Semih Dayan hat sich nicht nur als Autohändler einen Namen in Ahaus gemacht. © Christiane Hildebrand-Stubbe
Türkische Großfamilie

Mit Gastarbeiter Mahmud kamen die Dayans nach Ahaus – und blieben

Die Bedeutung des Wortes „Gastarbeiter“ wurde Semih Dayan erst spät klar. Auch, dass sein Großonkel Mahmud einer der ersten in Ahaus war und so Vorreiter der Dayan-Großfamilie wurde.

Semih Dayan, Jahrgang 1974, wird erst als Jugendlichem bewusst, was es heißt, ein Gastarbeiter zu sein. Zu einem Zeitpunkt, als die Bundesrepublik einen Großteil ihrer „Gäste“ gerne wieder zurück in ihrem Herkunftsland sehen wollte. Was 1961 mit dem sogenannten „Anwerbeabkommen“ angekurbelt worden war und zum Zuzug von 605.000 türkischen Gastarbeitern und damit billigen Arbeitskräften führte, wird bereits 1973 wieder gestoppt.

Die Gründe: Befürchtungen um wirtschaftliche Einbußen und Nachteile für deutsche Arbeitnehmer. Seit der Zeit gibt es auch bereits Überlegungen, wie den Gastarbeitern die Rückkehr schmackhaft gemacht werden könne. Über „Rückkehrprämie“ und „Abfindungen“ sowie schließlich über das „Rückkehrhilfegesetz“ (1983) wird damals auch in der Familie Dayan intensiv diskutiert.

Geld für die Rückkehrer

„Als es um Rente und Geld für die Rückkehrer ging, da habe ich erfahren, was Gastarbeiter sind“, sagt Semih Dayan. Zu der Zeit gibt es bereits etliche Mitglieder der Familie Dayan, die in Ahaus leben und arbeiten. Als Semih 1974 geboren wird, ist er eines von 325.000 in Deutschland lebenden Kindern türkischer Gastarbeiter und gehört wie seine beiden Brüder, die Cousins und Cousinen zur dritten Generation der Ahauser Dayans.

Semih Dayan: „Begonnen hat alles mit Onkel Mahmud.“ Mahmud ist der Bruder des Großvaters mütterlicherseits und lässt sich, auf der Suche nach Arbeit, in Istanbul 1964 als Gastarbeiter für Deutschland anwerben. „Überzeugt hat ihn offenbar Adolf Enning, der Arbeiter für seine Baufirma suchte“, vermutet der Großneffe.

Tatsächlich sagt Mahmud Dayan zu, fliegt nach München und reist mit der Bahn nach Ahaus, um als Einschaler am Bau bei Enning die Arbeit aufzunehmen. Hier bleibt er bis zur Rente, vertritt die Interessen seiner Kollegen auch als Betriebsrat. Nach fünf Jahren holt er seine Frau zu sich, fünf Kinder werden geboren. Und nach und nach wächst die Familie weiter, entscheiden sich auch Bruder (Semihs Opa), Neffen und Nichten – darunter auch Semihs Eltern – für eine Zukunft in Ahaus. Viele bekommen Arbeit bei SVD-Verpackungen.

Meist bleibt man unter sich, über Grundkenntnisse der deutschen Sprache kommen die meisten nicht hinaus. Warum das so ist? Semih Dayan hat seine Vermutung: „Die haben alle sehr viel gearbeitet, da blieb einfach keine Zeit für Sprachkurse.“

Geschlossene Gesellschaft

In den heimischen vier Wänden unterhält man sich in der Muttersprache. Die ist, wie Semih Dayan betont, allerdings nicht Türkisch, sondern Arabisch. Die Dayans stammen nämlich aus Antakya, einer Großstadt nahe der Grenze zu Syrien. Und noch eine Besonderheit gibt es: Sie sind zwar Muslime, gehören allerdings zur Religionsgemeinschaft der Aleviten(nicht zu verwechseln mit den türkischen und kurdischen Aleviten) , die sich in einigen Punkten stark von der sunnitischen eines Staatspräsidenten Erdogan unterscheiden.

Außerdem bringen sie aus ihrer alten Heimat auch das mit: „Antakya ist für seine Vielfalt bekannt, hier leben Muslime, Juden, Christen friedlich miteinander, es ist eine Stadt der Toleranz“, sagt Semih Dayan.

