Treffen für Menschen mit Amputationen: „Lebensgefühl zurückgewinnen“

mlzSelbsthilfegruppe

Das Grenzland Sanitätshaus organisiert eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Amputationen. Geleitet wird sie von Stephan Berendsen. Er ist Prothesentechniker und Betroffener zugleich.

Ahaus

, 22.09.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Ahauser Stephan Berendsen verlor seinen linken Fuß, als er 16 Jahre alt war. Die Folge eines Motorradunfalls, über den er heute sagt: „Ich bin froh, dass ich ihn überlebt habe.“ Seitdem trägt er eine Prothese. Sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, stand für ihn nie zur Debatte. Selbst wenn es sie vor Ort gegeben hätte. „Mir ging es relativ schnell wieder ganz gut. Ich habe mir gesagt: Wozu brauche ich Hilfe? Ich hab doch keine Probleme.“

Jetzt lesen

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wird er ab Mitte Oktober ein regelmäßiges Treffen für Menschen mit Amputationen in Ahaus leiten. Das erste seiner Art in der Region. „Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Leute wie ich anderen Betroffenen helfen können. Wir können ein positives Gefühl transportieren und Mut machen“, sagt Berendsen, der als Prothesentechniker beim Grenzland Sanitärhaus arbeitet und somit in jeder Hinsicht mit der Materie vertraut ist.

Keine klassische Problembewältigungsgruppe

Sein Vorgesetzter, Gerwin Schroer, ist von der Idee ebenfalls überzeugt und hilft bei der Umsetzung: „Es soll keine klassische Problembewältigungsgruppe werden, sondern ein lockerer Austausch. Alltägliche Fragen sollen hier besprochen werden können: Wie regele ich bestimmte Dinge mit den Behörden? Wie läuft es bei der Arbeit? Wie komme ich an einen Parkausweis?“

Jetzt lesen

Obwohl das Treffen coronabedingt im Grenzland Sanitätshaus an der Daimlerstraße 6 stattfinden wird – hier kann der Abstand leicht eingehalten werden – ist es für alle Menschen, bei denen eine Amputation durchgeführt werden musste, geöffnet. Nicht nur für Grenzland-Kunden. Es soll explizit keine Werbeveranstaltung werden. „Eine Verkaufsshow würde überhaupt nicht zur mir passen“, erklärt Stephan Berendsen.

Viele Menschen reagierten mit Ablehnung

Natürlich hat er aber berufsbedingt mit vielen betroffenen Kunden über das Thema geredet und sie zur Gruppe eingeladen – mit unterschiedlicher Resonanz. „Viele reagierten zunächst ablehnend. Genau wie ich es früher gemacht habe, sagten sie: Mir geht es doch gut. Ich habe ihnen dann erklärt, dass es um den Austausch unter Amputierten geht und ihre Erfahrungen anderen helfen können, Lebensgefühl zurückzugewinnen“, sagt der Ahauser.

Zwischen 15 und 20 Teilnehmer erwartet er nun beim ersten Treffen am Freitag, 16. Oktober um 18 Uhr. Der jüngste sei 40 Jahre alt, der älteste Mitte 70. Dass die jüngere Generation nicht vertreten ist, sei keine Überraschung, sagt Gerwin Schroer: „Bei ihnen sind es häufig schwere Unfälle, die zu Amputationen führen. Diese werden direkt in die großen Kliniken verlegt und werden an diesem Standort auch komplett versorgt. Da ist es schwer, Kontakt herzustellen.“

Jetzt lesen

Insgesamt seien die Jüngeren von Amputationen seltener betroffen. „Es kommt zum Beispiel nur sehr selten vor, dass jemand mit Mitte 20 wegen Diabetes ein Bein verliert“, so Schroer.

Selbsthilfegruppe ist ein „Experiment“

Auch für ihn und Stephan Berendsen ist die Selbsthilfegruppe – ein Begriff den die beiden im Gespräch mit der Redaktion wegen der häufig negativen Konnotation so gut es geht vermeiden – ein Experiment. Berendsen erklärt: „Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was uns genau erwartet. Das Treffen soll auf jeden Fall dynamisch sein, jeder soll Themen einbringen können. Auch die Introvertierten müssen abgeholt werden.“

Das Ziel müsse es sein, das Selbstbewusstsein von jedem Einzelnen in der Gruppe zu stärken. „Ein gemeinsamer Ausflug ins Schwimmbad oder in einen Hochseilgarten, der für viele Amputierte aus Scham unvorstellbar ist, wäre eine klasse Sache.“

Dass er trotz seiner Ausbildung kein wandelndes Lexikon ist, daraus macht der Ahauser kein Geheimnis: „Wenn die Fragen sehr speziell werden, muss ich mich vielleicht auch erst einlesen. Aber damit breche ich mir keinen Zacken aus der Krone. Ich hoffe sogar, selbst noch viel dazulernen zu können.“

Info:

Wer Interesse hat, der Gruppe beizutreten, kann sich bei Stephan Berendsen melden: Tel. (0170) 3711658; E-Mail: s.berendsen@grenzland.de.
Lesen Sie jetzt