael Genn stammt aus Sinzig an der Ahr. Sein Elternhaus steht direkt gegenüber dem Haus der Lebenshilfe, in dem in der Flutnacht zwölf Menschen mit Behinderung ertrunken sind. Seit Jahrzehnten lebt er im Münsterland, seit 2010 in Ahaus. Als die Flut seine Heimat überspült, war für ihn sofort klar, dass er helfen will.

Kontakt zur Ahrtal-Hilfe Ahaus

Michael Genn

Tel.: (02561) 4497723

Mobil: 0177/1443013

michaelgenn@web.de

Jetzt, zwei Monate später, sitzt er in der Halle, die die Ahrtal-Hilfe Ahaus als Spendenlager benutzt. Die Erschöpfung ist ihm anzusehen. Doch dafür lässt er sich keine Zeit. Es müsse weitergehen, sagt er zwischen zwei Telefonaten.

Neben seinem Beruf, er hat eine halbe Stelle im Fahrdienst einer kirchlichen Einrichtung, sammelt er rund um die Uhr Spenden, hält Kontakte oder fährt ins Krisengebiet. Noch immer hänge dort viel an privatem Engagement. Staatliche Hilfe lasse auf sich warten. THW, Bundeswehr und Katastrophenhilfe sind längst wieder abgerückt.

„Ein paar Tage Urlaub zum Durchschnaufen wären mal schön“, sagt er. Doch daran sei im Moment nicht zu denken. Gerade erst hat er den Transport von zehn Tonnen Braunkohlebriketts und etlichen Kaminöfen in Richtung Ahrbrück organisiert. Denn der Herbst steht vor der Tür. Morgens ist es empfindlich kalt im Ahrtal. „Sieben oder acht Grad“, sagt Michael Genn.

Michael Genn mit einigen der Öfen, die er gerade ins Katastrophengebiet transportiert hat. Zusätzlich werden rund zehn Tonnen Kohlebriketts dort abgeliefert. Die Gasversorgung wird erst in einigen Monaten wieder repariert sein.
Michael Genn mit einigen der Öfen, die er gerade ins Katastrophengebiet transportiert hat. Zusätzlich werden rund zehn Tonnen Kohlebriketts dort abgeliefert. Die Gasversorgung wird erst in einigen Monaten wieder repariert sein. © privat © privat

Doch die Infrastruktur ist lange noch nicht repariert. „In Sinzig geht es mittlerweile wieder halbwegs“, sagt er. Doch weiter Ahr-aufwärts sehe es noch wüst aus. Die Reparatur der Hauptgasleitung könne noch Monate dauern. Deswegen würden die Energieversorger dort zum Teil Flüssiggastanks aufstellen, um die Häuser zu versorgen.

Doch auch das funktioniere nicht überall. Entsprechend gut kämen die Öfen- und Kohlespenden an. „Damit kann man zumindest ein bisschen heizen“, erklärt Michael Genn. Auch zwei Transporterladungen mit Brennholz bringt er am Wochenende dorthin.

Dazu „das Übliche“, was die Leute so gebrauchen könnten, fügt er hinzu. Regelmäßig stellt er Listen mit benötigten Spenden online. Spenden, die die Ahauser immer noch gerne geben. Auch wenn die Spendenbereitschaft inzwischen etwas zurückgegangen sei. Jeden Samstag sei er mit weiteren Helfern vor Ort im Einsatz.

Vor Ort ist er gut vernetzt. „Die Leute dort wissen, dass ich aus Sinzig stamme. Mit dem Bürgermeister bin ich zur Schule gegangen“, sagt er. Das öffne natürlich Türen. Entsprechend zielgerichtet könne er helfen.

TV-Auftritt bringt direkten Draht zu Olaf Scholz

Andererseits hat er jetzt einen direkten Draht bis in die oberste Riege der Bundesregierung: Bei der Wahlarena mit Olaf Scholz in der ARD war er vor kurzem als Gast im Studio und konnte dem Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidaten direkt seine Fragen stellen.

