Wegen der vielen Beteiligten ist das erweiterte Schöffengericht in die Stadthalle Ahaus ausgewichen. Insgesamt sind sieben Männer angeklagt. Sie sollen unter anderem 2018 einen Mann in Vreden angegriffen haben. Mindestens zwei Prozesstage stehen noch aus. © Stephan Rape
Gemeinschaftliche Körperverletzung

Staatsanwältin spricht von „kriegerischer Handlung“ – Großfamilie auf der Anklagebank

Wie bei einer „kriegerischen Handlung“ sollen Mitglieder einer Großfamilie 2018 einen Mann in Vreden angegriffen haben. Sechs von ihnen und ein weiterer Mann sitzen in Ahaus jetzt vor Gericht.

Sieben Angeklagte, sieben Verteidiger, Richter, Schöffen, Wachtmeister und Polizisten: Auftakt für den Mammutprozess vor dem erweiterten Schöffengericht Ahaus am Dienstag.

Sieben Stunden dauert der erste Verhandlungstag – unter anderem geht es um einen wüsten Fall von gemeinschaftlicher Körperverletzung. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft spricht von einer beinahe „kriegerischen Handlung“.

Auf der Anklagebank sitzen sechs Mitglieder einer Großfamilie mit teils deutscher, teils libanesischer und teils beiden Staatsbürgerschaften. Sie sind zwischen 25 und 51 Jahren alt und wohnen in Ahaus. Weiter ist ein 25-jähriger Ahauser angeklagt, der jedoch mehrfach beteuert, weder mit der Großfamilie zu tun zu haben noch vor Ort gewesen zu sein.

Massiver Angriff durch 10 bis 15 Männer in Vreden

Rückblick: An einem frühen Oktoberabend 2018 wird ein heute 25-jähriger Vredener zur Wüllener Straße in Vreden bestellt. Es gebe etwas zu klären.

Wenige Minuten nachdem der Mann dort ankommt, rasen Pkw heran, etliche Männer springen heraus und fangen direkt an, auf den Mann einzuschlagen. Es sollen 10 bis 15 Männer gewesen sein. Sechs bis acht von ihnen sollen auf ihn eingeschlagen haben.

Der Mann bekommt etliche Schläge ins Gesicht, ihm wird ein Zahn herausgeschlagen, zusätzlich trägt er Prellungen davon. Die Angreifer verschwinden nach wenigen Minuten.

Sieben Angeklagte, sieben Verteidiger, zwei Richter, zwei Schöffen, Staatsanwältin, Mitarbeiter des Gerichts, Wachtmeister und etliche Zuschauer: Der besondere Prozess in der Stadthalle sorgte am Dienstag für einigen Wirbel.
Sieben Angeklagte, sieben Verteidiger, zwei Richter, zwei Schöffen, Staatsanwältin, Mitarbeiter des Gerichts, Wachtmeister und etliche Zuschauer: Der besondere Prozess in der Stadthalle sorgte am Dienstag für einigen Wirbel. © Stephan Rape © Stephan Rape

Kurze Zeit später hält die Polizei in Ottenstein ein Auto an. Darin vier Mitglieder der Großfamilie. Im Kofferraum haben sie einen Baseballschläger und eine Gaspistole, im Handschuhfach ein Jagdmesser dabei. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen werden weitere Waffen und verbotene Gegenstände bei den Familienmitgliedern gefunden – darunter Messer, Teleskopschlagstöcke und Pfefferspray.

Familienmitglieder schweigen sich vor Gericht aus

Vor Gericht machen alle sechs Mitglieder der Großfamilie keinerlei Angaben. Nur die Fragen nach ihren Personalien und ihrem Familienstand beantworten sie knapp. Schon zu ihren Einkünften hüllen sie sich in Schweigen.

