So feucht-fröhlich ging es auf dem Wüllener Präsidiums-Wagen zu

mlzKarneval in Wüllen

Sturmwarnung? Davon ließen sich die Wüllener Karnevalisten nicht aufhalten. Tausende zog es zum Umzug. Mittendrin: Das Präsidium „Klein-Kölns“. Unser Reporter hat den Wagen begleitet.

Ahaus

, 05.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Wolkendecke bricht auf, ein Sonnenstrahl fällt auf Wüllener Boden. Ob es die zahlreichen Stoßgebete waren oder einfach nur Glück, da lässt sich Petrus wie üblich nicht in die Karten schauen. Doch eine halbe Stunde vor Beginn des Umzuges ist von dem angekündigten Sturm zumindest in Wüllen weit und breit nichts zu sehen. Einige Wagen wackeln zwar bedenklich, das hat aber andere Gründe. Ein Karton Regen-Ponchos liegt für den Notfall bereit. Besser haben als brauchen.

Thorsten Uschok, Geschäfsführer des Karnevalsvereins „Klein-Köln“, bekommt das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Anspannung ist der Vorfreude auf den Rosenmontagsumzug gewichen. „Wie bestellt“, sagt er, blickt zum Himmel und hält sich demonstrativ die flache Hand als Sonnenblende vor die Stirn. Das Partyvolk hatte offenbar ein besseres Gespür, zahlreiche Sonnenbrillen werden gezückt. Dass der Start des Zuges sich etwas verzögert: nicht mehr als eine Randnotiz.

Martin Terspolde zeigte sich bestens gelaunt, nachdem das Unwetter Wüllen verschont hatte.

Martin Terspolde zeigte sich bestens gelaunt, nachdem das Unwetter Wüllen verschont hatte. © Johannes Schmittmann

Währendessen probt Karola Voß schon mal für den Ernstfall. Die Bürgermeisterin der Stadt Ahaus gibt sich in Wüllen auf Einladung des Präsidiums erstmals die Ehre. Das „Helau“ geht der gebürtigen Ottensteinerin mit jedem Mal flüssiger über die Lippen. Der rot-weiße Schal bringt ihr zusätzliche Sympathiepunkte beim Publikum ein. Nur ein Freudscher Versprecher könnte jetzt noch den guten Eindruck zerstören.

270 Chinesen rund um den Prinzenwagen

Noch eine Runde Klopfer, dann setzt sich der Tross langsam in Bewegung. 270 „Chinesen“ aus der Prinzen-Nachbarschaft „Kreggeln Hook“ reihen sich hinter dem Wagen des Präsidiums ein. „Ich glaube, China ist heute leer“, sagt Thomas Osterhues und lacht. Nicht ganz. Aber man kratzt an der Quote, wonach jeder fünfte Mensch ein Chinese ist.

Thomas Uschok muss Munition nachladen.

Thomas Uschok muss Munition nachladen. © Johannes Schmittmann

Beim Kamellewerfen trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Die alten Recken kennen alle Tricks und teilen sich ihre Rationen ein. Die Bürgermeisterin ist hingegen gar nicht mehr zu stoppen und wirft großzügig mit beiden Händen Kaubonbons über die Reling. „Wenn Sie mit unserer Stadtkasse auch so umgehen, wird mir Angst und Bange“, kommentiert Thomas Osterhues mit einem Augenzwinkern. Trotz eines großen Polizeiaufgebots wird aufgrund verirrter Kamelle in zahlreichen Vorgärten Hausfriedensbruch begangen. An Karneval gelten offenbar andere Gesetze.

Nicht jeder Bitte wird Folge geleistet

Unverkennbar lockt der Umzug nicht nur Kinder auf die Straße. Statt sich nach Süßigkeiten zu bücken, begnügen sich die meisten mit ihren Getränken. Genauso bunt und auch nicht viel härter als die steinharten Kaubonbons, die im Stadion als Wurfgeschoss durchgegangen wären. Plombenzieher sagte mein Opa dazu. Der Bitte „mal ein paar Bier“ runterzuwerfen, kommt das Präsidium allerdings nicht nach.

