Genau vor 45 Jahren nahmen Mitarbeiter des Westfälischen Amts für Denkmalpflege in Münster die Arbeiten im Zuge der Notgrabung an der Andreaskirche auf. Die Ergebnisse waren erstaunlich. © Norbert Stöcker
Rückblick

Notgrabung 1976: Als die Wüllener Kirchengeschichte neu geschrieben werden musste

Vor 45 Jahren startete die große Kirchenrenovierung an der Andreaskirche in Wüllen. Eine Notgrabung deckte dabei auf, dass die Kirchengeschichte deutlich älter sein muss als bisher gedacht.

Ein trauriger Anlass weckte bei Hubert Feldhaus Erinnerungen: Im Kulturteil der Münsterland Zeitung erfuhr der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins Wüllen vom Tode von Prof. Dr. Uwe Lobbedey. Im Alter von 83 Jahren war der renommierte Mittelalter-Archäologe und Kunsthistoriker Anfang Januar in Münster gestorben. Er galt als einer der herausragenden Archäologen Westfalens, erforschte die Dome in Münster, Osnabrück und Paderborn und die Abtei Corvey.

Nach einem Volontariat beim Landeskonservator Rheinland in Bonn war Lobbedey von 1965 bis 1980 beim Westfälischen Amt für Denkmalpflege angestellt. Und exakt in dieser Phase deckte er in Wüllen bei einer Notgrabung Erstaunliches auf. „Das Ergebnis war, dass die Kirchengeschichte St. Andreas neu geschrieben werden musste“, berichtet Hubert Feldhaus.

Hubert Feldhaus, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins Wüllen, zeigt auf eine Metallplatte am Wasserspiel vor der Andreaskirche: Auf dieser ist dokumentiert, dass es Spuren gibt, die in die karolingische Zeiten hineinreichen. Aufgedeckt durch eine Notgrabung vor 45 Jahren.
Hubert Feldhaus, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins Wüllen, zeigt auf eine Metallplatte am Wasserspiel vor der Andreaskirche: Auf dieser ist dokumentiert, dass es Spuren gibt, die in die karolingische Zeiten hineinreichen. Aufgedeckt durch eine Notgrabung vor 45 Jahren. © Michael Schley © Michael Schley

Gleich das erste Kapitel im Kirchenführer zur 800er-Jahr-Feier 1988 widmete Monika Scheide aus Freiburg, eine Schülerin Lobbedeys, den Ausgrabungen, die dieser mit seinem Team 1976 in Wüllen vorgenommen hatte. Es war eine sogenannte Notgrabung, die wichtige Erkenntnisse über die Wüllener Kirchengeschichte brachte.

Von einer Notgrabung spricht man, wenn der Befund durch unmittelbar bevorstehende Baumaßnahmen akut gefährdet oder bereits beschädigt wurde, eine Dokumentation erfolgt unter großem Zeitdruck.

Grabschmuck, Schützenhüte und Mauerreste

In diesem Jahr 1976 wurde eine grundlegende Renovierung der Andreaskirche durchgeführt, unter anderem wurden in deren Verlauf die modernen Kirchenfenster des Künstlers Johannes Schreiter eingebaut. Hubert Feldhaus erinnert sich: „Überall, wo Heizungskanäle angelegt und freigelegt waren, waren Untersuchungen möglich.“ Bei der Freilegung der Schächte musste insbesondere die Statik beachtet werden.

Große Gesteinsgebilde wurden 1976 freigelegt. Im Zuge der Arbeiten verdichteten sich Hinweise auf eine Zeit, die weit vor dem eigentlichen Gründungsdatum der Pfarre Wüllen lag.
Große Gesteinsgebilde wurden 1976 freigelegt. Im Zuge der Arbeiten verdichteten sich Hinweise auf eine Zeit, die weit vor dem eigentlichen Gründungsdatum der Pfarre Wüllen lag. © Norbert Stöcker © Norbert Stöcker

Herausgefunden wurde unter anderem, dass der Friedhof noch lange unter dem jetzigen Querschiff ausgelegt war. Darauf deuteten Schädelfunde und Grabschmuck hin. Bei der Entrümpelung der alten Sakristei wurden auch Hüte der St.-Andreas-Schützenbruderschaft gefunden, die Zeugnis der Verbundenheit alter Traditionsvereine mit der Kirche waren.

