Plastik in verschiedensten Formen: als Schnipsel, Granulat oder auch als Pulver. © Christiane Hildebrand-Stubbe
Gefahr für die Umwelt

Umwelt-Skandal: Plastikteilchen aus Ahauser Firma töten Vögel und Fische

Sie leuchten in allen Farben, sind aber alles andere als harmlos: Plastikteile aus dem Unternehmen Isotech gelangten in Regenrückhaltebecken und Vorfluter. Eine große Gefahr für die Umwelt.

Jürgen Althoff, dessen Elternhaus am Rottweg genau am Regenrückhaltebecken des Gewerbegebiets Nord II liegt, ist es schon vor Monaten aufgefallen: Zuerst waren es tote Vögel und Fische. Dann entdeckte er immer wieder im und auf dem Wasser oder an der Böschung merkwürdige Plastikteile, die ihn veranlassten, den Dingen auf den Grund zu gehen. Mal waren es bunte Schnipsel, mal Granulat und sogar weißes Pulver, das er bei seinen Nachforschungen selbst im Vorfluter aufspürte. Proben davon hat Jürgen Althoff in Gläsern gesammelt und die Funde dokumentiert.

Anwohner informiert die Behörden

Erst aber, als er sich ganz sicher sein konnte, worum es sich bei den rätselhaften Teilchen handelt und woher sie stammen, schaltete er auch die Behörden ein. Denn ihm war schnell klar, dass sie eine große Gefahr für die dort lebenden Fische und Vögel bedeutet. Fische verwechseln das mit Nahrung, was für sie tödlich ist. Ähnlich muss es auch einem Entenküken ergangen sein, das Jürgen Althoff, der einen Jagdschein besitzt, sezierte und jede Menge Plastik fand: „Das ist mit vollem Magen verhungert.“ Für ihn auch ein Impuls, um nicht mehr tatenlos zuzusehen: „Ich habe mich zuerst ans Umweltministerium gewandt, und die haben dann die Untere Wasserbehörde des Kreises eingeschaltet“, berichtet Jürgen Althoff.

Herbert Moritz (l.) und Jürgen Althoff begutachten die Fundstücke, die Jürgen Althoff gesammelt und dokumentiert hat.
Herbert Moritz (l.) und Jürgen Althoff begutachten die Fundstücke, die Jürgen Althoff gesammelt und dokumentiert hat. © Christiane Hildebrand-Stubbe © Christiane Hildebrand-Stubbe

Gleichzeitig hat er auch Kontakt zu Herbert Moritz als Vertreter des Nabu aufgenommen und mit ihm zusammen die Situation an Ort und Stelle erneut begutachtet. Klar war da bereits, dass das Plastik aus dem benachbarten Unternehmen Isotech stammt. Offenbar durch Schäden beim Abladen oder Transportieren der Säcke, in denen das Rohmaterial, das dann zu Platten weiterverarbeitet wird, angeliefert wird. Herbert Moritz: „Sogar auf dem Gelände der Firma konnte man die Plastikteilchen sehen.“

Das weiße Pulver ist sehr feines Plastik, das im Umfeld der Ahauser Firma vielfach zu sehen ist.
Das weiße Pulver ist sehr feines Plastik, das im Umfeld der Ahauser Firma vielfach zu sehen ist. © Privat © Privat

Firma sieht Starkregen als Auslöser

Die Problematik hat auch die Untere Wasserbehörde des Kreises Borken bei einer „Umweltinspektion“ festgestellt und verschiedene „Sofortmaßnahmen“ veranlasst. Zum Beispiel: Grundreinigung der betroffenen Außenflächen; Kontrolle der Regenwasserkanäle mit einer Kamera; Reinigung der Gully-Deckel und Überprüfung der Gully-Siebeinsätze. Gleichwohl geht der Kreis aber davon aus, dass es sich um einen einmaligen Vorgang nach einem Starkregen handelt.

