Ob mit oder ohne Akku: Die Technik an vielen Fahrrädern ist inzwischen deutlich komplexer geworden. Für viele Reparaturen führt der Weg nicht an der Fachwerkstatt vorbei. © Stephan Rape
Fahrrad im Frühling

So wird das Fahrrad nach dem Winterschlaf fit für die nächste Tour

Der Frühling steht vor der Tür. Für viele die Zeit, auch das Fahrrad wieder aus dem Winterschlaf zu holen und für Touren fit zu machen. Ein paar Tipps für den reibungslosen Start in die Saison.

ADFC-Technikexperte René Filippek sagt: „Wer rastet, der rostet, das gilt auch für Fahrräder. Daher ist ein ordentlicher Check vor der ersten Ausfahrt zwingend notwendig, um sicherzustellen, dass das Rad einwandfrei funktioniert.“ Bei Auffälligkeiten rät der ADFC allerdings zum Gang in die Fachwerkstatt. Denn die Technik am Rad hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt – ist aber auch komplizierter geworden.

Fahrradtechnik ist komplizierter geworden

Das sehen auch die drei Ahauser Fahrradhändler Bernhard Kaute-Isfort, Peter Müller und Dieter Gewers so. „Früher konnte man ja beispielsweise mit einem Schraubenschlüssel und einem kräftigen Hammerschlag die Lenkerhöhe verstellen“, sagt Dieter Gewers. Das sei bei heutigen Modellen mit sogenanntem Ahead-Vorbau schon schwieriger.

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Wie wird das Fahrrad fit für den Frühling?

Auch die Wartung einer hydraulischen Scheibenbremse sei natürlich viel komplizierter als bei den mechanischen Felgenbremsen früherer Modelle. Und bei der Einstellung der Schaltung sei es dann oft endgültig vorbei. „Wir hatten schon etliche Kunden, die mit ihrem Fahrrad in Einzelteilen zu uns gekommen sind, weil die Inspektion zu Hause gründlich schief gegangen ist“, ergänzt er lachend.

Dieter Gewers hat vorgesorgt: Im vergangenen Jahr hat er zehnmal so viel eingekauft wie üblich.
Dieter Gewers hat vorgesorgt: Im vergangenen Jahr hat er zehnmal so viel eingekauft wie üblich. © Stephan Rape © Stephan Rape

Auch Peter Müller kann von ähnlichen Geschichten berichten. „Luft-aufpumpen, Kette-ölen und einen Bremsentest sollte man ja noch ohne Probleme zu Hause hinbekommen“, sagt er. Aber spätestens bei den beliebten E-Bikes würde es danach schwierig.

Peter Müller, Geschäftsführer von Zweirad Müller, beobachtet seit einiger Zeit, dass Ersatzteile knapper werden.
Peter Müller, Geschäftsführer von Zweirad Müller, beobachtet seit einiger Zeit, dass Ersatzteile knapper werden. © Stephan Rape © Stephan Rape

So würde bei einer Inspektion auch die Software der E-Bikes auf den aktuellen Stand gebracht. Das sei in der Heimwerkstatt nicht möglich.

Auch komme es heute viel stärker darauf an, Schrauben mit dem passenden Drehmoment anzuziehen. „Da muss man schon genau wissen, was man tut“, sagt er.

Wartezeiten lassen sich im Moment nicht vermeiden

Klar sei, dass es aktuell zu Wartezeiten kommen könne. Nicht nur weil wegen der Corona-Pandemie Termine vereinbart werden müssen. Durch das plötzliche Frühlingswetter seien die Werkstätten entsprechend ausgebucht. „Es geht aktuell noch, aber es kann auch schon mal vier oder fünf Tage dauern“, erklärt Bernhard Kaute-Isfort von Zweirad Kestermann.

Bei Bernhard Kaute-Isfort von Zweirad Kestermann halten sich Wartezeiten im Moment noch in Grenzen. Er rät aber dazu, sich rechtzeitig anzumelden.
Bei Bernhard Kaute-Isfort von Zweirad Kestermann halten sich Wartezeiten im Moment noch in Grenzen. Er rät aber dazu, sich rechtzeitig anzumelden. © Stephan Rape © Stephan Rape

Da stehen die Kunden vor dem Tor zur Werkstatt allerdings schon Schlange. Von „ein paar Tagen“ spricht Peter Müller. Bei Zweirad Gewers soll es mit ein bis zwei Tagen etwas schneller gehen.

