Ritterkreuz und Gestapohaft: Oliver Kocks Buch über das unglaubliche Leben eines Generals

mlzZweiter Weltkrieg

General Hans Cramer hatte im Zweiten Weltkrieg bei allen bedeutenden Geschehnissen die Hände im Spiel. Oliver Kock aus Ahaus hat darüber ein Buch geschrieben. Manches liest sich unglaublich.

Ahaus

, 19.12.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

April 2016: Die Post bringt dem Ahauser Oliver Kock ein großes Paket. Es enthält persönliche Unterlagen von Hans Cramer, General der Panzertruppe im Zweiten Weltkrieg.

Dreieinhalb Jahre später hat Oliver Kock aus Cramers Erinnerungen ein Buch gemacht. Auf 350 Seiten werden Episoden aus einem Leben ausgebreitet, die sich ein Autor kaum hätte ausdenken können: Afrikakorps, Stalingrad, Gefangenenaustausch, Hitler-Attentat und Gestapohaft sind ein paar Stichworte.

Grundstein gelegt

Der 45-jährige Oliver Kock befasst sich schon seit vielen Jahren mit der Militärgeschichte von 1813 bis in die frühen 50er-Jahre und dem Start der Bundeswehr. Als Zehnjähriger gibt ihm seine Großmutter eine Ordensurkunde ihres im Krieg gefallenen Bruders. Oliver Kock will wissen, was es mit dem „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“ auf sich hat. Der Grundstein für das Interesse an der Ordenskunde ist gelegt. „Oftmals erzählen die Papiere dazu mehr Geschichte als der Orden selber“, sagt der Reservist.

Doch noch mehr als die Orden selbst interessieren den Ahauser die Geschichten von einfachen Soldaten.

2015 bringt Oliver Kock die Kriegserlebnisse des Ahausers Walter Dües als Buch im Verlag Scherzer heraus. Von diesem Verlag erhält der Ahauser auch die Unterlagen von Hans Cramer.

Nachlass des Generals

„Kladden, Hefte, Papiere, alles wüst durcheinander“, erinnert sich Oliver Kock. Der Verlag sagt ihm, es handele sich um den Nachlass eines Generals und fragt, ob er daraus ein Buch machen könne.

Zuerst will Oliver Kock die Bearbeitung ablehnen. „Die handschriftlich verfassten Notizen waren doch sehr schwer zu entziffern.“ Zudem will er nicht über „hohe Tiere“ und Schreibtischtäter schreiben. „Aber was dieser Mann erlebt hat, das reicht für drei Generäle.“

Ritterkreuz und Gestapohaft: Oliver Kocks Buch über das unglaubliche Leben eines Generals

Tagebuchaufzeichnungen von General Hans Cramer © Privat

Tischlermeister Oliver Kock scannt nach Feierabend die mehrere hundert Seiten umfassenden Dokumente und lernt Sütterlin. Zwei Jahre lang transkribiert er abends akribisch die mit Bleistift verfassten Tagebücher. „Seitdem bin ich Brillenträger, das war ich vorher nicht.“

In seinen Notizen hält Hans Cramer ungeschönt die Eindrücke und Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg fest. Sei es im Urlaub, an der Front oder im Einsatz im Panzer sitzend.

Hummer an der Ostfront

Man erfährt, dass in Afrika von 150 nagelneuen Panzern auf dem 1300 Kilometer langen Weg nach Tobruk nur drei das Ziel erreichen.

Man erfährt, dass sich die Kommandeure von Libyen nach Athen fliegen lassen, um sich dort im Kino US-amerikanische Mickey-Maus-Filme anzusehen und dass sich die höheren Stäbe an der südlichen Ostfront Hummer auftragen lassen, während in Stalingrad Tausende verhungern.

Das Buch „Erinnerungen – General der Panzertruppe Hans Cramer“ ist reich bebildert. Die Bilder stammen aus Oliver Kocks Archiv sowie von Cramers noch lebender, 94 Jahre alter Tochter.

Ritterkreuz und Gestapohaft: Oliver Kocks Buch über das unglaubliche Leben eines Generals

General Hans Cramer © Privat

In insgesamt 14 Kapiteln beschreibt Oliver Kock vor allem Cramers Erlebnisse zwischen 1940 und Ende 1944. So sitzt Hans Cramer bei minus 40 Grad in Charkow an der Ostfront, als ihn ein Fernschreiben aus dem Führerhauptquartier erreicht. Fünf Tage später ist er bei plus 40 Grad neuer Oberbefehlshaber des Afrikakorps.

„Ich habe bei der Lektüre der Aufzeichnungen mit ihm in Russland gefroren und in Afrika geschwitzt. Obwohl man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist“, sagt Oliver Kock.

Britische Gefangenschaft

Cramer gerät in britische Gefangenschaft, sitzt im berühmten Offizierslager Trent Park mit über 80 deutschen Generälen und wird abgehört. Dort äußert er sich nur vage zu den Nazi-Gräueln im Osten, zu den Konzentrationslagern, über die Vergasung der Juden. Cramer spricht von „großen Schweinereien“ im Osten.

Wegen scheinbar schwerer Krankheit wird er im Juni 1944 aus der Gefangenschaft entlassen und ausgetauscht.

Zuvor wollen ihn die Briten Glauben machen, dass die bevorstehende Invasion über Calais erfolgen werde. In Deutschland trifft er auf Misstrauen und Zurückhaltung. Ist Cramer wirklich krank oder von den Briten „umgedreht“ worden?

Im Zuge der Ereignisse um den 20. Juli gerät der General als ehemaliger Kriegsgefangener in das Fadenkreuz der Gestapo und wird 1944 aus der Wehrmacht entlassen. „Cramer hat Oberst Stauffenberg und weitere führende Köpfe des Widerstandes getroffen“, sagt Oliver Kock.

Mitwisserschaft?

Im Tagebuch selbst ist darüber nichts zu lesen. Erst in seinen späteren Aufzeichnungen in der Nachkriegszeit schreibt er, dass er auch von den Attentatsplänen gewusst habe. Nach dem Krieg arbeitet Hans Cramer von 1946 bis 1950 als Handelsvertreter.

Berufliche Pläne, unter anderem Militärattaché in Ägypten zu werden, zerschlagen sich. 1957 geht er, nachdem seine Ansprüche anerkannt wurden, in den Ruhestand. Hans Cramer stirbt 1968 im Alter von 72 Jahren in seiner Geburtsstadt Minden. Als Ritterkreuzträger wird er von der Bundeswehr mit militärischen Ehren – dem großen Ehrengeleit – beigesetzt.

„Hans Cramer war an allen bedeutenden Schlachten und Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs beteiligt und hatte immer die Hände im Spiel“, sagt Oliver Kock über sein Buchprojekt. „Aber er tauchte in der Literatur so gut wie nicht auf.“ Der Ahauser Autor hat diese Lücke geschlossen.

„Erinnerungen – General der Panzertruppen Hans Cramer“, ISBN 978-3-938845-66-0, Verlag Scherzer, 49 Euro, 350 Seiten. Das Buch ist online sowie in der Buchhandlung Schaten in Ahaus erhältlich.
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