Die für die Geschichte wesentlichere Erkenntnis: „Es konnten nun vier Bauperioden für die Kirche nachvollzogen werden“, erklärt Feldhaus. Neu war: „Es wurde eine romanische Saalkirche aus dem 11. oder 12. Jahrhundert ergraben“, so Feldhaus. Das sei bis dato nicht bekannt gewesen. Mehr noch: „Vermutet werden kann auch eine Holzkirche als Urbau, wahrscheinlich schon aus dem neunten Jahrhundert. Gefunden wurden auch Brandspuren, die auf den Abbruch der Kirche hinwiesen.“

Spuren reichen bis in die karolingische Zeit

Fundamente aus karolingischer Zeit deuteten auf eine erste einschiffige Kirche hin. Dokumentiert ist diese Erkenntnis auch auf einer Metallplatte am Wasserspiel vor der Kirche.

Zur 800-Jahr-Feier wurde im Jahr 1988 ein Kirchenführer aufgelegt. Die Geschichte vollzog Hubert Feldhaus im Gespräch anhand dessen nach.
Zur 800-Jahr-Feier wurde im Jahr 1988 ein Kirchenführer aufgelegt. Die Geschichte vollzog Hubert Feldhaus im Gespräch anhand dessen nach. © Michael Schley © Michael Schley

Laut Kirchenführer wohl erst aus dem 13. Jahrhundert stammt der Wehrturm, 1473 wurde dann eine zweischiffige, mittig geteilte spätgotische Halle an den romanischen Westturm angebaut. Im Kirchenführer heißt es weiter, diese heutige gotische Halle aus dem 15. Jahrhundert könne im Zusammenhang mit dem Vorgängerbau stehen. Das Querhaus im Osten und der Chor stammen von 1870. Der zweischiffige Grundriss gilt übrigens als Rarität, deutlich häufiger ist die dreischiffige Bauweise.

Erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1188

Erstmals urkundlich erwähnt wird die Pfarre Wüllen laut Kirchenführer 1188 im Güterverzeichnis des Grafen von Dalen, die Basis für die 800er-Jahr-Feier 1988. Mit diesem Datum kann eben erst die zweite Bauphase an der Andreaskirche mit dem Bau des Wehrturmes in Verbindung gebracht werden. Wüllen war eine Filiale der Mutterpfarre Wessum. Dort wurde schon im elften Jahrhundert eine Eigenkirche erbaut.

Viele neue Erkenntnisse brachte die Notgrabung im Jahr 1976 zur Kirchengeschichte St. Andreas zu Tage.
Viele neue Erkenntnisse brachte die Notgrabung im Jahr 1976 zur Kirchengeschichte St. Andreas zu Tage. © Norbert Stöcker © Norbert Stöcker

„Die Funde durch die Notgrabung 1976 bestätigten folglich die Annahme, dass auch die Pfarre Wüllen bedeutend früher entstanden ist“, so Hubert Feldhaus. Weiter belegen konnten die Notgrabungen diese These nicht. „Für detaillierte Angaben zum ältesten Bau wären erneute Untersuchungen wünschenswert“, lautet es abschließend im Bericht im Kirchenführer.

Dazu kam es aber nicht. Im Kirchenführer heißt es dazu: „Die Umstände erlaubten dessen nähere Erforschung nicht.” „Sehr schade“, wie Hubert Feldhaus aus heutiger Sicht findet. Sämtliche weiteren Versuche, ältere Belege zu finden, blieben bis heute erfolglos. Zu Pfingsten 2015 fusionierten die seit über 800 Jahren eigenständigen Gemeinden St. Andreas Wüllen und St. Martinus Wessum bekanntlich.

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