Michael Genn (l.) im Gespräch mit Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hinter den Kulissen der ARD-Wahlarena. Für die Ahrtal-Hilfe Ahaus setzt Michael Genn voll auf den mittlerweile engen Kontakt in die Politik.
Michael Genn (l.) im Gespräch mit Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hinter den Kulissen der ARD-Wahlarena. Für die Ahrtal-Hilfe Ahaus setzt Michael Genn voll auf den mittlerweile engen Kontakt in die Politik. © privat © privat

Vor laufenden Kameras sicherte der ihm zu, dass sich Michael Genn direkt auf ihn berufen könne. Und auch, sich direkt an ihn wenden könne, falls es irgendwo nicht weitergehe. Auch nach der Sendung unterhielt sich Olaf Scholz rund 20 Minuten mit Michael Genn über die Lage im Katastrophengebiet.

„Ich war wirklich überrascht, wie detailliert der Bescheid wusste“, sagt Michael Genn. Selbst nach der Sendung habe er schon mehrfach mit dem Büro des Bundesfinanzministers gesprochen. Zu ganz unterschiedlichen Themen, wie er erklärt.

Ein Kontakt, auf den er für die Zukunft setzen will. Denn neben der akuten Hilfe bleibe gerade auf Regierungsebene viel zu tun: Etwa was Baugenehmigungen, die schnelle Schaffung von Wohnraum oder die Sanierung der zerstörten Brücken angehe. Da müsse die Bundesregierung den Weg frei machen.

Unkoordinierte Hilfsangebote und Sperrmüll am Spendenlager

Doch wo Licht ist, fehlt der Schatten nicht: Beispielsweise haben Ahauser im Namen der Ahrtal-Hilfe in Supermärkten um Lebensmittelspenden gebeten. „Das war aber überhaupt nicht mit uns abgesprochen“, sagt Michael Genn. Er sei auf die Aktion angesprochen worden und habe von nichts gewusst. Dieser blinde Aktionismus – der sicherlich nicht böse gemeint sei – schade den Helfern aber mehr, als man nütze.

Einen Korb voll kleiner Spielsachen oder Süßigkeiten für Kinder im Flutgebiet haben die Helfer der Ahrtal-Hilfe Ahaus immer im Gepäck.
Einen Korb voll kleiner Spielsachen oder Süßigkeiten für Kinder im Flutgebiet haben die Helfer der Ahrtal-Hilfe Ahaus immer im Gepäck. © Privat © Privat

Und dann sind da noch die Menschen, die die Halle der Ahrtal-Hilfe als erweiterte Müllkippe ansehen. Immer wieder landen längst abgelaufene Lebensmittelkonserven in den Spendenkörben. Oder völlig unbrauchbare Kleidung – verschmutzt, teilweise feucht-modrig stinkend oder sogar mit Ungeziefer verseucht. „Hatten wir alles schon“, sagt Michael Genn.

Styroporplatten statt versprochenem Bauholz

Auch Sperr- und Sondermüll landet bei den Helfern. Völlig verdreckte und teils defekte Elektrogeräte. Den Vogel abgeschossen hat ein Unbekannter, der eine hochbeladene Palette mit Styroporplatten vor die Tür gestellt hat.

„Angekündigt hatte man uns große Faserplatten aus Holz“, sagt er. Die hätte man nutzen können, um Fußböden oder Wände auszubessern. Die ausgefransten Schaumstoffplatten hingegen seien zu nichts zu gebrauchen.

Noch lagern sie in der großen Halle. „Was ich damit mache, weiß ich wirklich noch nicht“, sagt er. Das Problem: Die Entsorgung kostet natürlich Geld. Geld, das die Ahrtal-Hilfe eigentlich in die Unterstützung der Flutopfer stecken möchte.

Als nächstes steht aber erst einmal ein Umzug für die Ahrtal-Hilfe Ahaus an. Die bisherige Halle an der Schorlemer Straße müssen sie räumen. Ab 1. Oktober wollen sie ihr Spendenlager an der Industriestraße 17 aufbauen. Wie lange ihre Hilfe noch gebraucht wird, mag er nicht abschätzen. An ein Ende sei bisher aber noch längst nicht zu denken.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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