Ständige Schulwechsel wären nicht förderlich: Mobiler Unterricht für Zirkuskinder in Ahaus

mlzSchule für Zirkuskinder

Der Circus Casselly ist diese Woche in Ahaus zu Gast. Damit die Zirkuskinder nicht bei jedem Ortswechsel die Schule wechseln müssen, gibt es eine mobile Schule. Wir waren beim Unterricht dabei.

Ahaus

, 21.02.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie wird denn ,Sp‘ geschrieben?“, fragt Silke Fislage die achtjährige Louisiana neben sich. Diese überlegt kurz, dann sagt sie: „S und P“. Lehrerin Silke Fislage nickt, streicht Louisianas „Schtpritze“ in dem Deutsch-Übungsheft für die zweite Klasse durch, und schreibt „Spritze“ darüber. Die Lehrerin sitzt auf einem kleinen Stuhl in einem Wohnmobil, das zum Klassenzimmer umfunktioniert wurde. An den Schränken hängen selbst gemalte Bilder und in den Regalen stehen Bücher. Wort für Wort geht sie die Sätze durch, die Louisiana in Druckbuchstaben in das Heft geschrieben hat. Die Schülerin steht dabei die ganze Zeit neben ihr.

Ebenfalls im Wohnwagen sind der elfjährige Miguel und die zehnährige Ilaine. Alle drei Kinder gehören zum Circus Casselly, dessen Zelte in dieser Woche neben der Pestalozzischule in Ahaus aufgeschlagen sind. Im Wohnmobil nebenan sind noch drei weitere Kinder, die gerade von einem anderen Lehrer der Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen unterrichtet werden.

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Die staatlich genehmigte Schule unter der Trägerschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland ist darauf ausgelegt, Zirkuskindern, die ständig ihren Standort wechseln, alle Inhalte der Sekundarstufe I, bis zum Hauptschul- oder Relaschulabschluss, zu vermitteln.

Mit dem Schulmobil durch ganz NRW

Dafür kommt Lehrerin Silke Fislage zwei Mal die Woche mit ihrem Schulmobil zum Circus Casselly – egal wo in NRW er gerade ist. „Morgens bin ich um spätestens sieben Uhr auf der Autobahn und nachmittags staubedingt nie vor vier Uhr zu Hause“, erzählt die Grundschullehrerin aus Leverkusen.

Damit ist sie viel länger unterwegs als für ihre alte Stelle an einer Grundschule in der Nähe ihres Wohnortes. „Man muss wirklich flexibel sein“, erklärt die 46-Jährige. Denn an zwei weiteren Tagen die Woche lehrt sie noch an einem anderen Circus, der ebenfalls irgendwo in NRW Halt macht. Trotzdem gefällt ihr die Arbeit, der sie schon seit knapp zwei Schuljahren nachgeht.

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„Es ist einfach ein ganz anderes Arbeiten. Dieses individuelle Lernen finde ich gut. Man kann gucken: welches Kind braucht was, und je nachdem bekommt dann der eine ein anderes Übungsheft als der andere“, erklärt Silke Fislage.

Dass jedes Kind etwas anderes lernt, obwohl alle im gleichen Klassenzimmer sitzen, ist dem Alter und damit dem Lernstand geschuldet. Schließlich unterrichtet die Lehrerin beim Circus Casselly insgesamt sechs Kinder – von der Vorschule bis zur fünften Klasse ist alles einmal dabei.

Eine Lehrerin für alle Fächer

Mit ihrem Kollegen im Schulmobil nebenan tauscht sie mal die Schüler und die Unterrichtsfächer aus. Obwohl Silke Fislage Deutsch, Mathe und Sachunterricht auf Grundschullehramt studiert hat, muss sie alle Schulfächer unterrichten. „Fächer, die ich nicht studiert habe, muss ich mir dann aneignen“, erzählt sie.

Pro Unterrichtstag ist die Lehrerin fünf Zeitstunden da, um die Kinder zu unterrichten. Ihre Arbeit könne einem Problem entgegenwirken, das einige Zirkuskinder betreffe: „Viele wandern von Schule zu Schule, aber gerade in der Pubertät wollen sie das nicht mehr und machen dann ihren Abschluss nicht.“ Eine feste Ansprechpartnerin sei also von großer Wichtigkeit.

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Deswegen versuche der Circus Casselly, viel in NRW zu bleiben, wo die Schule für Circuskinder im Einsatz ist. Auch im Winter, wenn der Circus an einem Ort bleibt und die Kinder in ihrer Stammschule sind, hält der Kontakt zu Silke Fislage. Der elfjährige Miguel ist, seit er sechs Jahre alt ist, Schüler der Schule für Circuskinder in NRW. Ihm gefällt sowohl das Schulmobil als auch die Winterschule. „Aber es ist schon etwas anderes. Da sind ja immer neue Kinder“, sagt er bezogen auf die Stammschule.

Die Zirkuskinder Ilaine, Louisiana, Anthony, und Miguel in ihrem Schulmobil

Die Zirkuskinder Ilaine, Louisiana, Anthony, und Miguel in ihrem Schulmobil. © Gerick



Individuelle Lernpakete für zu Hause

Der Schüler spricht gerade mit seiner Lehrerin ab, welche Aufgaben er bis zum nächsten Mal bearbeiten soll. Silke Fislage stellt ihm sogenannte „Lernpakete“ zusammen. „Drei Seiten Mathe, das reicht doch“, versucht Miguel seine Lehrerin zu überreden. „Ne, wir sehen uns doch erst in vier Tagen wieder“, entgegnet diese.

Damit das Lernpernsum geschafft wird, ist selbstständiges Lernen sehr wichtig. „Bei den Kleinen schreiben wir auf: Montags macht ihr die Aufgaben, Donnerstag die anderen. Die Großen sollen sich das selbst einteilen. Manchmal ist es aber schon so: Huch, morgen kommt ja schon Silke und ich muss noch fünf Aufgaben machen“, weiß die Lehrerin.

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Die beiden ältesten Zirkuskinder haben außerdem seit Kurzem Laptops, um zu lernen, damit umzugehen. Das diene der Vorbereitung auf den Online-Unterricht, den die Schule ebenfalls anbietet. Im virtuellen Klassenzimmer wird sich besonders auf die zentralen Abschlussprüfungen der zehnten Klasse vorbereitet.

Für Silke Fislage ist das Unterrichten als Zirkusschullehrerin eine ganz besondere Arbeit. Sie hat das Gefühl, dass sich die Kinder viel mehr freuen, in die Schule zu gehen, als das bei ihrer vorherigen Schule der Fall war. „Ich habe den Eindruck, dass man hier gebraucht wird, und etwas Sinnvolles macht.“

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