Nach Corona-Verordnung: Ahauser Einzelhändler zwischen Frust und Freude

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Geschäfte bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern dürfen unter Auflagen ab Montag wieder öffnen. Wer über mehr Verkaufsfläche verfügt, muss weiter die Türen geschlossen halten.

Ahaus

, 16.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aufatmen auf der einen Seite, großer Frust auf der anderen: Die am Mittwoch von Angela Merkel angekündigte Neuregelung der Corona-Maßnahmen sorgte auch in Ahaus für gemischte Gefühle – vor allem im Einzelhandel.

Von „großer Freude“ über die Entscheidung sprach am Donnerstag Peter Thiemann, der seinen Spielwaren- und Bastelladen in der Fußgängerzone ab Montag wieder regulär öffnen darf, sofern er die Auflagen der Landesregierung erfüllt.

Mit seiner rund 100 Quadratmeter großen Verkaufsfläche erreicht er nicht annähernd die Maximalgröße von 800 Quadratmetern. Das ist bei Steingrube Mode anders. Die insgesamt vier Etagen verfügen über eine Verkaufsfläche von circa 2000 Quadratmetern.

Damit fällt das Geschäft laut Baugesetzbuch eindeutig unter die Kategorie „Großraumläden“. Und die dürfen laut NRW-Verordnung nur dann öffnen, wenn sie zum Beispiel Autos, Lebensmittel, Fahrräder, Bücher oder Baby-Zubehör verkaufen.

Keine Ausnahmen für Bekleidungsgeschäfte

Bekleidung fällt allerdings nicht darunter. Und genau die wird bei Steingrube angeboten. Am Donnerstagvormittag zeigte sich Geschäftsführerin Petra Steingrube-Rittmann noch verhalten optimistisch, am Montag dennoch die Türen wieder öffnen zu dürfen.

Petra Steingrube-Rittmann muss ihren Laden weiter geschlossen halten.

Petra Steingrube-Rittmann muss ihren Laden weiter geschlossen halten. © Lena Beneke

Beim Ordnungsamt der Stadt Ahaus fragte sie an, ob sie nicht einfach zwei Etagen ihres Modehauses absperren könne. Dann käme sie fast genau auf eine Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern.

„Das wäre immerhin ein kleiner Schritt zurück zur Normalität“, erklärte Petra Steingrube-Rittmann am Telefon. Von Seiten der Stadt sagte man ihr zu, diesen Vorschlag bei der Konferenz der Bürgermeister des Kreises, die am Donnerstag einberufen wurde, anzusprechen.

Karl-Josef Laumann mit klarer Ansage

Die Antwort nahm Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann der Stadt Ahaus bei seiner Pressekonferenz am Mittag vorweg: „Es können nur Geschäfte öffnen bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern.“ Er betonte: „Daran halten wir uns streng. Wir werden nicht zulassen, dass Geschäfte, die größer sind, sagen: Naja, dann schließe ich halt das zweite oder dritte Stockwerk und bin dann unter 800 Quadratmetern. Das werden wir nicht mitmachen.“

Damit beschrieb er genau den Fall, den Steingrube-Rittmann geplant hatte. Im Telefonat mit der Redaktion sprach sie von einer „sehr schlechten Nachricht“ und einer „großen Sehnsucht“, die nun geplatzt sei.

Für die Regelung des Landesregierung habe sie generell kein Verständnis: „Warum zieht man die Grenze bei 800 Quadratmetern?“ Sie wünscht sich eine Unterscheidung zwischen Großstädten und ländlichem Raum, zu dem sie Ahaus und Umgebung zählt.

Bei 800 Quadratmetern 80 Kunden gleichzeitig

„Wenn man jedem Kunden die vorgegeben Mindestfläche von zehn Quadratmetern einräumen würde, könnte ein Laden mit 800 Quadratmetern theoretisch 80 Kunden gleichzeitig in den Laden lassen. An solche Zahlen würden wir niemals kommen. Wir könnten jedem Kunden viel mehr Platz bieten“, argumentiert die Steingrube-Geschäftsführerin.

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In Städten wie Düsseldorf sehe das anders aus. „Wenn dort jeder Laden wieder öffnen darf, ist die Stadt voll. Diese Gefahr sehe ich in Ahaus nicht. Es sollte differenziert werden.“

Thomas Dieker zeigt sich enttäuscht

Auch bei Thomas Dieker, Geschäftsführer vom Elektromarkt „Euronics“ stößt die Verordnung des Landes NRW auf Unverständnis: „Die Beschränkungen sind völlig irrational. Das ist überhaupt nicht durchdacht.“ Auch er hatte bei der Stadt Ahaus eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Seinen circa 1200 Quadratmeter großen Markt wollte er durch Absperrung bestimmter Bereiche auf die erlaubten 800 reduzieren.

Thomas Dieker bezeichnet die neue Corona-Verordnung als „nicht durchdacht“.

Thomas Dieker bezeichnet die neue Corona-Verordnung als „nicht durchdacht“. © Privat

Dass das nun wohl nicht erlaubt sein wird - die schriftliche Verordnung war bei Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht - kann er nicht verstehen: „Wo ist der Unterschied zu einem Baumarkt, der weiter öffnen darf?“

Für ihn wäre es der bessere Ansatz gewesen, den Kunden zum Schutz vor Infektionen deutlich mehr Platz einzuräumen: „50 Quadratmeter pro Kunden wären akzeptabel und auch nachvollziehbar gewesen.“

Lieferservice wird gut angenommen

Immerhin: Alle drei Ahauser Unternehmer verbindet, dass die Resonanz auf die Liefer- und Abholangebote durchweg positiv ausfiel. „Wir haben sehr viel zu tun. Das hat sich gut eingependelt“, sagt Thomas Dieker. Auch Petra Steingrube-Rittmann erklärte: „Man spürt in Ahaus den Zusammenhalt. Wir haben schnell alles mögliche auf die Beine gestellt und es wurde gut angenommen.“

Bei Thiemann gab es sogar einen echten Run auf die Produkte. „Mit Bastel- und Spielwaren hatten wir natürlich Glück. Das ist genau das, was aktuell gebraucht wird. Erwachsene und Kinder haben gerade viel Zeit.“ Vor allem Gesellschaftsspiele und Puzzle seien in Massen gekauft worden. „Ravensburger und Schmidt haben aktuell sogar Lieferschwierigkeiten. Ich hatte zum Glück gut eingekauft“, sagt Peter Thiemann.

Unterschiedliche Sichtweisen auf Corona-Krise

Er glaubt, dass der Einzelhandel teilweise auch von der Corona-Krise profitieren kann: „Man merkt, dass sich die Menschen besinnen. Sie haben wieder einen anderen Blick für die lokalen Anbieter. Niemand will schließlich eine tote Innenstadt.“

Petra Steingrube-Rittmann, die auch Vorsitzende des Ahauser Gewerbevereins ist, sieht allerdings auch eine große Gefahr: „Viele sitzen auf der gelieferten Ware und der Umsatz bricht zu 95 Prozent weg. Es ist eine ganz schwierige Zeit. Einige werden das überleben, andere wohl nicht.“

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