Der Versuch, gemeinschaftlich Zigaretten zu stehlen und damit Hehlerei zu betreiben, misslang. Dennoch setzte es für ein Trio Freiheitsstrafen. Das Ergebnis einer wahren Mammutverhandlung.

Ahaus

, 17.10.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Plan war durchdacht, er ging am Ende aber nicht auf: Gemeinschaftlich hatten drei georgische Staatsbürger den Diebstahl von Zigaretten aus einem Lebensmittelmarkt in Ahaus geplant, es blieb letztlich beim Versuch: Das hinderte das Jugendschöffengericht aber nicht daran, Freiheitsstrafen gegen den 31- und 21-jährigen Täter sowie eine Jugendstrafe gegen den 19-jährigen Mittäter auszusprechen. Dabei gingen die Ansichten von Staatsanwaltschaft und Gericht in wesentlichen Punkten schon auseinander. Und der 31-Jährige muss den Wunsch nach kurzfristiger Rückkehr in die Heimat vorerst hintenanstellen.

Jetzt lesen

Es war eine wahre Mammutverhandlung über sieben Stunden im Amtsgericht Ahaus – und dies unter den erschwerten Corona-Bedingungen, die nicht nur die Dolmetscherin zu meistern hatte. Letztlich unbestritten durch Einlassungen der drei Verteidiger und durch die Aussagen der Zeugen stellte sich der Sachverhalt dar: Gemeinschaftlich hatten die drei Georgier, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt und sich in Dortmund kennengelernt hatten, am 28. Juli einen Lebensmittelmarkt an der Coesfelder Straße aufgesucht.

Filialleiter beobachtet die Tat

Ziel war es, Zigaretten zu stehlen, um diese im Anschluss zu verkaufen. Selbst einen Schlüssel hatten sie sich besorgt, der auf die Schränke im Kassenbereich passte, die als Zwischenlager für Zigaretten dienen. Ein Mitglied des Trios führte die Tat aus, die anderen beiden standen Schmiere. Dabei wurde sie vom Filialleiter beobachtet. Dessen Initiative hatte später auch die Verhaftung aller drei Angeklagten durch die Polizei ermöglicht. Zigaretten im Wert von gut 2000 Euro konnten dabei sichergestellt werden.

Noch am selben Abend wurden der 31- und der 21-Jährige auf freien Fuß gesetzt. Das nutzten sie, um gleich einen Markt der gleichen Kette an der Fuistingstraße anzusteuern, in dem der ältere der beiden Männer sogleich zwei Schachteln Zigaretten stahl. Dies allerdings beobachtet von einem Zivilpolizisten, der die Beobachtung übernommen hatte. „Dreist sondergleichen", wie der Richter anmerkte. Und somit klickten bei allen drei Männern am Abend noch die Handschellen, sie wurden der Untersuchungshaft zugeführt.

Versuchter Diebstahl in besonders schwerem Fall

In seinem Antrag sah der Staatsanwalt keinen Zweifel daran, dass es sich bei der ersten Tat um einen gemeinschaftlichen versuchten Diebstahl in einem besonders schweren Fall handele, beim 31-Jährigen sei zudem der Diebstahl geringwertiger Sachen bei der zweiten Tat zu ahnden. Da dem 21-Jährigen in letzterem Fall keine Mittäterschaft anzulasten sei, sei dieser davon freizusprechen. Dem folgte auch das Gericht. In seinem Antrag ging er deutlich über das spätere Strafmaß des Gerichts hinaus – auch der 19-Jährige sei den Indizien zufolge nach Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen. Für die beiden jüngeren Männer setzte er jeweils sechs Monate Freiheitsstrafe an, beim Älteren insgesamt neun Monate für beide Taten zusammen.

Jetzt lesen

Eine Bewährung sei eine „Frage der Sozialprognose“: „Eine günstige Prognose ist bei allen drei Angeklagten nicht ansatzweise zu sehen, deshalb ist eine Bewährung ausgeschlossen.“ Er erkannte – speziell auf diesen Sachverhalt bezogen – in dem Trio „reisende Straftäter“. Zudem hätten die Männer allein Teilgeständnisse abgegeben, viele Fragen seien unbeantwortet geblieben.

Verteidigung: „Sie wollen ein Exempel statuieren“

Das rief die Verteidiger auf den Plan: Die Fragen, die zu der Einschätzung, nur ein Teilgeständnis vorliegen zu haben, seien gar nicht gestellt worden. Alle drei sahen einheitlich vollumfängliche Geständnisse, die sogar noch darüber hinausgingen, was gesagt werden musste. Sehr wohl seien die Angeklagten zu bestrafen, allerdings habe man den Eindruck, die Staatsanwaltschaft wolle „ein Exempel statuieren“, fasste es ein Verteidiger zusammen. Von Geldstrafe bis zu geringer Freiheitsstrafe gingen die Forderungen für den 21- und den 31-Jährigen, der jüngste der drei sei mit einem Dauerarrest nach Jugendstrafrecht zu belegen, der mit der Untersuchungshaft abgegolten sei.

Gericht widerspricht der Ansicht der Staatsanwaltschaft

Das Jugendschöffengericht verhängte gegen den 31-Jährigen sieben Monate Freiheitsstrafe und 60 Tagessätze, gegen den 21-Jährigen sechs Monate auf Bewährung sowie gegen den 19-Jährigen sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung. Für den 19-Jährigen setzte es das Jugendstrafrecht an, „schädliche Neigungen“ seien aber festzustellen. Schließlich hatte dieser bereits einen vierwöchigen Jugendarrest wegen einer ähnlichen Tat abgesessen. Erschwerend kam für die beiden älteren Beschuldigten hinzu, dass auch sie bereits einschlägig in Deutschland wegen Diebstahls in Erscheinung getreten waren. Dass es sich – wie vom Staatsanwalt behauptet – um „klassische reisende Straftäter“ handele, dafür gebe es aber „überhaupt keine Feststellungen“.

„Sie haben ihre Chance bereits bekommen“

Positiv merkte das Gericht an, dass dem Markt kein Schaden entstanden war und dass die Männer die Tat bereuten. Die Geständnisse seien sehr wohl vollumfänglich abgelegt worden. Nicht zuletzt die wohlwollenden Berichte der Justizvollzugsanstalten führten zu dem Entschluss, dass bei den beiden jüngeren Tätern Bewährungsstrafen vertretbar seien.

Jetzt lesen

Der 31-Jährige, der angekündigt hatte, Deutschland wieder in Richtung Georgien verlassen zu wollen, muss dagegen seine Pläne verschieben. Aufgrund einer Verurteilung vom Amtsgericht Berlin aus dem Dezember 2019 wegen Diebstahls mit Waffen stand er noch unter Bewährung. „Sie haben ihre Chance bereits bekommen“, erklärte der Richter den Verzicht auf Bewährung.

Lesen Sie jetzt