Nur ein Angeklagter sagt aus: der 25-jährige Mann aus Ahaus, der nicht zur Familie gehört. Er sei lediglich früher mit dem Opfer im gleichen Boxclub gewesen. Zur Tatzeit will er erst bei seiner Freundin und ihrer Mutter in Ahaus und später mit einem Bekannten auf dem Kaufland-Parkplatz in Wüllen gewesen sein. Seine Freundin, ihre Mutter und der genannte Bekannte bestätigen seine Aussage.

Das Opfer will ihn jedoch aus dem Augenwinkel heraus erkannt haben. Er soll jedoch lediglich dabeigestanden haben. Auch einen weiteren Angeklagten will er zweifelsfrei erkennen.

24-jähriger Vredener verstrickt sich in Widersprüche

Ein 24-jährige Bekannter von ihm, der das Treffen damals überhaupt erst arrangiert hatte und dabei war, als die Schlägerei ausbrach, ist sich heute nicht mehr so sicher: Der Vredener, verstrickt sich vor Gericht in Widersprüche. Nachdem er erst dazwischen gegangen sei, sei er selbst geschlagen und bedroht worden. Vom ältesten Angeklagten, der eine Machete oder etwas ähnliches in der Hand gehalten habe.

Bei der Polizei hatte er die Angreifer teils noch namentlich identifiziert. Vor Gericht und vor den Augen von sechs Angeklagten und weiteren Familienmitgliedern auf der Zuschauertribüne mochte er diese Aussagen am Dienstag aber nicht bestätigen.

Mehr noch: Er kenne keinen der Angeklagten. Mehrfach verstrickt er sich in Widersprüche. Obwohl der Name eines Angeklagten in seinem Telefonbuch abgespeichert ist, streitet er jede Bekanntschaft ab.

Der Richter warnt ihn: „Sie reiten sich hier kräftig in etwas herein.“ Er hält ihm Whatsapp-Dialoge vor, in denen der Name der Angeklagten fällt: „Und Sie sagen mir, Sie kennen ihn nicht?“. Der Zeuge bleibt dabei. „Sie eiern ‚rum und sind kurz davor, dass die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Falschaussage gegen Sie einleitet.“

Sitzungsunterbrechung. Der Zeuge versucht seinerseits einen Anwalt hinzuzuziehen, erreicht ihn aber nicht. Nach einigem Hin und Her darf er seine Aussage unterbrechen. Bis zum nächsten Sitzungstermin kann er Rücksprache mit seinem Anwalt halten.

Auch die damals alarmierten Polizisten können heute – fast drei Jahre nach der Tat – nur noch wenig zur Aufklärung beitragen. Ende des ersten Tages um kurz nach 16 Uhr.

Der Prozess wird am Dienstag, 21. September, um 9 Uhr in der Stadthalle fortgesetzt. Dann geht es zunächst um eine weitere Körperverletzung, die einer der Angeklagten begangen haben soll. Dieses Mal in Ahaus vor einer Shishabar.

Widerstand gegen SEK – Verfahren schon eingestellt

Eingestellt wurden schon am ersten Verhandlungstag zwei weitere Anklagen, die mit verhandelt wurden: Der 51-jährige Angeklagte soll bei einer Hausdurchsuchung Widerstand gegen Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) geleistet haben.

Der Mann hatte auf dem Boden geschlafen und stand zudem unter Alkoholeinfluss. Er soll trotz der Warnungen der Beamten versucht haben, aufzustehen. Mit Gewalt und Fesseln fixierten ihn die Beamten am Boden.

Der Richter räumte allerdings ein, dass sich die Tat im absoluten Minimum des Vorwurfs bewegt haben dürfte. Er regte an, das Verfahren einzustellen. Dem schlossen sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung – nach erneuter Beratung – an.

Auch eine weitere Körperverletzungsanklage gegen einen der Angeklagten wurde eingestellt: Weil er in einem anderen Fall bereits verurteilt wurde und die zu erwartende Strafe in keinem Verhältnis dazu stehe.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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