Dann Stillstand. Weiter vorne sorgt ein Engpass für einen Rückstau. Den nutzt die Kapelle für den Wüllen-Klassiker „So lange up de Höste“. Das Präsidium schunkelt und singt, Karola Voß offenbart Textlücken. Verzeihbar. Für nächstes Jahr muss ja auch noch Luft nach oben sein.

Der nächste Boxenstopp hat schon Tradition. Vor dem Hause Vöcking wartet ein Tablett Fleischbrötchen auf das Präsidium. „Schmeckt besser als die dritte Currywurst“, sagt Stefan Vöcking nur halb scherzhaft.

Stefan Vöcking verteilt die Fleischbrötchen an die Präsidumsmitglieder.

Stefan Vöcking verteilt die Fleischbrötchen an die Präsidumsmitglieder. © Johannes Schmittmann

Auffällig: Während die Halbwertszeit einer Kiste Bier im Rest Wüllens dieser Tage zwischen fünf und zehn Minuten pendelt, hält sich das Präsidium vornehm zurück. „Mit einer Hand wirft es sich so schlecht“, sagt ein Präsidiumsmitglied fast entschuldigend. Damit bilden sie an diesem Tag die Ausnahme. Mülltonnen gleichen am Rosenmontag einem Massengrab für Zwei-Zentiliter-Fläschchen.

Der bange Blick gen Himmel

15.05 Uhr der bange Blick nach oben. Nein, das war kein Phantomschmerz, sondern ein Regentropfen. Neben der Gewissheit, dass die Wüllener ihre Laune nicht vom Sonnenschein abhängig machen, bleibt die Erkenntnis, dass auf neumodische Wetter-Apps kein Verlass ist. Doch das Glück bleibt den Karnevalisten treu, das Schauer zieht vorbei.

Marion Uschok behauptete sich auf dem Männer-dominierten Wagen.

Marion Uschok behauptete sich auf dem Männer-dominierten Wagen. © Johannes Schmittmann

Nächster Halt, kurz vor dem Friedhof. Aufatmen bei den älteren Präsidiumsmitgliedern. „Hätten wir auf Friedhofs-Höhe gehalten, wäre das ein ganz schlechtes Omen“, sagt Guido Sunke und lacht. Für bessere Stimmung sorgen die Musiker, die „Cordula Grün“ anstimmen – den Text liefert das Publikum.

Der einzige Wermutstropfen des Tages

Kurz vor dem Ende der einzige Wermutstropfen des Tages. Aus der Entfernung sieht man Feuerwehrwagen mit Blaulicht anrücken. Sorgenvolle Mienen, erste Anrufe werden getätigt. Trotzdem lautet die Devise: keine Panik verbreiten. Die Erstinfo: Eine Person ist eingeklemmt. Die gute Laune ist wie weggeblasen. Auch als das Ordnungsamt leichte Entwarnung gibt, kehrt die Stimmung nicht zurück. „Dass ein Kind zu Schaden kommt, ist das Worst-Case-Szenario. Es ist genau das, was wir als Verein um jeden Preis verhindern wollen“, sagt Thomas Osterhues. Der Zug setzt sich dennoch fort.

Die Laune auf dem Präsidiumswagen war ausgezeichnet – bei Sonne und Wolken.

Die Laune auf dem Präsidiumswagen war ausgezeichnet – bei Sonne und Wolken. © Johannes Schmittmann

Das „Helau“ wirkt gequält, auch die Schunkel-Einheit ist erzwungen. Der Schock hat Spuren hinterlassen. Erst als die Sonne sich wieder zeigt, kehrt auch das Lachen zurück. „Wenn Engel feiern, lacht der Himmel“, sagt Hermann-Josef Schmitt. Und die drei Regentropfen? „Die kamen aus Ottenstein.“

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