Michael Pietsch: "Wachsen oder weichen"

Interview

Dr. Michael Pietsch führt in dritter Generation die Unternehmensgruppe Pietsch mit Stammsitz in Ahaus. Pietsch ist einer der führenden Großhändler in der Sanitär-, Heizungs-, Lüftungs- Umwelt- und Bedachungsbranche. Wir sprachen mit dem 55-Jährigen Inhaber über Wachstum, die Digitalisierung und Kundenwünsche.

AHAUS

, 23.09.2017, 09:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Dr. Michael Pietsch ist seit 1993 Chef der Unternehmensgruppe Pietsch. Am Stammsitz in Ahaus sind fast 500 Mitarbeiter beschäftigt.

Dr. Michael Pietsch ist seit 1993 Chef der Unternehmensgruppe Pietsch. Am Stammsitz in Ahaus sind fast 500 Mitarbeiter beschäftigt.

Ihr Unternehmen hat gerade den „Großen Preis des Mittelstandes“ bekommen. Ist das auch eine Anerkennung der wirtschaftlichen Entwicklung von Pietsch?

Im Handel müssen wir wachsen oder weichen. Entweder wir investieren und bleiben am Markt oder wir werden übernommen. Wir waren in der glücklichen Lage, in den vergangenen Jahren einige Unternehmen übernehmen zu können. Zur Unternehmensgruppe Pietsch gehören heute Elspermann in Bochum, der Mülheimer Handel, zwei Unternehmen in Düsseldorf und eines in Köln. Viele denken ja, „Pietsch ist Ahaus“ und nicht darüber hinaus. Wir haben drei Logistiklager, eines in Sachsen, eines in Mülheim und das größte hier in Ahaus.

 

Gibt es in Ahaus an der von-Braun-Straße denn noch Platz für Erweiterungen?

Wir haben noch gewisse Möglichkeiten. Aber wir müssen schon zusammenhängend bauen, damit die logistischen Abläufe funktionieren.

 

Bauen bedeutet investieren. Wie halten Sie es damit?

Wenn wir unsere Investitionen addieren, ging das allein in der Logistik an allen drei Standorten über einen Zeitraum von rund vier Jahren um zusammen etwa 20 Millionen Euro. Wir arbeiten mit einer sehr guten Eigenkapitalquote, das ist mir sehr wichtig und das signalisiere ich auch unseren Mitarbeitern. Dass sie in einem guten Unternehmen arbeiten, das langfristig am Markt ist. Ich schätze meine Unabhängigkeit zu Banken.

 

Und was schätzen die Handwerker an Pietsch?

Unseren Just-in-time-Service. Der Handwerker bestellt häufig häufig abends um 17 Uhr und möchte die Ware am nächsten Morgen um 6 Uhr auf der Baustelle oder im Lager haben. Wir wickeln viel im Nachtsprung ab. Das heißt, bis 19 Uhr ist Auftragsannahme, dann werden die Lastwagen beladen und um 4 Uhr verlassen sie den Hof.

 

Welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

Wir arbeiten seit dem Jahr 2000 mit SAP. Die Handwerker können bei uns auch über das Internet bestellen, da sind wir in der Branche weit vorne. Das Thema Digitalisierung wird uns zukünftig auch investiv treiben. Jeder muss sich auf den Prüfstand stellen und fragen: Was ist zu vereinfachen? Was ist technisch zu verbessern? Im Augenblick sind wir durch den eigenen Fuhrpark und das Zeitfenster limitiert, das uns unsere Kunden vorgeben. Wir können in einem Radius von zwei Stunden um das Zentrallager herum die Auslieferung gewährleisten. Dabei haben wir Produkte wie Boiler, Badewannen und Speicher, die nicht paketfähig sind. Wir haben knapp 40 000 Artikel der unterschiedlichsten Hersteller auf Lager, die sofort zum Abruf stehen.

 

Wie ist die Marktdurchdringung? Gibt es überhaupt Handwerker, die nicht mit Ihnen zusammenarbeiten?

NRW decken wir komplett ab, Sachsen auch. Wir versuchen, nach und nach in Niedersachsen stärker Fuß zu fassen. Ansonsten ist der Markt bundesweit konzentriert, es gibt einen großen Händler mit einem Marktanteil von 40 Prozent. Wir liegen, bundesweit gemessen, vielleicht bei drei Prozent und in NRW sicher bei 15 Prozent. In der Branche gab es mal 400 Händler, aktuell sind es um die 60. Wenige Stärkere werden größer, die Kleineren verschwinden. Das Anforderungsprofil wächst. Wenn ein Kunde von jetzt auf gleich 2000 Meter Rohr und 100 Heizkörper braucht, dann müssen wir das im Lager abbilden können. Die Frage ist: Wie schaffen wir ein Wachstum in einem sich konzentrierenden Markt?

 

Sie sagten zu Beginn, wachsen oder weichen und haben zugekauft. Was haben Sie besser gemacht als andere?

Ich glaube, dass wir schneller waren. Ich glaube, dass wir mit Blick auf die Datentechnik flexibler sind. Ich glaube, dass wir viel Geld ins Unternehmen investiert haben. Mein Vater hat das getan, ich tue es genauso. Nur mit Re-Investitionen können sie Wachstum erzeugen. Für jede weitere Million Umsatz, die wir tätigen, benötigen wir 200 000 bis 300 000 Euro zusätzliches Kapital. Das ist viel Geld, das zunächst einmal verdient werden muss. Denn wenn vom Umsatz am Ende des Jahres zwei Prozent als Gewinn übrig bleiben, dann ist das schon sehr viel.

 

Pietsch gehört mit rund 500 Mitarbeitern in Ahaus vor Ort zu den größten Arbeitgebern. Wie leicht oder schwer ist es hier, Arbeitskräfte zu finden?

Wir sind stolz auf unsere Ausbildungspolitik. Junge Mitarbeiter haben bei uns die Chance, Führungskraft zu werden. Auf 50 Ausbildungsstellen in der Pietsch-Gruppe kommen rund 1000 Bewerbungen. Ein Stichwort ist die Lebensphasenorientierte Personalpolitik. Dabei geht es darum, die Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden und die Arbeitgeberattraktivität zu erhöhen.

 

Ihr Unternehmen ist von der Baubranche abhängig. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Wir sind im Ausbaugewerbe tätig, dabei geht es um die Altersstruktur und Maßnahmen der Energiepolitik, ein Beispiel ist der Heizkesselaustausch. Allerdings kämpfen wir mit den Kapazitäten im Handwerk. Gerade in der Bauindustrie sind in den vergangenen Jahren Stellen abgebaut worden. Und: Wir können nur das verkaufen, was auch eingebaut wird.

 

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