Hubert Buschmann musste in seinem Leben viele Schicksalsschläge verarbeiten. Letztlich zwangen sie ihn in die Knie. Der Griff zur Flasche war die Folge. Es war aber kein Schritt ohne Ausweg.

Ahaus

, 20.02.2019, 19:12 Uhr / Lesedauer: 5 min

Hubert Buschmann (55) lächelt, als er in das Büro von Sozialarbeiterin Gerlinde Schnatmann-David kommt. „Hallo, ich bin Hubert“, sagt er und setzt sich an den kleinen Tisch in der rechten Ecke des Büros. Er kennt die Räumlichkeiten im Haus der Beratung des Caritasverbands für die Dekane Ahaus und Vreden in der Wüllener Straße 80 in Ahaus schon viele Jahre. Denn der 55-Jährige war Alkoholiker und wir seit Dezember 2013 von Gerlinde Schnatmann-David betreut.

Dass sein Leben nur so von Schicksalsschlägen gezeichnet ist und der Alkohol einst drei Jahre lang jeden Tag seines Lebens bestimmte, dass sieht man dem gebürtigen Metelener nicht an. Er wirkt in sich ruhend, entspannt und offen. „Soll ich mal einfach anfangen zu erzählen?“ fragt der 55-Jährige. Gerne – wenngleich das, was Hubert Buschmann dann berichtet, seine seelische Leidensfähigkeit stark auf die Probe stellt.

Erster Schicksalsschlag mit 17 Jahren

Hubert Buschmann ist noch nicht mal volljährig, als der gelernte Landwirt das erste Mal lernen muss, mit einer tiefen Enttäuschung umzugehen. Denn der ehemals passionierte Kampfsportler (Kickboxen und Judo) verletzt sich im Alter von 17 Jahren bei Baumschnittarbeiten auf dem Hof eines Bekannten derart schwer, dass er ein künstliches Kniegelenk bekommt und seinen Kampfsport auf Eis legen muss. „Ich habe mir mit der Kettensäge in Knie und Bein geschnitten. Ich konnte das Blut literweise aus dem Stiefel kippen, so viel habe ich verloren“, erinnert er sich. Mit einem Rettungshubschrauber geht es in eine Klinik – Not-OP und etliche Wochen Krankenhausaufenthalt sind die Folge.

„Für mich brach da eine Welt zusammen.“
Hubert Buschmann

„Das mit dem Sport war schon ärgerlich, aber was danach kam, war noch viel schlimmer“, sagt der 55-Jährige, während er die Arme vor der Brust verschränkt und im Stuhl etwas zurückrutscht. Denn das zarte Glück des Eheversprechens, das sich Hubert Buschmann und seine damalige Partnerin 1989 geben, endet abrupt und schrecklich nach nur drei Wochen. „Meine Frau wurde auf dem Weg zum Brötchen holen bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt. Für mich brach da eine Welt zusammen.“ Das Einzige, was den damals 25-Jährige etwas ablenkt, ist eine zweijährige Motorradtour zusammen mit seinem Bruder quer durch Amerika. Noch spielt der Alkohol keine Rolle. Hubert Buschmanns Leidensfähigkeit ist noch nicht überspannt.

Das Schild an der Wüllener Straße weist Ratsuchenden den Weg.

Das Schild an der Wüllener Straße weist Ratsuchenden den Weg. © Markus Gehring

Doch das wird sich noch ändern, wenngleich es noch weit über zehn Jahre dauert. „Mit 38 habe ich noch mal geheiratet, eine deutliche jüngere Frau. 23 war sie mal gerade“, erzählt Hubert Buschmann. „Erst ging auch alles gut, aber dann kam das verflixte siebte Jahr.“ Mehrfach geht Hubert Buschmanns Ehefrau in diesem Jahr fremd. „Einmal habe ich sie sogar mit ihrem Liebhaber bei uns im Bett erwischt.“ Und obwohl Hubert Buschmann ehemaliger Kampfsportler war, reißt er sich in diesem Moment zusammen. „Ich hab dem Typen nur gesagt, er soll Land gewinnen. So schnell habe ich noch niemanden die Hose anziehen sehen.“ Danach fährt der Landwirt mit seinem Trecker auf die Felder seines Hofes. „Meiner Frau habe ich gesagt, sie soll bis abends das Weite suche.“ Das tut sie. Die Scheidung folgt kurze Zeit später.

„So schnell habe ich noch niemanden die Hose anziehen sehen.“
Hubert Buschmann

Nach dem Rausschmiss fängt Hubert Buschmann jedoch an, zur Flasche zu greifen. Der Frust und die Enttäuschung sitzen tief. Der seelische Leidensbogen ist überspannt. „Ich war ja überwiegend alleine, war frustriert und wollte meine Freiheit genießen.“ Da ist er 44 Jahre. „Meine Mutter lebte nach dem Tod meines Vaters noch auf dem Hof, sie hat davon aber nichts mitbekommen.“ Oft fährt er in dieser Zeit mit dem Trecker über die Felder nach Nienborg, um sich Alkohol zu kaufen. „Am Anfang Amaretto, später vor allem Jägermeister. Viel Jägermeister.“ Bier spielt hingegen nie eine große Rolle.

