Nach 155 Jahren ist Schluss: Männerchor Cäcilia Ahaus verstummt für immer

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Der Männerchor Cäcilia Ahaus löst sich auf. Damit geht eine 155-jährige Chorgeschichte zu Ende. Redakteur Christian Bödding hat mit drei Vorstandsmitgliedern über die Gründe gesprochen.

Ahaus

, 27.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit 14 Sängern fing 1865 alles an, mit 15 Sängern hört 2020 alles auf: Anfang und Ende des Männerchores Cäcilia Ahaus. Dazwischen liegen 155 Jahre Ahauser Chorgeschichte.

Wir schreiben das Jahr 1865: 14 sangesfreudige Bürger – „sämtlich dem besseren Bürgerstande angehörend“, wie die Chronik vermerkt – gründen den Cäcilien-Verein. 1893 kommt es zu Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Anwendung der Statuten.

Der Chor spaltet sich. Fortan gibt es den Männergesangverein Cäcilia, der sich ab 1972 „Männerchor Cäcilia Ahaus von 1865“ nennt und den Pfarr-Cäcilien-Verein, die Chorgemeinschaft St. Mariä Himmelfahrt.

Notarielle Auflösung fehlt noch

Januar 2020: Der Chor hat sich offiziell zum letzten Mal getroffen. Es fehlt nur noch die notarielle Auflösung des Vereins.

Vorsitzender Janny Heisterborg (81), Kassierer Bruno Wesker (68) und Geschäftsführer Josef Reimering (68) haben für ein Gespräch mit unserer Redaktion einen Karton voller Unterlagen mitgebracht.

Sie sind Teil der 155-jährigen Chorgeschichte. Das meiste davon geht ins städtische Archiv, auch der Heimatverein nimmt Unterlagen und die Vereinsfahne in seine Obhut. „Wir waren auch bei der Landesmusikakademie in Nienborg, aber die wollten nichts haben“, erklärt Janny Heisterborg.

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Was mit den kompletten Notensätzen passiert, ist noch nicht so ganz klar. „Wer Noten haben möchte, darf sich gerne bei uns melden“, sagt der Vorsitzende. Das Angebot richte sich vor allem an andere Chöre.

Wer also volkstümliche Lieder in deutscher Sprache, Werke aus Opern und Operetten singen möchte, kann sich am Notenmaterial bedienen.

Zuletzt nahmen beim Männerchor Cäcilia immer weniger Mitglieder die Notenblätter in die Hand.

„Der Nachwuchs fehlt“, sagt Janny Heisterborg. „Josef Reimering und ich, wir sind die Jüngsten“, sagt Bruno Wesker. Und das mit 68 Jahren.

16 Männerstimmen sollten es sein

An aktiven Sängern zählt der Chor noch 15 Mitglieder. „Aber vollzählig waren wir zum Schluss nur noch selten.“ Krankheitsbedingt gab es den ein oder anderen Ausfall.

Bruno Wesker: „Häufig waren wir bei der Chorprobe nur noch zu zwölft. Aber vier Stimmen und in jeder Stimme vier Sänger sollten es schon sein, sagt unser Chorleiter Ludger Hollmann.“

16 Männerstimmen braucht es, um den 1. und 2. Tenor und den 1. und 2. Bass abzudecken. Doch der Chorklang war zuletzt immer seltener da.

Bei der letzten Generalversammlung gab es ein allerletztes Aufbäumen: Der Chor wollte noch ein halbes Jahr lang versuchen, neue Mitglieder zu gewinnen. Sollte das nicht gelingen, werde am Jahresende 2019 Schluss sein.

Janny Heisterborg: „Wir haben immer wieder Leute angesprochen. Aber niemand zeigte Interesse.“ Mal hieß es: keine Zeit, mal hieß es: Ich kann nicht singen.