Ein Passfoto von Mahmud Dayan. Durch ihn wurde die Familie Dayan in Ahaus ansässig.
Ein Passfoto von Mahmud Dayan. Durch ihn wurde die Familie Dayan in Ahaus ansässig. © Privat © Privat

Das ändert aber nichts daran, dass die erste und zweite Generation der „deutschen“ Dayans mit der deutschen Kultur erstmal fremdeln. „Karneval, Weihnachten, das war selbst für meine Eltern noch eine andere Welt,“ weiß Semih Dayan. Im Urlaub fahren sie in die Türkei und nach der Rente zieht es viele zurück in ihr Geburtsland. Die meisten behalten ihren türkischen Pass.

Nicht so Semih Dayan. Schon als junger Mann wird er Deutscher, spricht fließend Deutsch. Ohne Wenn und Aber sagt er ja zur neuen Staatsangehörigkeit. Wie das in der Familie ankommt? „Meine Eltern, Ali Jahrgang 1948 und Zahide 1952, respektieren und tolerieren meine Entscheidungen, auch wenn sie manches vielleicht anders sehen.“

Wie die Trennung und Scheidung von seiner Frau, der Mutter seiner beiden Kinder. Mit den Namen der Zwillings-Enkel (11), Danyel und Stella-Luna, haben die Großeltern sich schwergetan. Welchen Platz aber hat da die Türkei für Semih Dayan? „Ich kann nicht sagen, dass es mein Vaterland ist, einen Platz in meinem Herzen hat die Türkei aber weiterhin.“

Bekenntnis zu Ahaus

Vor allem aber sieht sich der 46-Jährige als Ahauser: „Ich genieße die Möglichkeiten und Freiheiten, die man hier hat, und lebe gerne in Ahaus.“ Allerdings betont er, dass Toleranz auch Grenzen habe: „Ich möchte, dass deutsche Grundsätze nicht verloren gehen.“

Türkische Gastarbeiter 1969 in Alstätte. Zuerst kamen nur die Männer ohne Familie.
Türkische Gastarbeiter 1969 in Alstätte. Zuerst kamen nur die Männer ohne Familie. © Privat © Privat

Wie Großonkel, Großvater, Onkel, Tanten, Mutter und Vater sind alle Dayans fleißige Menschen, leben bescheiden und bringen es zu einem gewissen Wohlstand. Vater Ali startet mit dem Autohandel, den Semih und seine beiden Brüder vor 25 Jahren übernehmen. Semih Dayan ist erfolgreich – als Geschäftsmann und auf dem Fußballplatz. Zurzeit setzen seine Cousins und Neffen die Kicker-Tradition fort. Der Name Dayan hat in Ahaus durch die Bank einen guten Klang.

Keine Erfahrung mit Rassismus

Negative Erfahrungen mit Abwertung und Anfeindung, weil er Türke ist, hat Semih Dayan in Ahaus und Umgebung nie erlebt. „Unter Fußballern, da fallen schon mal etwas härtere Worte, da herrscht einfach ein anderes Klima.“ Auch von keinem Familienmitglied habe er jemals Beschwerden über rassistische Töne gehört. „Das mag im Ruhrgebiet anders sein.“ Im Geschäftsleben sei es schon mal vorgekommen, dass man extrem mit ihm handeln wollte. Nach dem Motto „Ihr Türken kennt euch da ja aus“. Seit dem Internet seien die Möglichkeiten, am Preis zu schrauben, aber ohnehin vorbei.

Fußball liegt den Dayans im Blut.
Fußball liegt den Dayans im Blut. © Privat © Privat

Trotz oder sogar wegen Corona liefen die Auto-Geschäfte sehr gut, sagt Semih Dayan. Allerdings: „Der Markt ist nicht mehr so konstant, das verlangt auch mehr Flexibilität.“ Die würde er sich gerne auch von der Stadt Ahaus wünschen. Seit vier Jahren nämlich liegen seine Erweiterungspläne dort auf Eis. Jetzt hofft er, dass endlich Bewegung in die Sache kommt. Vielleicht als Geschenk zu Weihnachten. Da hält sich Semih übrigens an die christliche Tradition: „Geschenke, Weihnachtsbaum und in jedem Fall den Weihnachtsbraten (Rinderbraten) gibt es bei mir auch.“

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