Das glaubt auch Isotech-Geschäftsführer Jörg Wittstock, der für die Verunreinigung die volle Verantwortung übernimmt: „Es tut uns wirklich sehr leid, dass so etwas passieren konnte.“ Und das, wie er sagt, einer „sauberen Firma“ wie der seinigen, die ansonsten sehr auf Umweltverträglichkeit bedacht sei, E-Autos fahre und eine Photovoltaikanlage installiert habe.

So sieht es etwa aus, wenn Plastikteilchen ins Wasser
So sieht es etwa aus, wenn Plastikteilchen ins Wasser “fallen”. © Privat © Privat

Es sei aber tatsächlich das erste Mal, dass er von einer derartigen Verunreinigung durch Plastikpartikel erfahren habe. Offenbar hätten heftige Regengüsse dazu geführt, dass die Teilchen weggespült und über die Gullys ins Regenrückhaltebecken und dann auch in den Vorfluter geraten seien. Und: „Wenn Herr Althoff sagt, dass es nicht das erste Mal war, warum hat er uns dann nicht längst informiert?“

Betroffene Firma wird sofort aktiv

Der Firmenchef hat aber sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den aktuellen Schaden zu beheben und gleichzeitig Vorsorge für die Zukunft zu betreiben. Das ganze Gelände werde gereinigt, Firmenprozesse optimiert und außerdem sei man gerade dabei, einen Filter für die Regenzisterne einzubauen. Die sofortige Bereitschaft des Geschäftsführers zu handeln, werten auch Jürgen Althoff und Herbert Moritz als ausgesprochen positiv.

Allerdings bleiben die beiden Männer bei ihrer Einschätzung, dass es kein Einzelfall sei, die Verschmutzung habe sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Zweifel haben sie auch daran, dass Starkregen der Auslöser sei. „Eine Stunde Regen reicht“, schildert Jürgen Althoff seine Beobachtungen.

Ein Vogel hat in sein Nest Plastikteile eingebaut.
Ein Vogel hat in sein Nest Plastikteile eingebaut. © Privat © Privat

Hans-Georg Althoff, Erster Beigeordneter der Stadt, vertraut dagegen auf die Einschätzung der Fachämter und sieht im Starkregen vom 28. Juni die Quelle für die aktuelle Lage: „Da sind einfach große Wassermassen aus den Gewerbegebieten ins Klärbecken geschwemmt worden.“ Dadurch seien auch die Kunststoffteilchen mitgerissen worden und so ins Regenrückhaltebecken und schließlich durch den Überlauf in den Vorfluter gelangt.

Im Umfeld der Ahauser Firma sind überall blaue Plastikteile zu entdecken.
Im Umfeld der Ahauser Firma sind überall blaue Plastikteile zu entdecken. © Privat © Privat

Regenrückhaltebecken stammt aus den 70er-Jahren

Gleichwohl habe man auf die Missstände auch als Kommune sehr schnell reagiert: „So was darf natürlich nicht sein“, sagt der Beigeordnete. Allerdings könne man nicht für alle extremen Wetterlagen auch vorsorgen. Und Mikroplastik und seine Folgen für die Umwelt seien eben auch ein generelles Problem. Dass aber das aus den 1970er-Jahren stammende Regenrückhaltebecken und seine Technik nicht mehr auf die heutigen Herausforderungen ausgerichtet sei, sieht Hans-Georg Althoff nicht: „Es ist durchaus zeitgemäß.“

Jürgen Althoff hat da seine Vorbehalte: „Wenn bei Ihnen ein Auto aus den 70ern vorfährt, ist das ein Oldtimer.“ Herbert Moritz weist noch auf einen anderen Aspekt hin, der nicht nur den aktuellen Umweltschaden betrifft: „Durch die zum Teil unzulässige Komplettversiegelung großer Flächen wird auch die Hochwasser-Gefahr weiter steigen.“

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