Alle drei sind sich aber einig: Besser sei, sich früh genug darum kümmern, das eigene Rad wieder fit zu bekommen, bevor man eine Tour plane.

Boom auf dem Fahrradmarkt sorgt für lange Lieferzeiten

Der Boom auf dem Fahrradmarkt und die Corona-Pandemie haben dafür gesorgt, dass Ersatzteile und auch neue Fahrräder langsam knapp werden. „Ich habe das Gefühl, dass zum Beispiel Schaltkassetten das neue Klopapier werden“, sagt Peter Müller mit Blick auf die Hamsterkäufe von Anfang 2020. Auch die Großhändler hätten inzwischen Schwierigkeiten, die Nachfrage zu erfüllen.

Egal ob es um Ersatzteile oder ganze Fahrräder gehe, Nachschub sei im Moment schwer zu bekommen. „Die Corona-Pandemie hat weltweit die Lieferketten unterbrochen“, sagt er. Die meisten Rahmen und Anbauteile würden aber eben in Fernost produziert. Ohne die Marke Shimano beispielsweise, wäre die Fahrradindustrie heute nicht mehr denkbar. Aber der japanische Konzern produziert eben fast ausschließlich in Asien.

Frachtkosten haben sich verzehnfacht

Deswegen werden die Teile auch teurer: „Allein die Frachtkosten sind explodiert“, erklärt er. Die Kosten für einen Container, der aus Asien nach Europa kommt, hätten sich in den vergangenen Monaten verzehnfacht. „Einige Hersteller haben 18 Monate Lieferzeit“, sagt er. Früher oder später werde das auch bei Service und Reparaturen zu Problemen führen. Noch seien die Lager aber gut gefüllt. Für diese Saison mache er sich noch keine Sorgen. Trotzdem müsse der Kunde mit Wartezeiten rechnen.

Auch bei Zweirad Gewers haben sie sich auf die geänderten Marktbedingungen eingestellt: „Wir haben im vergangenen Jahr fast zehnmal so viel eingekauft wie üblich“, sagt Dieter Gewers. Er bestätigt: Der Markt sei aktuell so gut wie leergefegt. „Deswegen haben wir vorgesorgt“, sagt er und deutet auf volle Regale in der Werkstatt. Ketten beispielsweise habe er sowohl abgepackt für Kunden als auch als Endlosware für die Werkstatt im Vorrat. „Ich wollte nicht, dass unsere Werkstatt zum Nadelöhr wird, weil wir auf Teile warten müssen“, sagt er.

Auch die Zeit im Winter habe es in seinem Unternehmen keine Kurzarbeit gegeben. „Wir haben Räder vormontiert“, erklärt er. 1800 Stück hat er aktuell am Lager. „So haben wir jetzt im Frühjahr und dann im Sommer mehr Zeit für unsere Kunden“, macht er deutlich. Die Nachfrage nach neuen Rädern sei schon vor der Pandemie enorm groß gewesen. „Durch Corona haben viele sich dann noch neue Fahrräder gekauft, statt in den Urlaub zu fahren“, ergänzt er.

In der Pandemie waren alle Räder gefragt

Auch Bernhard Kaute-Isfort, Geschäftsführer von Zweirad Kestermann, hat gerade alle Hände voll zu tun. Beim Blick auf das vergangene Jahr kann er aber keinen besonderen Schwerpunkt ausmachen. Klar, E-Bikes würden immer beliebter. Sie seien vor allem vor der Corona-Krise das Hauptgeschäft gewesen. Das habe sich dann aber noch einmal gewandelt. „Im vergangenen Jahr ging wirklich alles“, sagt er. Mountainbikes, Tourenräder, Kinderfahrräder – eben das ganze Programm.

Auch die eher günstigen Modelle seien stark nachgefragt gewesen.

Alle drei setzen sich klar vom Online-Handel ab und wollen stattdessen mit Beratung und Service vor Ort punkten. Unabhängig voneinander betonen sie, dass die Zusammenarbeit gut funktioniere und die Konkurrenz nicht zu groß sei. „Wir helfen uns gegenseitig“, sagt Dieter Gewers.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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