Insgesamt 329 Castorbehälter mit hochradioaktiven Brennelementen lagern im Zwischenlager in Ahaus. © Victoria Garwer
BZA

Mit Video und Fotos: So lagern die Brennelemente im Zwischenlager Ahaus

Das Brennelemente Zwischenlager Ahaus (BZA) ist laut Betreiber einer der am besten gesicherten Orte in Deutschland. Wir durften einen Blick hinein werfen und standen vor den Castorbehältern.

Ganz langsam schiebt sich die rote Stahltür auf und gibt den Blick frei in eine riesige Halle. Sechs blaue runde Behälter sind zu sehen, weiter hinten zahlreiche gelbe. Es sind Castorbehälter. Darin lagern hochradioaktive Brennelemente. Die Türen des Brennelemente-Zwischenlagers in Ammeln (BZA) bleiben normalerweise natürlich fest verschlossen, doch die Redaktion durfte einen Blick hinein werfen.

Der Besuch beginnt mit einer Sicherheitskontrolle. Ausweis vorzeigen, Taschen leeren, dann der Gang durch einen Metalldetektor wie am Flughafen. Das Smartphone muss draußen bleiben, die Kamera wird überprüft. Schon im Vorfeld musste die Besucherin ihre Daten und die genaue Bezeichnung der Kamera angeben.

Nicht alles darf fotografiert und gefilmt werden

Auch die Mitarbeiter, die den Besuch begleiten, werden überprüft. „Da sind wir beim Zutritt zur Lagerhalle genauso streng wie bei Gästen“, sagt David Knollmann, der bei der BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Noch schnell einen Helm, Sicherheitsschuhe und eine Warnweste anziehen, dann geht es los.

Neben David Knollmann sind zwei Vertreter der Objektsicherung dabei und ein Mitarbeiter, der genau aufpasst, was fotografiert und gefilmt wird. Denn bestimmte Geräte und Sicherungssysteme oder die konkreten Standorte der Castorbehälter sollen möglichst geheim bleiben. „Gewisse Dinge unterliegen dem Geheimschutz“, erklärt David Knollmann. „Es würde die Sicherung des Lagers ad absurdum führen, wenn wir sie in allen Details öffentlich machen würden. Das würde die Sicherung schwächen.“

Zunächst geht es durch zahlreiche Türen. Die Mitarbeiter der Objektsicherung bitten per Funkgerät jeweils die Kollegen an der Wache vorne, sie per Fernsteuerung zu öffnen. Ohne diese Genehmigung würden sie zu bleiben. Überall sind Kameras angebracht, die Wachleute haben alles im Blick.

Radioaktive Abfälle kommen per Waggon oder Lkw

Über mehrere Treppen geht es hinauf auf eine Empore. Von hier aus hat man einen guten Überblick über die gesamte Halle. In der Mitte ist der Anlieferbereich mit zwei riesigen Toren auf jeder Seite und Schienen auf dem Boden. Hier rollen die Waggons oder Lkw rein, wenn neue Brennelemente und Abfälle angeliefert werden.

In Waggons oder mit Lkw kommen die Brennelemente und radioaktiven Abfälle im Zwischenlager an.
In Waggons oder mit Lkw kommen die Brennelemente und radioaktiven Abfälle im Zwischenlager an. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

„Schwach- und mittelradioaktive Abfälle werden regelmäßig eingelagert. Diese lagern im westlichen Teil“, sagt David Knollmann und zeigt auf 230 Container, die hinter einer Zwischenwand stehen.

Dort gibt es einen gesonderten Kontrollbereich. Das heißt, dass dieser Teil der Halle nur mit spezieller Zusatzausrüstung, Messgeräten und einer gut begründeten Genehmigung betreten werden darf. Im Bereich der Halle, wo die hochradioaktiven Abfälle lagern, sind die besonders gekennzeichneten Kontrollbereiche kleiner. David Knollmann erklärt: „Für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle gibt es eine Auflage aus der Genehmigung, wonach der gesamte Lagerbereich als Kontrollbereich ausgewiesen werden muss.“

Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle lagern in Container in einem speziell gesicherten Kontrollbereich.
Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle lagern in Container in einem speziell gesicherten Kontrollbereich. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Ursprünglich war das gesamte Zwischenlager in Ahaus für die Lagerung von hochradioaktiven Brennelementen aus Atomkraftwerken (AKW) vorgesehen. 420 Stellplätze für große Castorbehälter gibt es deswegen. „Doch Anfang der 2000er hat die Politik entschieden, dass es an jedem AKW ein Zwischenlager geben soll, damit es nicht zu so vielen Transporten kommt“, sagt David Knollmann.

Der schwach- und mittelradioaktive Abfall wird allerdings auch weiterhin aus AKW kommen. „Das sind Abfälle aus dem Betrieb oder dem Rückbau“, erklärt David Knollmann. Anders als geplant werden aber in Zukunft keine hochradioaktiven Brennelemente aus AKW mehr nach Ahaus transportiert. Hinzukommen sollen unter anderem noch Brennelemente aus Forschungsreaktoren. „Diese Brennelemente und die dafür vorgesehenen Castorbehälter sind kleiner als Brennelemente aus Atomkraftwerken und dadurch ist es insgesamt weniger radioaktives Material“, sagt David Knollmann.

