Pfarrer Stefan Jürgens und seine Weihnachtspredigt: „Gott und Welt müssen zusammenfinden“

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Heiligabend strömen die Menschen in Scharen in die Kirchen. Wir haben Pfarrer Stefan Jürgens von St.-Mariä-Himmelfahrt gefragt, was die Gläubigen antreibt und wie er seine Predigt gestaltet.

Ahaus

, 24.12.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Pfarrer Jürgens, kann man ein guter Christ sein, auch wenn man Heiligabend nicht in die Kirche geht?

Das muss jeder selber entscheiden. Da kann ich keinem eine Vorschrift machen. Was ein guter Christ ist, das muss jeder vor seinem eigenen Gewissen verantworten. Da kann ich nicht sagen, als guter Christ muss man... und dann einen Katalog aufzählen.

Was treibt an Heiligabend die Menschen in Scharen in die Kirchen?

Eine Sehnsucht nach Spiritualität. In jedem Menschen ist eine große Sehnsucht nach Gott. Die nennt der Theologe Karl Rahner das „übernatürliche Existenzial“. Jeder Mensch möchte ein sinnvolles Leben. Jeder Mensch sehnt sich auch nach Transzendenz.

Ich persönlich sage, ich könnte ohne Kirche diesen Glauben nicht leben. Ich brauche den Gottesdienst, ich brauche die Bibel dazu. Ich brauche auch das persönliche Gebet. Ich glaube, ohne das persönliche Gebet wird Gott zu einem Niemand. Und irgendwann bilden wir uns nur noch ein, an etwas zu glauben.

Ich freue mich über viele Menschen, die offensichtlich – auch wenn sie nicht jeden Sonntag kommen oder vielleicht auch nur an Weihnachten – auf der Suche sind nach Gott.

Heiligabend ist die Kirche voll. Ist da noch Platz für eine hochtheologische Predigt oder müssen Sie die Ansprüche an die eigene Predigt herunterschrauben, um möglichst viele Kirchgänger zu erreichen?

Warum sollte ich? Ich freue mich, dass die Kirchen an Weihnachten so voll sind. Darin steckt eine ganz große Sehnsucht. Die Menschen wollen nicht nur begleitet und betreut, sondern auch gebildet werden.

Deswegen lege ich Wert auf eine theologisch saubere Predigt, die auch durchaus einen kritischen und aufklärerischen Charakter hat. Die historisch-kritische Exegese macht auch vor dem Heiligen Abend nicht halt. (Anmerkung: Nach diesem Satz lacht er)

Darf in einer Predigt gelacht werden?

Selbstverständlich. Auch an Heiligabend. Humor ist eine Gabe Gottes. Humor kommt von „humus“, die Erde. Wenn ich geerdet bin, kann ich mich auch selbst auf den Arm nehmen. Das ist sehr wichtig, um manchmal einen gewissen Abstand zu bestimmten Dingen zu haben. Humor ist ganz wichtig.

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Wir führen dieses Gespräch fünf Tage vor Heiligabend. Haben Sie schon das Oberthema für Ihre Predigt?

Ja, das habe ich schon. Ich werde es Ihnen aber nicht verraten, weil es eine sehr ungewöhnliche Predigt werden wird. Um in einem Bild zu sprechen: Das Pferd wird von hinten aufgezäumt. Ich möchte in meiner Predigt gerne Weihnachten von Ostern her sehen.

Müssen Sie in Ahaus anders predigen als in Münster?

Meine Gemeinde war in Münster kleiner als die beiden Pfarreien, die ich jetzt hier habe. In Münster war es eine Akademiker-Gemeinde. Aber ich glaube, ob eine Predigt berührt, das hängt nicht von der intellektuellen Vorbildung ab.

Ob jemand ein Professor ist oder ein Handwerker, er möchte das, was ihn berührt, in einfachen, kurzen Sätzen hören, ohne Fachsprache. Wir denken zwar manchmal kompliziert, aber wir glauben doch alle irgendwie gleich.
Ich rede in kurzen Sätzen.

Ich habe es mir zum Hobby gemacht, Glaubensinhalte möglichst einfach zu sagen. Ich glaube, nur das Einfache berührt. Auch der Professor an der Uni wird zu Hause am Frühstückstisch mit seiner Frau hoffentlich nicht in philosophische Diskurse geraten.

