Neues Kirchenfenster an der Evangelischen Kirche eingesetzt

mlzGlaskunstwerk

Das neue Kirchenfenster wurde in den Derix Glasstudios im Taunusstein gefertigt. Unsere Reporterin hat sich die Werkstatt angeschaut und mit der Künstlerin gesprochen.

von Marita Brinkmann-Theile, Madlen Gerick

Ahaus

, 14.08.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vorsichtig heben zwei Mitarbeiter der Firma Derix Glasstudios die 2,20 Meter hohe Spiegelscheibe aus dem Bulli. Mit Saugnäpfen und Seilen wird sie an einem Kran befestigt und schwebt dann langsam nach oben auf das Vordach der Evangelischen Christuskirche in Ahaus. Dabei dreht sich die Scheibe in der Luft, die Blätter der Bäume spiegeln sich in ihr.

Die circa 150 Kilogramm schwere Scheibe ist der erste Teil des neuen Kirchenfensters. Der Spiegel soll dafür sorgen, dass das Licht reflektiert wird und das Kunstwerk wie ein richtiges Fenster aussieht. Denn hinter der Scheibe ist die Wand der Kirche, dahinter die Orgel - von der anderen Seite kann also kein Licht durch das Rundfenster scheinen.

Künstlerin begleitet den Einbau

Künstlerin Lea Schulz-Dievenow verfolgt jeden Schritt des Einbaus „ihres“ Kirchenfensters. „Die Scheibe heil dran zu bekommen, ist echt schwierig“, sagt sie, während sie alles mit der Kamera festhält. Schon die Erstellung des Glaskunstwerks war ein herausforderndes Zusammenspiel aus verschiedenen hochqualifizierten Fachleuten.

Davon konnten sich einige Ahauser Gemeindemitglieder in der Endphase der Realisierung des neuen Rundfensters ein Bild machen. Sie haben auf Einladung der Künstlerin die Werkstatt der Derix Glasstudios in Taunusstein besucht. Dort wurde der Entwurf von Glaskünstlerin Lea Schulz-Dievenow zu einem Kunstwerk aus Glas technisch perfekt und handwerklich auf höchstem Niveau realisiert.

Glaskunstwerke aus Taunusstein in der ganzen Welt zu sehen

Dr. Anna Rothfuss, die Ur-Ur-Enkelin des Gründers der Derix Glasstudios, und Lea Schulz-Dievenow haben die Ahauser durch die Werkstatt geführt, die das Herzstück der Glasstudios ist und einem großen Atelier gleicht. Hier steht der vermutlich größte Brennofen der Welt. 70 Fachkräfte sind in der Werkstatt tätig und immer wieder auch die Künstlerinnen und Künstler, die mit ihnen an der Umsetzung ihrer Entwürfe arbeiten.

Dort entstehen Glaskunstwerke, die in der ganzen Welt zu sehen sind. Von Taiwan bis zum Vatikan, von Schloss Neuschwanstein bis zum Rockefeller Center in New York, von Alaska bis Australien und bald auch in Ahaus. „Leas Fenster-Entwurf bedeutete eine besondere Herausforderung – so etwas hatten wir noch nicht. Doch unsere Techniken werden immer ausgefeilter, sodass wir hier ebenfalls erfolgreich mit der Künstlerin zusammenarbeiten“, sagte Dr. Anna Rothfuss bei der Besichtigung.

Künstlerin erklärt Ahausern den Entstehungsvorgang

Auf einmal rief eine der Presbyterinnen: „Da steht es ja! Das ist doch unser Fenster.“ Und tatsächlich! Der Rahmen wirkte von Nahem viel größer als das Rundfenster der Evangelischen Kirche. Mehr und mehr Begeisterung machte sich breit, als Lea Schulz-Dievenow der Ahauser Gruppe die einzelnen Stufen der Umsetzung des Kunstwerks erläuterte und konkret anhand einiger bereits fertigen Scheiben verdeutlichte.

„Schritt für Schritt entstanden über Wochen die einzelnen Glasscheiben mit textiler Struktur und Faltenwurf. Am Anfang des Prozesses wurden die Formen für die Glasverschmelzung gebaut und für die Verschmelzung vorbereitet.“ Dann öffnete sich einer der Brennöfen und die Ahauser konnten zwei gebrannte Glasscheiben in ihren Formen für das neue Kirchenfenster bestaunen.

Neues Kirchenfenster an der Evangelischen Kirche eingesetzt

Die Scheibe wird sicher in ihrem Rahmen befestigt. © Gerick

Design ist auf Ahaus zugeschnitten

Als die Spiegelscheibe am Dienstag endlich sicher in dem Rahmen sitzt, strahlt die Künstlerin über das ganze Gesicht. Auf die Scheibe kommt ein zweiter Rahmen in Form eines geschwungenen Kreuzes. In die vier Öffnungen werden dann die einzelnen geschmolzene Segmente eingesetzt, die die Ahauser schon in dem Brennofen gesehen hatten.

Lea Schulz-Dievenow erklärt das besondere Design: „Die Textilstruktur ist angelehnt an die Blütezeit der Textilindustrie mit der Jute hier in Ahaus. Die Kugeln symbolisieren die Gemeindemitglieder.“

Dass es womöglich auch Kritiker des neuen Rundfensters geben wird, ist für die Kunstglaserin kein Problem. „Diskussionen gehören zur Kunst dazu“, sagt sie und hofft, „dass dieses nicht-bunte Kirchenfenster Mut macht, kreative Entscheidungen jenseits des Mainstreams zu treffen“.

Das Fenster wird am 25. August im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes eingeweiht. Bis dahin bleibt es noch verhüllt.

Neues Kirchenfenster an der Evangelischen Kirche eingesetzt

Die stolze Künstlerin mit ihrem Werk - die Struktur soll an die Textilindustrie in Ahaus erinnern, die Kugeln stellen Gemeindemitglieder dar. © Brinkmann-Theile

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