Kurze, aber heftige Suchtperiode

Erstaunlich ist, dass die Suchtperiode des heute 55-Jährigen im Verhältnis spät anfängt, relativ kurz, aber dafür umso heftiger ist. Insgesamt drei Jahre, vom 44 bis 47 Lebensjahr, bestimmt der Alkohol sein Leben und seinen Tagesablauf. „Herr Buschmann ist, was die Sucht betrifft, ein Späteinsteiger und ohne die Schicksalsschläge, vor allem den Vertrauensmissbrauch, wäre es vermutlich auch niemals dazu gekommen“, so Sozialarbeiterin Gerlinde Schnatmann-David.

Jägermeister wurde für Hubert Buschmann in der Phase der Abhängigkeit zu seinem Lieblingsgetränk. Über 300 große Flaschen lagen nach den drei Jahren, so berichtet er, auf dem Speicher seines Hofes.

Jägermeister wurde für Hubert Buschmann in der Phase der Abhängigkeit zu seinem Lieblingsgetränk. Über 300 große Flaschen lagen nach den drei Jahren, so berichtet er, auf dem Speicher seines Hofes. © dpa

Dass bereits innerhalb kürzester Zeit mehr als drei von sechs benötigten Kriterien der Alkoholabhängig bei Hubert Buschmann erreicht sind, interessiert den Landwirt seinerzeit nicht. Zu diesen Kriterien gehören unter anderem, so erklärt es das Caritas-Suchberatungs-Expertenteam bestehend aus Leiterin Helena Sieniawski, Christiane Sönnekes und Peter Dankelmann, einen starken Drang zu verspüren, Alkohol konsumieren zu müssen. Oder nicht über Menge, Beginn und Beendigung des Konsums entscheiden zu können. Ebenfalls gehöre der Aspekt der Toleranzentwicklung dazu. Das bedeutet, dass immer mehr Mengen an Alkohol benötigt werden, um die gewünschte Wirkung zu erlangen.

Hubert Buschmanns Fall geht dem ungeachtet ungebremst weiter. 2010 muss er seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgeben. Und schon zuvor bröckelt seine Fassade. Die Fassade, die Sucht vor seinen Mitmenschen verstecken zu können. Einmal spricht Hubert Buschmann sogar ein Nachbarn auf das Thema an, weil der heute 55-Jährige auf dem Traktor in Schlangenlinien über die Felder fährt. Immerhin, so sagt er, habe seine Mutter von der Sucht bis zu ihrem Tod im März 2011 nie etwas mitbekommen. „Ich war ja clever“. Und erfinderisch. „Ich glaube, keiner hatte jemals so viele Paare Gummistiefel auf seinem Hof, wie ich es hatte.“

Stiefel als Versteck für die Jägermeisterflaschen

Der Grund der vielen Stiefelpaare: Sie dienen als Versteck für die Jägermeisterflaschen. „Da drin hat doch nie jemand nachgesehen und gepasst haben die Flaschen da auch wunderbar rein.“ Eine weitere „Strategie“, so sagt der 55-Jährige, ist es in der Suchtphase, die Flaschen auf hohen Regalen zu verstecken. „Meine Mutter war nicht sehr groß, sie konnte sie so nicht sehen.“

Und das Trinken als solches macht Hubert Buschmann immer dann, wenn er ungestört ist. „Als Landwirt hat man viel Zeit mit sich selbst. Da gibt es genügend Gelegenheiten - in den Stallungen, auf dem Traktor oder nach Feierabend.“ Und: Hubert Buschmann ist klar, dass er während dieser Zeit nicht ohne Alkohol kann, aber es ist ihm gleich. So schildert es der 55-Jährige rückblickend. „Mit dem Alkohol verliert man doch die Hemmungen, man vergisst und etwas anderes hatte ich zur der Zeit ja ohnehin nicht.“ Der Alkoholkonsum ist also eine Flucht. Eine Flucht aus der für ihn von Schicksalsschlägen geprägten realen Welt.

„Etwas anderes als den Alkohol hatte ich zur der Zeit ja ohnehin nicht.“
Hubert Buschmann

Ein Verhalten, dass in Bezug auf die Abhängigkeit als „typisch“ bezeichnet werden kann. Helena Sieniawski erklärt: „Die mit dem Alkoholkonsum verbundene kurzfristige positive Wirkung hat einen Einfluss auf das Konsumverhalten. Aus einer regelmäßigen Gewöhnung, kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Es ist das gemeinsame Wirken unterschiedlicher Faktoren wie Erfahrungen, psychologische Aspekte, genetische Anlagen, soziokulturelle Faktoren. Hinter jeder Abhängigkeit steht eine ganz persönliche, einzigartige Lebens- und Krankengeschichte.“

349 Ratsuchende kamen 2018 in das Haus der Beratung. Bei 233 dieser Personen hieß die Diagnose Alkoholabhängigkeit.

349 Ratsuchende kamen 2018 in das Haus der Beratung. Bei 233 dieser Personen hieß die Diagnose Alkoholabhängigkeit. © Markus Gehring

Und die Sucht lässt Hubert Buschmann unvernünftig werden. Obwohl ihm die Fahrerlaubnis entzogen wird, fährt er weiter Trecker und Auto. „Ich dachte auf den Feldern erwischt mich schon keiner.“ Weit gefehlt - das Ganze fliegt auf und das Amtsgericht Steinfurt verurteilt Hubert Buschmann zu zehn Monaten Haft auf Bewährung. Und dennoch fährt er weiter. Auch betrunken, wie er sagt. Bis auch das auffliegt und das Landgericht Münster ihn vor die Wahl stellt: Haftstrafe ohne Bewährung oder Entzugstherapie.

Therapieangebot statt Haftstrafe

„Ich hab das Angebot der Therapie angenommen. Mir war ja auch klar, dass es so nicht weiter gehen konnte. Mein Leben ist durch den Alkohol ja komplett aus den Fugen geraten.“ Die Folge: 20 Monate Aufenthalt in der der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloss Haldem. Geplant sind seinerzeit eigentlich nur acht Monate. „Mir hat es aber dort gut gefallen, es tat mir gut und ich habe Arbeit gefunden bei einem benachbarten Landwirt.“ Auch die Therapie schlägt an. „Und das so erfolgreich, weil Herr Buschmann wollte. Zufrieden abstinent ist hier das Zauberwort“, erklärt Gerlinde Schnatmann-David.

„Zufrieden abstinent ist das Zauberwort.“
Gerlinde Schnatmann-David

Im Anschluss erhält der 55-Jährige eine forensische Nachbetreuung, welche unter anderem die Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützen soll. In jener Zeit kommt auch der Kontakt zum Caritasverband und Gerlinde Schnatmann-David zustande. Heute lebt der seit fast acht Jahren „trockene“ Ex-Landwirt im ambulant betreuten Wohnen des Caritasverbandes. Seinen Hof hat er verloren. „Ich habe jetzt eine kleine Wohnung und fühle mich gut“, sagt er.

Risiko für einen Rückfall besteht immer

Und dennoch, so betont der 55-Jährige, sei ihm bewusst, dass die Gefahr für einen Rückfall immer und überall lauere. „Die Angst begleitet einen natürlich immer. Man braucht da einen ganz besonders starken Willen.“ Zudem gibt es Strategien, das Risiko zu minimieren. Helena Sieniawski erklärt: „Diese sind individuell. Sie werden mit dem Patienten erarbeitet und eingeübt.“ Habe dieser zum Beispiel während seiner Suchtphase Alkohol getrunken, um den Stress bei der Arbeit zu „verarbeiten“, dann gelte es zum Beispiel an diesem Punkt anzusetzen und Lösungen für eine Stressreduzierung zu finden.

Hubert Buschmanns großer Traum - einmal Paris und den Eifelturm besichtigen und mit seinem E-Bike zurück in die Heimat radeln.

Hubert Buschmanns großer Traum - einmal Paris und den Eifelturm besichtigen und mit seinem E-Bike zurück in die Heimat radeln. © dpa

Hubert Buschmann jedenfalls hat 2015 nach über zehn Jahren seinen Führerschein wiederbekommen. Und die Aussicht auf eine Festanstellung habe er auch, sagt er. Und einen Traum hat der 55-Jährige zugleich auch noch. „Ich möchte gerne einmal mit einem E-Bike im Zug nach Paris fahren, mir die Stadt anschauen und dann mit dem Fahrrad zurück fahren. Das sind ja bloß ein paar hundert Kilometer.“

Tipps zum Vorbeugen einer Alkoholsuchterkrankung:
  • Trinken sie täglich nicht mehr, als die geltenden Grenzwerte für einen „risikoarmen“ Konsum (12 Gramm für Frauen und 24 Gramm für Männer). Als Richtwert: Ein Bier (0,3 Liter) enthält 12g Alkohol und ein Glas Wein (0,125 Liter) 11g Alkohol.
  • „Betrinken“ vermeiden.
  • An zwei oder mehr Tagen in der Woche kein Alkohol trinken.
  • Kein Alkohol konsumieren, wenn es auf Leistungsfähigkeit, Konzentrationsvermögen und schnelle Reaktionen ankommt.
  • Mit dem Arzt abklären, ob Alkoholkonsum bei einer Medikamenteneinnahme konsumiert werden darf.
  • Ältere Menschen sollten besonders vorsichtig mit Alkohol umgehen.
  • Auf eine gesunde, ausgewogene und zufriedene Lebensführung achten.
(Zusammengestellt von Helena Sieniawski, Christiane Sönnekes und Peter Dankelmann von der Suchtberatungsstelle des Caritasverbands für die Dekane Ahaus und Vreden)
Schlagworte: