Mit den Nachtwächtern durch die Stadt

"Hört ihr Leut’…"

Vor 105 Jahren zu Silvester drehte zum letzten Mal der Nachtwächter seine Runden durch Ahaus. Was er alles erlebt haben könnte, haben wir auf einer Tour mit den beiden ehrenamtlichen Nachtwächtern Hermann Volmer und Franz Thier nachempfunden. Ganz ungefährlich war der Nachtwächter-Job nicht.

AHAUS

, 30.12.2016, 18:08 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hermann Volmer (oben r.) und Franz Thier (oben l.) ziehen als Nachtwächter ihre Runden durch die Stadt – heutzutage natürlich nur noch als Touristenattraktion. Früher war es in der Silvesternacht Brauch, dass sich die Bürger mit Würstchen und einem kleinen Schnaps für den Dienst bedankten.

Hermann Volmer (oben r.) und Franz Thier (oben l.) ziehen als Nachtwächter ihre Runden durch die Stadt – heutzutage natürlich nur noch als Touristenattraktion. Früher war es in der Silvesternacht Brauch, dass sich die Bürger mit Würstchen und einem kleinen Schnaps für den Dienst bedankten.

Es ist eine bitterkalte, windige Dezembernacht. Die Ahauser liegen in ihren Betten und schlafen. Kein Laut ist zu hören. Nur der Wind heult um die Ecken der wenigen Häuser innerhalb der Stadttore. Eine richtige Straßenbeleuchtung gibt es nicht. Nur vereinzelt glimmt eine schummrige Tranfunzel. Hermann Volmer und Franz Thier ziehen ihre schweren Umhänge etwas enger um ihre Schultern. Bei jedem Schritt rasseln die Schlüsselbunde an den Gürteln der beiden Nachtwächter.

Erst erklingt das Horn, dann wird die Uhrzeit angesagt

Die Glocke von St. Mariä Himmelfahrt zerreißt die Stille. Hermann Volmer hebt sein Horn, bläst hinein. "De Klock heff tien", ruft er die Marktstraße hinunter. Die Uhr hat geschlagen. Für die Ahauser, die sich tief unter ihren Federbetten verkrochen haben, ist das das Signal, dass alles in Ordnung ist.

Stolz schwingt in Hermann Volmers Stimme mit, als er sagt: "Man verlässt sich auf uns." Nachts hat er die Hoheit über die Straßen und Gassen. "Aber man behandelt uns schlecht", fügt er missmutig hinzu. "Prüttvolk" seien sie. Das untere Ende der Gesellschaft. Der Abschaum. Leben können sie von ihrer Arbeit nicht. "Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig", murmelt Franz Thier. Er reibt sich die kalten Finger unter dem Mantel. Für den Chronisten gehen sie an diesem Abend gemeinsam durch die Straßen. Normalerweise sind sie allein. Über Tag bessern sie ihren erbärmlichen Sold als Abdecker oder Totengräber auf.

Polizei und Feuerwehr in einem

Mit gewichtiger Miene hebt Hermann Volmer seine Laterne: "Wir sind Polizei und Feuerwehr in einem", sagt er im Schein der Kerze. Die Nachtwächter achten darauf, dass die Tore in der Dämmerung verschlossen werden. Dass sich kein Feuer ausbreitet. Dass sich kein Gesinde in den Gassen herumtreibt. "Wir sorgen dafür, dass die Bürger in Ruhe schlafen können", erklärt Franz Thier. Er will noch etwas sagen, wird aber jäh von einem Poltern unterbrochen. Irgendwo nahe des Walls ist wohl eine Milchkanne umgefallen. Die beiden Nachtwächter horchen auf:

Sie nehmen die Beine in die Hand. Rennen das Drietströtken, die schmale Gasse direkt am Stadtwall, hinunter. Die Laternen schwingen wild umher. In der anderen Hand halten sie die Hellebarde. "Damit könnten wir selbst einen Reiter vom Pferd holen", ruft Franz Thier über seine Schulter. In einer Ecke versteckt sich eine dunkle Gestalt. "Wer bist du? Was willst du hier? Hast du letztens die Kuh gestohlen?", Hermann Volmers Stimme dröhnt durch die Gasse. Sie bricht sich an den Fassaden. Einige Fensterläden werden aufgerissen. Verschlafene Gesichter erscheinen. Sie wollen wissen, woher der Lärm kommt.

