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Cochlea-Implanate sind für viele Schwerhörige der allerletzte Schritt. Das Thema ist angstbesetzt. Nicht aber für Bernhard Ikemann. Er will Mut machen.

Ahaus

, 17.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Es beginnt vor zehn Jahren mit einem schweren Hörsturz. Bernhard Ikemann (62) verliert auf der rechten Seite sein Hörvermögen. Mit Hörgeräten auf beiden Seiten kann er dies einigermaßen bewältigen. Doch es wird über die Jahre schlechter. Das linke Ohr wird überbelastet, auch hier droht deshalb der Verlust der Hörfähigkeit. Ein Cochlea Implantat scheint die Lösung. Eine schwere Entscheidung. „Die beste Entscheidung“, sagt Bernhard Ikemann heute und macht anderen Menschen Mut. „Ich habe es nie bereut.“

Manchmal wird er angesprochen, auf der Straße, in der Schlange vor der Kasse. Deutlich sichtbar sitzt die weiße Sendespule an seinem Kopf. Das macht ihm nichts. Gerne informiert er über das, was da an und in seinem Kopf sitzt. Mit einem Griff nimmt Bernhard Ikemann die Sendespule ab und zeigt sie. Mit einem Magneten hält sie am Kopf, unter der Haut sitzt das eigentliche Implantat, ebenfalls mit einem Magneten ausgestattet. Das dritte Element sitzt wie ein Hörgerät hinter dem Ohr. Und dann hängt noch ein weiteres Teil an einem Band um den Hals. Das ist so etwas wie eine Fernbedienung.

Mit dem Cochlea Implantat öffnet sich für Bernhard Ikemann die Welt

Bernhard Ikemann hat ein Cochlea Implantat. © Ronny von Wangenheim

So funktioniert ein Cochlea Implantat?

Ganz kurz gesagt wird bei einem Cochlea-Implantat Schall in elektrische Signale umgewandelt und diese direkt an den Hörnerv weitergeleitet. Die geschädigten Bereiche im Ohr werden damit umgangen. Hier geht es um die namensgebende Gehörschnecke (Cochlea) und die Haarzellen, die bei einem Hörverlust oft geschädigt sind. Der Hörnerv wird also elektronisch stimuliert. Das ist auch der Unterschied zu Hörgeräten, bei denen die Lautstärke von Geräten erhöht wird.

„Das Ohr ist das einzige Sinnesorgan, dass man zu 99 Prozent ersetzen kann“, sagt Christoph Ohrt (30). Er vertritt die Firma Oticon Medical, eine von nur vieren weltweit, die Cochlea Implantate herstellt. Er ist zu Gast bei Ulla van den Berg und Engels Akustik an der Wallstraße in Ahaus. Die Hörgeräteakustikermeisterin beschäftigt sich seit einiger Zeit mit Cochlea Implantaten und baut gerade die Beratung auf. „Es macht Spaß, sich mit diesem neuen Thema zu beschäftigen“, sagt sie.

Mit dem Cochlea Implantat öffnet sich für Bernhard Ikemann die Welt

Das Cochlea Implantat in seinen Einzelteilen: links . © Ronny von Wangenheim

Betreuung gibt es längst nicht bei jedem Akustik-Betrieb. Und bislang auch nicht in Ahaus. Wer sich für ein CI interessiert oder nach der Implantation Training und Betreuung beispielsweise bei der Einstellung der Frequenzen braucht, muss weiter fahren.

Unter der Haut

Das Implantat wird am Kopf unter die Haut gesetzt. Früher hat man noch eine Mulde in den Knochen gefräst. Das passiert heute nicht mehr. Mit einem Magneten werden das Implantat, von dem aus eine sehr dünne Leitung in die Hörschnecke führt, und die Sendespule miteinander verbunden. Hinter dem Ohr sitzt der Soundprozessor, der die Audiosignale erfasst und in einen digitalen Code umwandelt, die wiederum an die Sendespule und damit an das Implantat weitergeleitet werden.

Das Implantat wandelt die digital codierten Audiosignale in elektrische Impulse um und leitet sie an den Elektrodenträger in der Cochlea weiter. So werden die Hörnerven stimuliert, die Signalimpulse werden an das Gehirn weitergeleitet. Dort entsteht dann eine Hörwahrnehmung.

Mit dem Cochlea Implantat öffnet sich für Bernhard Ikemann die Welt

Auch modisch kann das CI sein. Bernhard Ikemann hat bewusst eine weiße Variante gewählt. So ist er gut als CI-Träger erkennbar, andere Menschen können sich darauf einstellen. © Ronny von Wangenheim

„Eine OP am Kopf macht man nicht so einfach“, sagt Bernhard Ikemann. Doch der Leidensdruck war groß. „Wenn man schlecht hört, bekommt man von der Umwelt nicht alles mit. Mit der Zeit zieht man sich immer mehr zurück“, sagt er. So hat Ikemann notgedrungen irgendwann den Vorsitz des Bürger- und Junggesellenschützenvereins Ahaus abgegeben. „Das konnte ich nicht mehr machen.“

„Das Leben hat neu angefangen“

„Mit dem Implantat hat das Leben neu angefangen“, sagt der Ahauser. Und ergänzt: „Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich es viel früher gemacht.“ Vor etwa sechs Jahren, bei einer Reha im Saarland, warnt ihn ein Audiologe. Er müsse aufpassen und etwas machen mit dem rechten Ohr, damit er nicht sein linkes Ohr überlaste. Noch auf der Rückfahrt macht Ikemann einen Termin in der Uniklinik in Mannheim. Die Untersuchung zeigt: Ein Cochlea Implantat würde funktionieren. Ikemann entscheidet sich. Und dann geht es ganz schnell. „Ich wollte nicht so lange mit dieser OP schwanger gehen.“ Im März 2014 wird das Implantat gesetzt, drei Wochen später folgen die Außengeräte.

