Rat und Hilfe in Ahaus: Wenn Corona auch die Seele krank macht

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Nochmal drei Wochen „Hausarrest“. Damit steigt die Gefahr, dass Sars-cov-2 nicht nur körperlich krank machen kann. Beratungsstellen und Psychotherapeuten in Ahaus sind da ganz nah dran.

Ahaus

, 18.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Paare, Eltern, Kinder befinden sich seit Wochen im Corona-Ausnahme-Modus. Plötzlich ist man sich 24 Stunden am Tag ganz nah. Manchmal sogar auf kleinstem Raum. Spannungen, Konflikte in den Familien sind da schon fast vorprogrammiert. Das erfahren auch Dieter Homann und Vera Reimer vom Team der Beratungsstelle des Caritasverbands Ahaus-Vreden. Nachdem zu Beginn der Krise nur wenige Menschen Rat suchten, werden es jetzt mehr.

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„Anfangs sind viele vor allem um sich selbst gekreist, mussten sich erst einmal auf das Neue überhaupt einlassen“, sagt Sozialarbeiter Homann. Und wie Kollegin Reimer hat auch er festgestellt, dass bei den Menschen, die zurzeit Hilfe suchen, ein Gefühl überwiegt: „Es herrscht eine große Verunsicherung, Tendenz steigend.“

Viele hätten einfach Angst - um sich, um ihre Angehörigen, um ihre Zukunft.

„Für viele Menschen bedeutet räumliche Enge einfach mehr emotionalen Stress“, erklärt Vera Reimer. Allerdings immer abhängig von der jeweiligen persönlichen Situation Inzwischen ist sogar die Rede von einer Corona-Depression. Auch das interdisziplinäre Team der Caritas, zu dem neben den Sozialarbeitern Reimer und Homann auch Sozialpädagogen und Psychologen gehören, hat das schon beobachten können.

Meist seien es dann die Angehörigen, die sich bei der Beratungsstelle meldeten. Beispiel: Ein 18-Jähriger, der schon länger als schwierig galt, ist inzwischen aber kaum noch zu erreichen. Dann ist Hilfe von außen erforderlich.

Auch in der Krise seien es aber die gleichen Probleme wie vorher, nur spitzen die sich jetzt stärker zu. Zum Beispiel sind die „klassischen Erziehungsprobleme“ ein großes Thema. Das Problem: „Es fehlt zurzeit der Austausch mit Gleichgesinnten, in der Schule, und das macht Druck, kann aggressiv machen“, sagt Vera Reimer.

Mit Fingerspitzengefühl und Professionalität

Und wie kann man in einer solchen Situation überhaupt professionelle Hilfe anbieten? „Das ist schwer“, sagt Vera Reimer. Die emotionale Verfassung übers Telefon oder online einzuschätzen, sei neu und ganz anders, als bei einem Face-to-face-Termin. Dabei gehe es auch darum, zu beurteilen, inwieweit eine familiäre Situation eskalieren kann, vielleicht andere fachliche Hilfe wie zum Beispiel eine Suchtberatung erforderlich sei.

Vera Reimer: „Das erfordert ganz viel Fingerspitzengefühl und Professionalität.“ Hilfreich sei, dass der Caritas-Verband ganz neu die Möglichkeit biete, „digitale Räume“ mit den Klienten zu betreten, und damit eine noch engere Kontaktaufnahme möglich mache.

Das Entdecken eigener Stärken

Trotz alledem haben die Mitarbeiter der Caritas-Beratungsstelle aber auch positive Erlebnisse: „Viele spüren erst jetzt, dass sie ein großes Fundament an Stärken haben, das sie in der Krise trägt.“

Günther Mehring (82) hat sich als Psychotherapeut für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche lange mit dem Thema Angst beschäftigt. Noch im letzten Jahr war der Ahauser als Gutachter tätig und beobachtet die aktuelle Situation nicht nur durch die professionelle Brille sondern auch als Betroffener. Seine Ehefrau, die an Demenz leidet, lebt in einer Einrichtung in Münster und kann von der Familie nicht besucht werden.

Gerade Menschen aber, die die Realität nicht richtig einordnen könnten, reagierten jetzt mit Ängsten oder sogar Panikattacken. Zudem gebe es immer auch schon eine krankhafte Angst vor Bakterien (Bakteriophobie), die jetzt besonders verstärkt werde.

Allgemeine Verunsicherung

Und, je nach individueller Lage, nach Bildungshintergrund, seien die Reaktionen der Menschen auf die Corona-Krise auch ganz vielfältig: „Manche entscheiden sich für die Flucht, schotten sich komplett ab.“ Ganz allgemein spricht auch Günther Mehring aber von einer großen Verunsicherung: „Das Ganze ist unheimlich und beängstigend, man kennt den Gegner nicht und hat keine Kontrolle.“

Von einer Depression durch Corona will der Psychotherapeut dennoch nicht sprechen. Davon könne in einer konkreten Situation die Rede sein, wenn zum Beispiel ein Geschäftsmann jetzt vor dem Aus stehe. Ansonsten seien viele Menschen, auch angesichts der schlimmen Bilder der Krankheit, eher verstimmt oder auch traurig. „Auch Kinder spüren, dass sich ihre Eltern in einer Ausnahmesituation befinden.“

Das beste Mittel gegen die Angst: die Information

Was aber tun gegen solche negativen Gefühle? Für Günter Mehring ist „das beste Mittel gegen die Angst, die Information.“ Zu sehen, dass man in dem deutschen Gesundheitssystem recht gut aufgehoben sei, im Vergleich mit anderen zu sehen, dass es „Leute gibt, die sehr viel schlechter dran sind als ich.“ Sehr nützlich sei es auch, Zeitung zu lesen, sich über andere seriöse Kanäle in Bild zu machen.

Als weiteres wichtiges Instrument, um Ängsten zu begegnen, nennt der Ahauser Psychotherapeut auch Aktivitäten aller Art: körperliche Bewegung natürlich, aber auch geistige. Außerdem bleibt auch der Rat, sich professionelle Hilfe zu suchen.

  • Und wie es viele ärztliche Kollegen jenseits des Rentenalters auch schon tun, bietet auch Günter Mehring seine Hilfe an und hat zugestimmt, seine Telefonnummer zu veröffentlichen: Günter Mehring, Tel. (02561) 971037.
  • Caritas Haus der Beratung, Tel. (02561) 42910.
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