Bisher gibt es von der Stiko keine Empfehlung für eine Impfung bei Schwangeren. Das könnte sich Ende August ändern. In Ahaus entscheiden Gynäkologen ganz unterschiedlich, ob sie Schwangere impfen oder nicht. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Nach Todesfall: Frauenärzte nicht einig über Impfung bei Schwangeren

Eine schwangere 25-Jährige ist am Coronavirus gestorben. Sie war nicht geimpft. Auch in Ahaus gehen die Meinungen zur Impfung Schwangerer weit auseinander.

Die Nachricht schockiert: Eine schwangere 25 Jahre alte Frau aus Dortmund starb in der vergangenen Woche an einer Corona-Infektion. Das Kind wurde per Kaiserschnitt geholt und überlebte.

Der Tod der jungen Frau ist allerdings kein Einzelfall. Offenbar ist das Risiko für Schwangere, schwer an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben, viel höher als von nicht schwangeren jungen Frauen.

Ahauser Frauenärztin empfiehlt auch Schwangeren die Impfung

Elisabeth Lohmann, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Ahaus, empfiehlt ihren schwangeren Patientinnen daher, sich impfen zu lassen. „Weil ich voll dahinter stehe, impfe ich auch selbst. Ich habe mit der Impfung nur gute Erfahrungen gemacht. Auf der anderen Seite hatte ich schon einige schwangere Patientinnen, die schwer an COVID erkrankt sind.“

Die Frage für die werdenden Mütter sei immer, wie verträglich die Impfung für das Kind ist. Nach allem, was man wisse, gäbe es damit kein Problem.

Käme es bei der Impfung in seltenen Fälle zu Impfreaktionen bei den Schwangeren, seien die problemlos zu behandeln. „Der Einsatz dieser Medikamente ist in der Schwangerschaft erlaubt.“

Elisabeth Lohmann macht auf einen weiteren Faktor aufmerksam, den werdende Mütter bedenken sollten. „Im letzten Jahr waren vor allem ältere Menschen von dem Virus betroffen. Jetzt grassiert es ganz besonders bei den Jüngeren, also in den Altersstufen, in denen sich die Schwangere häufig bewegen.“

Gynäkologe hält sich strikt an die Vorgaben der Stiko

Doch längst nicht alle Gynäkologen in Ahaus denken so: Rafeeq Abu Shahrour etwa hält sich an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission. Und die sieht eben noch keine Impfungen für Schwangere vor. „So kläre ich die Frauen auch auf“, sagt er.

Auch wenn er eindeutig vom Nutzen der Impfung überzeugt ist, mag er die Empfehlung der Stiko nicht von sich aus übergehen. Käme eine Schwangere zu ihm, die auf einer Impfung beharre, würde er das tun, allerdings nicht aus freien Stücken. Das sei bisher aber noch nicht vorgekommen.

Rafeeq Abu Shahrour hatte zusammen mit seinen Angestellten Marina Halfer (l.), Lea Semme und Anke Korten (fehlt auf dem Foto) die Aktion durchgezogen. In den Praxisräumen an der Forckenbeckstraße hätte er in so kurzer Zeit niemals so viele Impflinge versorgen können.
Rafeeq Abu Shahrour hatte zusammen mit seinen Angestellten Marina Halfer (l.), Lea Semme und Anke Korten (fehlt auf dem Foto) die Aktion durchgezogen. In den Praxisräumen an der Forckenbeckstraße hätte er in so kurzer Zeit niemals so viele Impflinge versorgen können. © Stephan Rape © Stephan Rape

Bei stillenden Frauen sei das etwas anderes. Denen verabreiche er auch jetzt schon eine Impfung. Rafeeq Abu Shahrour will nun erst einmal das Ende dieses Monats abwarten. Er geht davon aus, dass die Stiko und das Robert-Koch-Institut sich dann neu positioniert.

Gesellschaft für Gynäkologie warnt seit Mai vor Covid-Gefahr

Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe machte schon im Mai auf die Gefahr für Schwangere durch das Coronavirus aufmerksam. In einem von elf medizinischen Fachverbänden unterstützten Appell sprechen sich die Mediziner für eine priorisierte COVID-19-Schutzimpfung für schwangere und stillende Frauen mit einem mRNA-basiertem Impfstoff aus.

Als Grundlage für die Empfehlung haben die Autoren die verfügbare wissenschaftliche Literatur ausgewertet. Die Datenlage zeige demnach, dass eine COVID-19-Erkrankung in der Schwangerschaft eine ernsthafte Gefahr für Mutter und Kind darstellen kann.

Im Vergleich zu Nicht-Schwangeren macht ein entsprechender Ausbruch sechsmal häufiger eine intensivmedizinische Betreuung nötig. Eine Beatmung ist sogar 23 mal häufiger notwendig, als bei der nicht schwangeren Vergleichsgruppe.

Prof. Dr. Anton J. Scharl, Präsident Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG e. V.): „Die Auswertung der wissenschaftlichen Daten zeigt uns, dass eine Impfung aller Schwangeren äußerst sinnvoll wäre. Denn allein das Frühgeburtsrisiko liegt bei COVID-19 positiv getesteten Frauen bis zu 80 Prozent höher, als bei gesunden Schwangeren. Hinzu kommen zahlreiche weitere Risiken für die nicht geimpfte erkrankte Mutter und ihr ungeborenes Kind.“

mRNA-Impfstoff führe nicht zu erhöhtem Sterblichkeitsrisiko

Die COVID-19-Impfung von Schwangeren mit mRNA-basierten Impfstoffen führe zudem nicht zu einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko oder zu einem Anstieg von Erkrankungen. Außerdem können die mütterlichen Antikörper auch einen Infektionsschutz, eine sogenannte Leihimmunität, für das Neugeborene bewirken.

Das gilt auch für Stillende. Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin: „Da nachgewiesen ist, dass durch die Impfung gebildete Antikörper über die Muttermilch transportiert werden, sind gestillte Neugeborene durch eine Nestimmunität geschützt.“

Die Autoren der elf Fachgesellschaften betonen zugleich die Sicherheit der mRNA-basierten Impfung für stillende Mütter. Wichtig zu wissen: Eine Impfung erfordere keine Stillpause.

Stiko soll mit Empfehlungen zurückhaltend sein

Auf eben dieses Papier der DGGG verweist auch Jens Eisenack, der ärztliche Leiter des Impfzentrums in Velen. „An diesen Empfehlungen orientieren wir uns. Die STIKO ist ja mit Impfempfehlungen sehr zurückhaltend. Das war bei den Kindern auch so.“ Die meisten Schwangeren würden sich zuvor bei ihrem Arzt informieren. „Wenn ich gefragt werde, empfehle ich die Impfung.“

In anderen Ländern, wie beispielsweise in den USA, in Israel oder im Vereinigten Königreich würden Schwangere sogar priorisiert geimpft. „Eins ist klar. Es kommt im Vergleich nicht zu vermehrten Komplikationen bei Schwangeren, wenn sie mit mRNA-Impfstoffen geimpft werden. Auf der anderen Seite zeigen die Zahlen, dass Schwangere häufiger intensivmedizinisch betreut werden müssen, häufiger beatmet werden müssen und eine deutlich erhöhte Sterblichkeit und Rate von Todgeburten haben.“

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Stephan Rape

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