Ortstermin: Kreismitarbeiter kontrollieren neues Bordell in Ahaus

mlzProstituiertenschutzgesetz

Mitarbeiter des Kreises haben dem „Club Golden Angel“ einen Kontrollbesuch abgestattet. Wir haben die Kontrolleure ins Bordell begleitet.

Ahaus

, 03.08.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Haus am Rottweg wirkt auf den ersten Blick wie ein ganz normales Einfamilienhaus. Doch die rote Leuchtreklame „Open“, die zugeklebten Fenster und das Schild „Golden Angel Club“ sprechen eine andere Sprache. Hier, mitten im Ahauser Gewerbegebiet ist auch das Gewerbe zuhause, das gerne als das älteste der Welt bezeichnet wird. Die einen sprechen von Clubbetrieb, die anderen lieber von Bordell oder Prostitution.

Donnerstag, 16 Uhr. Heinz Beckmann und Sina Sonntag vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung des Kreises Borken klingeln an der Tür des Golden Angel Clubs. Sie sind gewissermaßen die ganz spezielle Gewerbeaufsicht. Oder besser gesagt: Sie sind im Kreis Borken für die Umsetzung des seit zwei Jahre geltenden neuen Prostituiertenschutzgesetzes verantwortlich.

Ortstermin: Kreismitarbeiter kontrollieren neues Bordell in Ahaus

Sina Sonntag und Heinz Beckmann vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung des Kreises Borken (links) im Gespräch mit den Clubbetreibern Holona Radoslava und Adzho Mustafov (r.). © Stefan Grothues

Der Besuch der Kontrolleure am Donnerstag ist angekündigt – und hochwillkommen, so scheint es. Clubbetreiberin Holona Radoslava ist ganz erpicht darauf, zu zeigen, dass in ihrem Club alles in Ordnung ist. Das heißt, eigentlich ist es der Club ihres Lebensgefährten Adhzo Mustafov. „Wir haben uns schon vor mehr als zehn Jahren in Bulgarien kennengelernt. Er ist der eigentliche Chef hier“, sagt Holona Radoslava. Aber sie führt eindeutig das Wort. Der Chef beschränkt sich an diesem Donnerstagnachmittag darauf, den Besuchern ein Bier anzubieten. Holona Radoslava fällt ihm ins Wort: „Aber das sind doch deutsche Beamte. Die trinken nur Wasser oder Cola.“

Goldtapeten und neue Gardinen

Dann zeigt sie den Kontrolleuren stolz die renovierten Räumlichkeiten, nicht ohne auf die neuen goldgemusterten Tapeten hinzuweisen. Und vis-à-vis der Theke und der Sitzgruppe mit Tanzstange sollen noch neue Gardinen aufgehängt werden. Im Mai haben Holona Radoslava und Adhzo Mustafov den Clubbetrieb hier eröffnet, nachdem das einschlägig vorgenutzte Haus längere Zeit leer gestanden hatte.

Zwei Frauen arbeiten jetzt hier als Prostituierte. Ihr Schutz steht im Mittelpunkt des Besuches der Kreis-Kontrolleure. Sie checken, ob in den Zimmern per Aushang auf die Kondompflicht hingewiesen wird und ob auch wirklich Kondome ausliegen. Sie überprüfen, ob es Alarmknöpfe an den Betten gibt, mit denen die Prostitutierten bei möglichen Übergriffen der Freier Hilfe holen könnten. Ob die Hygienevorkehrungen stimmen. Und ob es einen Aufenthaltsraum mit privaten Schließflächern als Rückzugsmöglichkeit gibt.

Neues Gesetz trat am 1. Juli 2017 in Kraft

Bordellbetreiber müssen seit dem 1. Juli 2017 eine Erlaubnis haben, die an gesetzliche Mindestanforderungen gekoppelt ist und an die Zuverlässigkeit der Person. So darf ein Betreiber unter anderem keine Vorstrafen im Bereich Menschenhandel haben und keine Einträge im Bundeszentralregister.

Nach dem neuen Gesetz müssen sich Prostituierte auch gesundheitlich beraten lassen. Grundsätzlich erlaubt das Gesetz, dass sich Personen ab 18 Jahren prostituieren. Sie müssen ihre Anmeldebescheinigung jährlich verlängern, Prostituierte über 21 Jahren alle zwei Jahre. Unter 21-Jährige müssen die Gesundheitsberatung halbjährlich wiederholen, über 21-Jährige einmal pro Jahr.

Ortstermin: Kreismitarbeiter kontrollieren neues Bordell in Ahaus

Holona Radoslava (l.) zeigt der Ordnungsamtsmitarbeiterin Sina Sonntag (r.) die amtlichen Anmeldebescheinigungen ihrer Mitarbeiterin. © Stefan Grothues

Holona Radoslava sagt: „Bei uns war seit Mai schon mehrmals das Finanzamt, das Gesundheitsamt, das Ordnungsamt der Stadt und das Ordnungsamt des Kreises – aber mir ist klar, das Gesetz ist eben so. Und dann muss das so sein.“ Für sie seien auch ohne die Kontrollen drei Dinge unverzichtbar: „Kondome, Sauberkeit und ordnungsgemäße Papiere.“

Regelmäßig auch unangekündigte Überprüfungen

So sieht es auch Heinz Beckmann vom Kreis: „Die Betriebe werden regelmäßig und auch unangekündigt kontrolliert, auch um 4 Uhr nachts.“ Nicht um den Betreibern das Leben unnötig schwer zu machen, und auch nicht um Kunden bloßzustellen. Beckmann: „Wir gehen sehr unauffällig vor. Es geht uns ja auch nicht um moralische Fragen, sondern um das Ziel des Gesetzes: den Schutz der Prostituierten. Und wir zeigen schon, dass wir unsere Aufgabe sehr ernst nehmen.“ Bei Verstößen gegen die Kondompflicht könnten den Freiern Bußgelder bis zu 50.000 Euro auferlegt werden. Allerdings wurden bislang im Kreis Borken noch keine Bußgelder verhängt.

Vier angemeldete Clubs im Kreis Borken

Wieviele Bordelle gibt es eigentlich im Kreis Borken? Und wieviele Frauen arbeiten als Prostituierte? Die erste Frage ist für Heinz Beckmann leicht zu beantworten, die zweite kaum. „Es gibt insgesamt vier angemeldete Clubs im Kreis Borken: in Ahaus, Stadtlohn, Gronau und Borken.“ Daneben gebe es auch noch die Wohnungsprostitution, die nur dann meldepflichtig ist, wenn mehrere Frauen in einer Wohnung als Prostituierte arbeiten. Von diesen Wohnungen seien 45 gemeldet.

100 Prostituierte im Kreis Borken angemeldet

„Insgesamt waren im letzten Jahr im Kreis Borken rund 100 Frauen als Prostituierte gemeldet“, sagt Heinz Beckmann. Etwa 60 Prozent der Frauen seien Ausländerinnen, 40 Prozent Deutsche. Er sagt aber auch: „Die Fluktuation ist sehr hoch.“ Und die Dunkelziffer ist es wohl auch.

Ortstermin: Kreismitarbeiter kontrollieren neues Bordell in Ahaus

In jedem Bordellzimmer muss auf die Kondompflicht hingewiesen werden. Außerdem müssen Kondome auch sichtbar bereitliegen. © Stadtlohn

Kann das Prostituiertenschutzgesetz denn sein Ziel überhaupt erreichen? Darüber, so Heinz Beckmann und Sina Sonntag, gebe es bei den Betroffenen unterschiedliche Ansichten. Beckmann: „Manche Frauen sprechen abwertend von einem ,Hurenpass‘. Sie misstrauen den Behörden und tauchen lieber in die Illegalität ab. Manche habe in ihren Heimatländern auch schlechte Erfahrungen mit korrupten Behörden gemacht.“

„Viele Frauen sind dankbar“

Seine Ordnungsamtskollegin Sina Sonntag weiß aber auch von anderen Fällen zu berichten: „In der Beratung sind auch viele Frauen dankbar, dass nun mit der Steuerpflicht und der Krankenversicherung alles in geordneten Bahnen verläuft. Und dass sie beim Kreis im Gesundheitsamt und im Ordnungsamt konkrete Ansprechpartner haben, wenn nötig auch mit Dolmetscher. “

Vertrauensverhältnis aufbauen

Nach knapp einer Stunde verabschieden sich Heinz Beckmann und Sina Sonntag wieder aus dem Club Golden Angel. „Hier ist alles in Ordnung“, sagt Heinz Beckmann. Und auch die Gesprächsatmosphäre hat gestimmt. Die Kontrollbesuche vor Ort finden in der Regel immer in gemischten Zweierteams statt. Heinz Beckmann: „Mitarbeiterinnen können noch andere Gesprächsfäden zu den Frauen knüpfen. Wir wollen ja ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Die in den Clubs arbeitenden Frauen sollen sich bei der Kreisverwaltung gut aufgehoben fühlen, damit wir auch in Notlagen als Ansprechpartner gesehen werden.“

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