Ein gespaltenes Gesicht, abgetrennte Ohren – all diese Verletzungen stammen von Mährobotern. © Jenny Kahlert
Verletzte Igel

Von Mährobotern verstümmelt: Igel sterben einen stillen und langsamen Tod

Igel sind robuste Tiere, aber gegen Mähroboter haben sie keine Chance. Immer mehr von ihnen landen schwer verletzt bei Hilfsorganisationen. Aber nicht allen kann geholfen werden.

So ein Rasenmähroboter ist eine tolle Sache – für die Besitzer von Grünflächen. Das Gerät einfach programmieren und schon verrichtet das elektronische Helferlein seine Arbeit vollautomatisch. Das Ergebnis ist dann im besten Fall ein schön fein säuberlich gemähter Rasen und eigene gesparte Zeit und Mühen.

Oder aber der Mähroboter erwischt einen Igel. Für ihn sähe es dann weniger gut aus. Wenn dieser nicht nur mit einem halbierten Gesicht und tiefen Schnittwunden am ganzen Körper davon kommt, stirbt er sofort.

Verletzte Igel sind keine Einzelfälle

Auch in Ahaus ist diese Problematik bekannt. Erste Anlaufstelle für verletzte Igel ist häufig das Tierheim. Von dort aus kommen die Igel dann in die Tierrettungsstation. „Vor allem nachts werden die Igel gefunden“, bestätigt Julia Rehermann, Leiterin von Julias Tierheim in Ahaus, auf Anfrage der Redaktion.

„Oft finden Leute die verletzten Tiere bei sich im Garten. Die meisten sagen dann aber: ‚Nein mein Mähroboter macht so was nicht‘“, berichtet Hannah Mauritz.

Sie ist aktives Mitglied bei den Tierretten e. V. in Reken und kümmert sich dort unter anderem um die Pflege der verwundeten Igel.

Igel sind zähe Tiere. Sie kämpfen bis zum letzten Atemzug.
Igel sind zähe Tiere. Sie kämpfen bis zum letzten Atemzug. © Jenny Kahlert © Jenny Kahlert

Im Schnitt kommen jeden Monat mindestens zwei Tiere aus dem gesamten Kreis zu ihr, oft sogar mehr. Die meisten haben Verletzungen von genau diesen Mährobotern, die autonom den Rasen mähen. Sie erkennen den Igel nicht als Hindernis und fahren einfach über ihn.

Kein Stopp vor Hindernissen

„Ich glaube, viele unterschätzen diese große Gefahr für die Igel einfach. Wenn der Hersteller ihnen sagt, dass der Roboter stoppt, wenn vor ihm ein Igel ist, dann glauben das die meisten einfach“, so Hannah Mauritz.

Zugleich wächst das Problem, denn die Nachfrage nach Rasenmährobotern steigt rasant an. Christoph Betting spricht von einer „auf jeden Fall steigenden Tendenz“, so der Geschäftsführer von Bettings Mühle in Ahaus.

Dieses Schicksal ereilte auch einen Igel aus Schöppingen. Er kam von der Igelstation in Schöppingen in die Annahmestelle der Igelhilfe in Bocholt.

Dort sind im Moment zwölf Igel untergebracht und es kommen jede Woche neue dazu.

Zwölf Igel sind aktuell in der Annahmestelle der Igelhife e.V Bocholt untergebracht.
Zwölf Igel sind aktuell in der Annahmestelle der Igelhife e.V Bocholt untergebracht. © Jenny Kahlert © Jenny Kahlert

Bei der Igelhilfe in Bocholt werden die Tiere von Manuela Niehues gepflegt. Mehr als sechs Stunden verbringt sie am Tag damit, die Wunden der stacheligen Säuger zu reinigen, sie sauber zu machen oder zum Tierarzt zu bringen. „Die meisten Igel sind Mährobotern zum Opfer gefallen. Nur zu sagen, jeder zweite Igel wäre deutlich zu wenig“, berichtet sie.

Igel kämpfen immer weiter

Manuela Niehues steht in enger Verbindung mit dem Tierarzt Diethelm Graf von Plettenberg, auch von ihm erhält sie ausgewählte Igel zur Pflege.

Er selbst bekommt am Tag bis zu zehn verletzte Tiere, die Hälfte davon erliegen ihren schweren Verletzungen oder müssen eingeschläfert werden.

Ein halbiertes Gesicht, ausgeschnittene Augen, tiefe Wunden am ganzen Körper oder durchtrennte Muskelstränge – all diese Verletzungen sind bei Igeln für den Arzt seit drei Jahren Alltag geworden. Doch auch wenn verletzte Igel zum Tierarzt gebracht werden, ist es meistens schon zu spät.

Manuela Niehues pflegt die Igel jeden Tag. Dazu gehört unter anderem auch die ständige Reinigung der Wunden.
Manuela Niehues pflegt die Igel jeden Tag. Dazu gehört unter anderem auch die ständige Reinigung der Wunden. © Jenny Kahlert © Jenny Kahlert

„Schwerverletzte Igel laufen immer noch weiter, sie schleppen sich bis zum letzten Atemzug voran und fressen, bis sie einfach irgendwo zusammensacken. Erst dann werden sie gefunden, davor war der Igel aber schon drei Tage unterwegs“, so Manuela Niehues.

Über die Hälfte überlebt nicht

Mit den Verletzungen kommen nicht nur Entzündungen, sondern auch starker Madenbefall, welche Manuela Niehues dann mit der Pinzette entfernen muss – eine zeitaufwendige Arbeit.

Im Schnitt bleiben die Tiere bis zu vier Wochen in der Pflegestelle, wenn sie überleben. „Letztes Jahr hatte ich eine Sterberate von 80 Prozent“, erinnert sich die Bocholterin.

„Es werden immer und immer mehr“, so Manuela Niehues über die Anzahl der Igel, die von Mährobotern verletzt werden.
„Es werden immer und immer mehr“, so Manuela Niehues über die Anzahl der Igel, die von Mährobotern verletzt werden. © Jenny Kahlert © Jenny Kahlert

Der Appell ist immer der gleiche: Wenn schon Mähroboter eingesetzt werden müssen, dann nur am Tag unter Beaufsichtigung und nicht in den frühen Abend – und Morgenstunden und schon gar nicht in der Nacht.

Richtige Einstellung rettet Leben

Das bestätigt auch Christoph Betting: „ Wir stellen bei den Rasenmähern eine Aktivzeit ein, die sich mit der Aktivzeit der Igel nicht überschneidet, technisch ausgedrückt. Es würde auch gar keinen Sinn machen, das Rasenmäher zum Beispiel nachts fahren zu lassen. Deswegen müssen vorher unbedingt die Einstellungen richtig angepasst werden“, berichtet der Geschäftsführer von Bettings Mühle.

Der Rasen kann also auch an beliebig anderen Tageszeiten unter Aufsicht gemäht werden, das Ergebnis bleibt das gleiche – und den Igeln rettet es das Leben.

Anlaufstellen für Igel:

Die Tierretter e.V.

Michaelstraße 27, 48734 Reken / Igelhilfe Bocholt e.V.

Herzogstraße 17

46399 Bocholt / Tiere in Not Schöppingen e.V igelhilfe@tin-schoeppingen.de

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