Mit dem Cochlea Implantat öffnet sich für Bernhard Ikemann die Welt

Ulla van den Berg steigt in die Beratung zum Thema CI ein. © Ronny von Wangenheim

Wie Bernhard Ikemann haben viele Menschen Angst vor dem Cochlea Implantat. Als ob man eine Fremdsprache lernen müsste. Alles hört sich anders an. Man muss völlig neu hören lernen. Das sind einige der Aussagen von Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, den Schritt aber nicht wagen wollen.

Auch Ulla van den Berg kennt diese Vorbehalte. Und sie weiß, es ist nicht einfach. Vor allem für Menschen, die komplett taub sind, und das vielleicht schon lange, ist es ein schwieriger Weg. Andere hören schlecht nach einem Unfall, dem zu lauten Silvesterknaller, aber auch nach einer Meningitis, wenn die Hörschnecke verknöchert.

Nicht zu lange mit dem Hörgerät oder Implantat warten

„Je länger ich taub bin, desto schwieriger wird es“, sagt die Ahauserin. Je eher man ein Hörgerät habe, desto besser. Wenn man die Sinne nicht ausreichend füttert, verkümmern sie. „Wir hören und verstehen mit dem Gehirn“, sagt Christoph Ohrt. „Das Ohr ist lediglich eine Antenne, die wir ausbessern.“

Das Gehirn muss also wieder neu lernen. Wenn man hohe Töne beispielsweise lange nicht mehr hören konnte, kann das schon ein wenig so sein, als ob man eine neue Sprache lernt. „Wie Mickymaus in der Blechtrommel“, gibt sie Erfahrungen von Kunden wieder. Oder „Klavierspielen mit Boxhandschuhen“. Aber das Gehirn merkt sich glücklicherweise auch Laute, Sprache, Tonlagen. Musiker, so Ulla van den Berg, kommen besser mit einem Cochlea Implantat klar, weil sie gelernt haben, differenzierter zu hören.

Mit dem Cochlea Implantat öffnet sich für Bernhard Ikemann die Welt

Ulla van den Berg und Christoph Ohrt im Gespräch über das Cochlea Implantat. © Ronny von Wangenheim

Audiotherapie oder Logopädie, und ganz viel Üben, so erzählt Ulla van den Berg, gehören dazu. „99 Prozent der Arbeit liegt beim Patienten“, sagt auch Christoph Ohrt. Wobei üben bedeutet, in den Park zu gehen und den Vögeln zu lauschen, Hörprogramme zu absolvieren und auch mehr Radio zu hören als Fernsehen zu sehen. „Beim Fernsehen verkümmern die Ohren“, sagt Ulla van den Berg. Das kann jeder Schwerhörige nachvollziehen, der oft anhand des Gesichtsausdrucks oder der Mundbewegungen das Gesagte zusammensetzt. Lippenlesen können viele Schwerhörige.

Störgeräusche können selektiert werden

Der Klang verändert sich. Das sagt auch Bernhard Ikemann. Dass er schon vorher Hörgeräte hatte, machte es einfacher. „Es ist etwas synthetischer. Aber man kann gut damit leben.“ Und manchmal, so sagt er und lacht, ist er den Normalhörenden überlegen. „Wo Rummel ist, oder in einer Mensa mit dem Geklapper von Tellern und Besteck, da höre ich besser als andere“, erzählt er.

Er kann verschiedene Programm wählen und so das Hören steuern. Bestimmte Geräusche werden selektiert. Und wenn er ein Konzert hören will, hat er auch dafür ein Programm. Auch bei seiner Arbeit als Buchhalter klappt alles. Sein Arbeitgeber hat die technischen Voraussetzungen geschaffen, sodass Telefongespräche direkt auf das CI gesteuert werden. „Die Hörgeräte funktionieren wie ein Head-Set“, veranschaulicht Ikemann. Das ist inzwischen Alltag. Auch der Besuch im Kino – alles kein Problem mehr.

Wie war es, wieder alles zu hören? „Man hört wirklich alles. Das Brummen des Kühlschranks. Das Klackern von Frauenabsätzen hat mich wahnsinnig gemacht“, sagt Bernhard Ikemann schmunzelnd. „Die erste Zeit war schon eine Herausforderung.“ In der Anpassungsphase, so erzählt er, ist er viel nach draußen gegangen. „Ich habe es genossen, das Vogelgezwitscher zu hören.“

Zur Anpassungsphase gehört, dass das Implantat eingestellt wird. Christoph Ohrt vergleicht das mit einem Equalizer, den man programmiert, um alle Frequenzen für den CI-Träger optimal einzustellen. Hier kommt wieder Ulla van den Berg ins Spiel.

Gesellschaft ist nicht auf schlecht hörende Menschen eingestellt

Aber sie hat noch ein anderes Anliegen. „Unsere Gesellschaft ist nicht auf schlecht hörende Menschen eingestellt.“, sagt sie. Sie vermisst an vielen Orten funktionierende Induktionsspulen für Hörgeräte- oder CI-Träger. „In Ahaus gibt es sie in der Marienkirche, in der Aussegnungshalle in Alstätte und in der Stadthalle. Aber beispielsweise nicht im Bürgerbüro.“ In Amerika müsse jedes Gebäude, sobald nur ein Lautsprecher installiert wird, eine Induktionsspule haben. Ulla van den Berg: „Das wünsche ich mir hier auch.“

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