Strahlung in der Halle wird dauerhaft gemessen

Der letzte Castortransport mit hochradioaktivem Material kam im Jahr 2005 aus dem Forschungsreaktor in Dresden-Rossendorf nach Ahaus. Diese 18 Castorbehälter lagern im östlichen Teil der Halle, genau wie 305 Behälter aus dem Kernkraftwerk THTR in Hamm-Uentrop und sechs große blaue Behälter aus den Atomkraftwerken Neckarwestheim und Gundremmingen.

In der Halle wird dauerhaft die Strahlung gemessen. Sie liegt im Schnitt bei 0,5 Mikrosievert pro Stunde.
In der Halle wird dauerhaft die Strahlung gemessen. Sie liegt im Schnitt bei 0,5 Mikrosievert pro Stunde. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Diese wurden 1998 unter großen Protesten nach Ahaus transportiert. Sie stehen in der Halle separat und sind weiträumig abgesperrt, denn auch hier ist ein Kontrollbereich eingerichtet. Ein Messgerät überwacht an der Absperrung dauerhaft die Strahlung. Der Wert liegt im Schnitt bei 0,5 Mikrosievert pro Stunde.

David Knollmann führt zur Einordnung einen Vergleich an: Bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria bekommen Passagiere je nach Flughöhe 10 bis 18 Mikrosievert ab. Heißt: Um dieselbe Strahlung wie bei einem Vier-Stunden-Flug abzubekommen, müsste man 20 bis 36 Stunden in der Halle mit den Castorbehältern stehen.

Klar ist jedoch auch, dass die Strahlung dort größer ist als die natürliche Strahlenbelastung. Die Castorbehälter schirmen also zwar einen Großteil ab, aber eben nicht die gesamte Strahlung.

Mehrere Behörden überprüfen das BZA

Überprüft wird das BZA gleich von mehreren Behörden. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zum Beispiel misst dauerhaft die Strahlenbelastung am äußeren Zaun des Zwischenlagers. Diese Werte sind öffentlich einsehbar. Genehmigungen etwa für neue Einlagerungen von hochradioaktiven Abfällen muss das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung erteilen.

Fotostrecke

Einblicke in das Brennelemente-Zwischenlager

Die International Atomic Energy Ageny hat Kameras in der Halle installiert. „Darauf können wir gar nicht zugreifen, das ist ein komplett eigenes System“, sagt David Knollmann. „In der Halle werden keine Behälter ohne Zustimmung der Aufsichtsbehörde bewegt – das würde auffallen.“

Die gelben Behälter im hinteren Teil der Halle sind deutlich kleiner als die blauen. Immer zwei stehen übereinander, schwarze Kabel führen von den Deckeln zum Boden. „Das ist die Verkabelung der Druckschalter“, erklärt David Knollmann. Zwischen den Deckeln der Behälter wird nämlich dauerhaft der Druck gemessen, sodass eine Undichtigkeit direkt auffallen würde.

305 der 329 Castorbehälter kommen aus dem Kernkraftwerk THTR in Hamm-Uentrop.
305 der 329 Castorbehälter kommen aus dem Kernkraftwerk THTR in Hamm-Uentrop. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Jeder Castorbehälter hat zwei Deckel. „Wenn der innere Deckel undicht wäre, könnten wir von außen einen neuen zweiten Deckel aufschweißen. Wenn der äußere Deckel defekt wäre, würden wir diesen demontieren und austauschen“, sagt David Knollmann. Weder der eine noch der andere Fall sei aber bisher jemals in Deutschland vorgekommen.

Mitarbeiter im BZA müssen ständig Messgeräte bei sich tragen

Etwas mehr als 30 Mitarbeiter sind am BZA beschäftigt. Sie überprüfen die technischen Systeme, messen die Strahlung, überwachen die Anlage und dokumentieren die Prozesse. Immer wenn sie Kontrollbereiche in der Halle betreten, müssen sie zwei Dosimeter bei sich tragen, die die Strahlung messen. Eines übermittelt die Messwerte direkt an die Behörden, eines zeigt die Strahlung sichtbar für die Mitarbeiter an. „Die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte wird streng kontrolliert. Mitarbeiter, die häufig im Lager arbeiten müssen, werden regelmäßig vom Betriebsarzt untersucht“, sagt David Knollmann.

Nach rund 90 Minuten ist der Besuch im BZA vorbei. Auch beim Rausgehen müssen die Türen per Fernsteuerung über die Wache geöffnet werden, vorne wird alles per Unterschrift noch einmal dokumentiert. „Nicht umsonst heißt es, dass die Zwischenlager die am besten gesicherten Orte in ganz Deutschland sind“, sagt David Knollmann.

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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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