Mitglied in einem Männerchor zu werden, das reize heute nicht mehr, sagt Josef Reimering. Das mag beim Männerchor Cäcilia neben dem Altersschnitt auch am Repertoire gelegen haben. „Junge Leute wollen moderne Musik hören“, sagt der Geschäftsführer.

Schleichender Prozess

Das Vorstands-Trio weiß vom Zulauf, den heute Rock- und Popchöre auch in Ahaus und Umgebung haben. „Sie singen Lieder, die „in“ sind, das haben wir nicht gemacht“, sagt Janny Heisterborg. „Sie singen praktisch Schlagermusik, umgesetzt in Chormusik“, erklärt Josef Reimering. „Sicher hätten wir auch etwas anderes gesungen, wenn wir jüngere Mitglieder gehabt hätten“, sagt Bruno Wesker.

Doch die kamen nicht. „Ich bin vor 30 Jahren in den Männerchor eingetreten“, berichtet der Kassierer. „Danach kamen vielleicht noch zwei, drei neue Mitglieder.“

So dünnte der Chor in einem schleichenden Prozess immer weiter aus.

„Selbst bei 20 Mitgliedern haben wir noch nicht darüber nachgedacht aufzuhören“, sagt der Vorsitzende. Den Namen aufzugeben, Frauen aufzunehmen und als gemischter Chor mit mehr Mitgliedern weiterzumachen, das war nie ein Thema beim Männerchor Cäcilia.

Ein Foto des Chores aus dem Jahr 1990, damals waren noch über 20 Mitglieder aktiv.

Ein Foto des Chores aus dem Jahr 1990, damals waren noch über 20 Mitglieder aktiv. © Männerchor Cäcilia

So blieben die Männer unter sich und probten einmal die Woche zwei Stunden lang, mit einer viertelstündigen Pause. 100 Jahre lang war die Gaststätte „Zur Alten Post“ der Sängertreff, dann wechselte der Chor zur Gaststätte Leers, nach deren Ende sangen die Männer die letzten Jahre im Ahauser Eck.

Ausgleich zum Beruf

„Das war immer ein schöner Ausgleich zum Beruf“, erklärt Bruno Wesker. Nach dem Singen gab es in der Gemeinschaft ein paar Bierchen, es wurde geklönt, ein schöner Abend. „Es war ja nicht nur das Singen, auch die Gemütlichkeit spielte eine Rolle“, stimmt Janny Heisterborg zu.

So steht es sogar in der Satzung: „Zum Singen gehört das gemütliche Beisammensein.“ Das wollen die drei Sänger und vielleicht noch einige andere Chorbrüder beibehalten. Sie werden sich weiter im Ahauser Eck treffen, auch ohne Gesang.

Zum Schluss trafen sich immer weniger Chorbrüder zu den wöchentlichen Proben.

Zum Schluss trafen sich immer weniger Chorbrüder zu den wöchentlichen Proben. © Männerchor Cäcilia

Zweimal hat der Männerchor das Bundesleistungssingen ausgerichtet. Eine Vielzahl an Auftritten mit anderen Chören absolviert, Kaffeekonzerte ausgerichtet, eine Fahrt nach Polen unternommen, in Pflegeheimen, zum Volkstrauertag und im Advent in der evangelischen Kirche gesungen. All das ist nun Geschichte. Den Männerchor Cäcilia gibt es nicht mehr.

Der letzte Vorsitzende

Janny Heisterborg, seit 2002 im Amt, wird die Liste der Chorvorsitzenden abschließen. 1967 trat er dem Männerchor bei, dem sein Vater schon seit 1920 angehörte. „Er hat sich immer gewünscht, dass eines seiner Kinder im Männerchor singt.“

Mit Janny war es dann vor 53 Jahren der Fall. „Ich war in dem Jahr Schützenkönig und meine Königin war die Tochter vom damaligen Vorsitzenden. Er hat uns ein Ständchen gebracht, da musste ich einfach in den Chor gehen, ich konnte gar nicht anders. Ich habe es gerne getan.“ Bis heute.

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