Ins Spritzenhaus gesperrt

Auch auf mehrfache Nachfrage bekommen die beiden Nachtwächter nicht heraus, was der Fremde nachts in der Stadt wollte. Sie halten ihm die Hellebarden unter die Nase. Drohen ihm Prügel an. Doch der Fremde schweigt. Am Ende zerren sie ihn aus der Gasse und sperren ihn ins Spritzenhaus. "Soll sich der Bürgermeister morgen darum kümmern", sagt Thier, als er die Tür absperrt und den schweren Schlüsselbund wieder an seinen Gürtel hängt. In der Stadt kehrt wieder Ruhe ein.

Einige Stunden müssen sie noch Wache gehen. Franz Thiers Magen knurrt. Der Hunger ist ihr ständiger Begleiter. Zu Silvester, ja, da haben die beiden ein Leben: "Wir gehen dann von Haus zu Haus", sagt Hermann Volmer. An jeder Tür wird ihnen eine Wurst geschenkt. Für ihre treuen Dienste. "Bei den reicheren Ahausern gibt es sogar mal ein kleines Schnäpschen", freut sich Franz Thier. Das wärmt dann von innen. Mit einem Lied werden sie sich bei den Ahausern bedanken. Sie wünschen den Ahausern darin ein glückliches Jahr und bitten um Gottes Segen für das nächste Jahr. Sie erinnern die Menschen aber auch daran, das eigene Herdfeuer zu bewahren, damit kein Brand ausbricht. Und damit vor allem dem nichts-ahnenden Nachbar kein Schaden entsteht.

Vorsicht vor Nachttöpfen 

Als das Duo gerade zu dem Lied ansetzen will, schwingt krachend ein Fensterladen auf: "Achtung!", tönt es noch kurz aus dem Fenster. Und schon ergießt sich der Inhalt eines Nachttopfes auf den Bürgersteig. Um ein Haar hätten die beiden Wächter die Brühe abbekommen. "Das ist doch verboten", ruft Thier wütend in das Fenster. Recht hat er: Schließlich schreibt die Straßenordnung genau das vor. "Es ist verboten, Flüssigkeiten und Unrath auf die Straßen zu schütten, insbesondere dorthin Nachtgeschirre auszuleeren." So steht es in dem Dokument geschrieben. Aber längst nicht jeder Bürger hält sich daran, was die hohen Herren im Ratssaal entscheiden und aufschreiben lassen. Nicht zuletzt deswegen tragen die Nachtwächter die großen Hüte. "Man bekommt schon mal was ab", sagt Volmer mürrisch. Die Nacht neigt sich schließlich ihrem Ende zu. Wenn man genau hinsieht, taucht schon ein wenig Morgenröte am Horizont auf.

Nachtwächter nur ehrenhalber

Ein paar Mal müssen die beiden blinzeln, als sie aus der dunklen Gasse treten und in die helle Weihnachtsbeleuchtung auf dem Oldenkottplatz blicken. Heute, 105 Jahre nachdem der letzte Nachtwächter in Ahaus seine Runden gedreht hat, sind die beiden Nachtwächter nur noch eine Attraktion für Touristen und Geschichtsbegeisterte. Für die Sicherheit sorgen Tag und Nacht Feuerwehr und Polizei. Hermann Volmer und Franz Thier lehnen ihre Hellebarden an eine Wand und legen die schweren Umhänge ab. Nachtwächter sind sie zum Glück nur ehrenhalber.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt