Sebastian Dorsel studiert in Ungarn Medizin und sieht viele Vorteile

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Sebastian Dorsel (26) studiert in Szeged Medizin. In Teil eins unserer Serie „Erst das Abi, und was dann?“ spricht er über seine Erfahrungen und die Pläne für die Zukunft.

Ahaus

, 18.03.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sebastian Dorsel ist in Ottenstein aufgewachsen, ging hier zur Grundschule und machte 2011 an der Canisiusschule in Ahaus sein Abitur. Nach seinem Abschluss stand der damals 19-Jährige vor der Frage, wie es weitergehen sollte. Ein Jahr ins Ausland? Ein FSJ? Oder doch gleich mit dem Studium beginnen? Sebastian Dorsel entschied sich für Letzteres. An der Uni Bamberg begann er im Wintersemester 2011/2012, Internationale Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Richtig glücklich machte ihn das Studium aber nicht. Mittlerweile lebt er im südungarischen Szeged und studiert Medizin. Trotz Prüfungsstress hat er sich die Zeit genommen, über seine Erfahrungen zu berichten.

Herr Dorsel, die Anzahl der Deutschen, die dauerhaft im Ausland studieren, liegt im einstelligen Prozentbereich. Wann kamen Sie auf die Idee, ein Auslandsstudium zu beginnen?

Nach dem Abitur habe ich angefangen, Internationale Betriebswirtschaftslehre zu studieren. In diesem Zusammenhang bekam ich die Möglichkeit, ein Auslandssemester in Honolulu auf Hawaii zu verbringen. Dort gewöhnte ich mich an das Studieren auf Englisch. Nach meiner Rückkehr entschloss ich mich dazu, meinen Studiengang zu Medizin zu wechseln. Wegen der starken Fokussierung auf den Numerus Clausus an deutschen Unis, war das Ausland für mich die beste Option. Ungarn war dann für Medizin die naheliegende Lösung.

Wie hoch waren die ersten Hürden?

Mein deutsches Abitur wurde ohne Probleme anerkannt. Vor meiner Uni-Bewerbung habe ich zusätzlich an einer Akademie in Budapest einen einjährigen Vorbereitungskurs absolviert, um meine Chancen zu erhöhen.

Also ging es dort nicht nur nach Notenschnitt?

Man braucht das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss, allerdings keinen bestimmten Notenschnitt. Für die Universitäten in Budapest, Szeged und Pecs muss man jeweils ein mündliches und schriftliches Aufnahme-Examen absolvieren. Danach werden die besten Kandidaten ausgewählt. Ich bin dann nach Szeged in Südungarn gewechselt, wo ich momentan studiere.

Oftmals hadern deutsche Studenten mit der Verwaltung in anderen Ländern. Wie waren Ihre Erfahrungen in Ungarn?

Die Verwaltung in Ungarn ist alles in allem in Ordnung, dennoch nicht mit deutschem Standard vergleichbar. Die Professoren sind fachlich hervorragend, aber die Verwaltung ist oft chronisch unterfinanziert. Man braucht überall viel Geduld.

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Sie leben mittlerweile seit mehreren Jahren in Szeged, wie haben Sie sich akklimatisiert?

Ich habe mich mittlerweile gut an Ungarn gewöhnt, auch wenn vieles deutlich anders läuft als in Deutschland. Das Sortiment im Supermarkt ist anders, die Wartezeiten sind häufig lang und es gibt teilweise eine sehr schlechte Infrastruktur. Auf der anderen Seite gibt es auch viele schöne Seiten. Sowohl in Budapest als auch in Szeged gibt es viele internationale Studenten, vor allem Budapest ist eine Touristenstadt und hat viel zu bieten. Meine Freundin studiert in Budapest, deswegen pendele ich oft zwischen den beiden Städten hin und her. Eine große Hürde ist definitiv die Sprache. Ich studiere an der Uni zwar auf Englisch, aber gerade ältere Leute sprechen ausschließlich Ungarisch. Aus dem Grund muss ich an der Uni auch Ungarisch lernen, um mich später in den klinischen Semestern mit den Patienten verständigen zu können. Leider ist Ungarisch sehr komplex und extrem schwer zu lernen.

Trotz der Sprachbarriere werden Sie von der Politik im Land etwas mitbekommen. Wie erleben Sie die Situation in Ungarn?
Im Alltag sind die Probleme ganz klar spürbar. Es gibt Korruption, Fremdenhass und nationalistische Tendenzen der Regierung.

Sie stehen kurz vor dem Abschluss, haben also schon viele Erfahrungen gesammelt. Würden Sie angehenden Abiturienten in Deutschland empfehlen, im Ausland zu studieren?

In meinen Augen überwiegen ganz klar die Vorteile. Durch die internationale Ausrichtung an den ungarischen Universitäten knüpft man viele interessante Kontakte. Man lernt viel über andere Kulturen und ist immer wieder gezwungen, seine eigene Sicht auf die Welt kritisch zu hinterfragen. Man erweitert seinen Horizont. Doch es gibt auch ganz pragmatische Gründe für ein Auslandsstudium: Durch einen englischsprachigen Abschluss bin ich nicht an ein Land gebunden.

Es zieht Sie also weiter?

Nach meinem Abschluss in Ungarn werde ich erst einmal versuchen, meine Facharzt-Ausbildung in einem englischsprachigen Land, möglicherweise in den USA, zu absolvieren und erste Berufserfahrung zu sammeln. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, auf lange Sicht nach Deutschland zurückzukehren. Aber aus der Vergangenheit habe ich gelernt, nicht zu weit in die Zukunft zu planen. Ich werde erst mal die nächsten Jahre abwarten.

Sieht man Sie denn in näherer Zukunft mal wieder in Ottenstein?

Ich versuche nach wie vor, so oft wie möglich nach Hause zu kommen, auch wenn es sich oft auf den Weihnachtsurlaub und einige Wochen im Sommer beschränkte. Da sehe ich allerdings keinen großen Unterschied zu meinen Freunden, die inzwischen in anderen Teilen Deutschlands leben.

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