Greifen sie in Ihren Predigten – nicht nur an Heiligabend – aktuelle Strömungen auf?

Man kann nur predigen mit der Bibel in der einen und der Zeitung in der anderen Hand. Das heißt: Gott und Welt müssen zusammenfinden.

Wichtig ist auch, dass man persönliche Erfahrungen aufgreift, denn die persönlich geschilderte Erfahrung macht die Predigt authentisch. Relevanz gehört ebenfalls noch dazu: Das, was ich sage, muss für die Menschen heute eine Bedeutung haben, sonst ist es abgehobener Kram.

Ist das, was ich sage, relevant? Wenn nicht, ist es am Ende nur fromm, aber es bringt nichts. Von vielen Kirchenvertretern wird die Weihnachtspredigt als allgemeines politisches Statement benutzt. Ich finde, es muss schon noch eine theologische Rede bleiben.

Bevor beispielsweise die katholische Kirche Demokratie und Menschenrechte einfordert, kann sie ja vielleicht auch mal ihre eigenen Hausaufgaben machen. Demokratie haben wir in der Kirche nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Politisieren ist das eine. Wie seht es denn in einer Predigt mit dem Moralisieren aus?

Das Moralisieren sollten wir seit Jahrzehnten bleiben lassen. Die Kirche ist nicht mehr am Steuerruder der Gesellschaft. Niemand lässt sich heute von einem Pfarrer vorschreiben, wie er leben soll. Das Gewissen ist die oberste Instanz und deswegen hat das Moralisieren keinen Zweck. Es ist kontraproduktiv.

Wälzen sie bei Ihrer Predigtvorbereitung viel Lektüre?

Ich verwende die Bibel und Kommentare zur Bibel, aber keine Predigtliteratur. Ich verlasse mich auf meine eigene Kreativität. Man braucht viel Lebenserfahrung und viele Begegnungen, um eine Predigt relevant zu machen.

Ich schreibe nichts auf. Ich predige frei. Ich finde es ganz schrecklich, wenn da einer steht und irgendwas vorliest. Meist ist die Betonung falsch, die Bewegungen sind falsch, die Rhetorik ist nicht richtig. Frei predigen heißt nicht, einen Text auswendig zu lernen. Es heißt, wissen, was man sagen will und in dem Augenblick formulieren.

Manchmal kommt ein spontaner Gedanke, das sogenannte Sprechdenken. Ich schaue den Leuten in die Augen. Sie können mir zwar nicht antworten, aber ich sehe an ihren Gesichtern, ob sie mitgehen. Da kann es durchaus sein, dass mir spontan ein Gedanke kommt, der noch in die Predigt eingebaut wird.

Wie lange dauern Ihre Predigten?

Man sollte in der Kirche über alles predigen, nur nicht über zehn Minuten. Daran halte ich mich fast immer.

Ist Ihnen eine Predigt eines Kollegen in Erinnerung geblieben?

Da kann ich kein konkretes Beispiel nennen. Ich freue mich immer, wenn ich dem, der da spricht, abnehmen kann, was er sagt. Wenn es authentisch ist und die Predigt mit persönlicher Erfahrung angereichert ist, sodass ich denke, er weiß, worüber er spricht. Die Beziehungsebene ist wichtiger als die Sachebene.

Sie können von einem Menschen, den sie als nicht glaubwürdig empfinden, die schönsten Worte hören, sie werden bei ihnen nicht ankommen. Aber sie können von einem Menschen, den sie Ernst nehmen, auch eine schlechte Predigt auf der Beziehungsebene mit Wohlwollen füllen und davon wirklich etwas haben.

Wird Ihnen für eine Predigt gedankt?

Sehr oft. Es gibt viele Reaktionen auf Predigten. Eine Gemeinde legt großen Wert auf eine ordentliche und lebensnahe Predigt. Die Kirchgänger wollen, wenn sie nach Hause gehen, sagen können, ich habe etwas mitnehmen können. Es hat mir etwas gebracht. Und das sagen mir die Leute hinterher auch.

Wie verbringen Sie die Weihnachtstage?

Die Weihnachtstage sind gefüllt mit Besuchen von und bei Freunden und der Familie. Ich werde nicht einsam und verlassen in meiner Wohnung sitzen.

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