Stefan Jürgens (52), leitender Pfarrer der Gemeinden St. Mariä Himmelfahrt, geht trotz aller Einschränkungen gelassen an die kommenden Weihnachtsgottesdienste. © Stephan Rape
Gottesdienst an Heiligabend

Weihnachtspredigt im Lockdown: „Gesellschaft muss zusammenhalten!“

Ein Weihnachtsgottesdienst vor einer fast leeren Kirche ist auch für Pfarrer Stefan Jürgens etwas Neues. Der Coronakrise trotzt der Geistliche dennoch etwas Positives ab.

Wenn Pfarrer Stefan Jürgens an diesem Heiligabend vor die Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus tritt, wird es für den 52-Jährigen eine Premiere. Noch nie in seinen 27 Jahren als Priester war in einer Kirche zu Weihnachten auch nur ein Platz frei. In diesem Jahr werden es gleich 720 sein. 180 angemeldete Gemeindemitglieder können die Messe in der St.-Marien-Kirche feiern. Mehr lässt die Coronaschutzverordnung nicht zu.

Die Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt überträgt an Heiligabend vier Gottesdienste per Youtube. Die Links zu den Videos finden Sie auf unserer Homepage (www.MuensterlandZeitung.de):

  • 14 Uhr Krippenfeier
  • 15 Uhr Andacht speziell für die Schützenvereine
  • 17 Uhr Eucharistiefeier
  • 22.30 Uhr Christmette

Wir treffen ihn wenige Tage vor dem vierten Advent. Da ist Küster Gregor Frankemölle gerade mit dem Schmücken der Kirche beschäftigt. Einiges bleibt noch zu tun. „Ein genialer Raum“, sagt Stefan Jürgens und schweigt einen Moment. Dann wischt er den Gedanken beiseite. Denn um die Kirche soll es an diesem Abend nicht gehen. Sie ist ja auch nur eine unter den fünf Gemeindekirchen. „Und zu jeder einzelnen haben die Menschen ihre enge Bindung“, sagt er. Es geht um den Heiligabend, der in diesem Jahr so anders gefeiert werden muss als üblich. Stiller, mit viel mehr Rücksicht und in manchen Fällen vielleicht auch ein bisschen einsamer.

Predigt ist noch nicht fertig

Was er an diesem in jeder Beziehung besonderen Heiligabend predigen wird? „Ganz ehrlich, ich weiß es jetzt noch nicht“, gibt Stefan Jürgens zu. Bis es soweit ist, hat er an diesem Abend noch zu viele Ansprachen vor der Brust. Doch einen Gedanken hat er dann doch: Das Großartige an Weihnachten und das Besondere am christlichen Glauben sei ja, dass sich Gott durch die Geburt Jesu zu den Menschen aufgemacht habe. „Das gibt es so in den anderen Religionen nicht. Da machte sich der Mensch auf zu Gott“, erklärt er.

Genau diese Begegnung auf Augenhöhe der Menschen sei es, die in diesem Jahr der besonderen Herausforderungen als Leitbild dienen könne: „Die Gesellschaft muss zusammenhalten“, sagt er. Und als Erwachsener müsse man sich dann auch mal bücken, um sich auf Augenhöhe derjenigen zu begeben, die Hilfe brauchen: die Kranken oder Schwachen, diejenigen, die Hilfe brauchen oder auch ganz einfach nur zu den Kindern. „Wenn Schulen und Kindergärten lange schließen, ist das auch für die Kinder enorm anstrengend“, sagt er. Man müsse sich eben von seinem hohen Ross hinunter begeben. Und füreinander da sein.

Schutz vor Ansteckung ist Verpflichtung der Nächstenliebe

Natürlich auch, indem man Vorschriften einhalte und dafür sorge, niemanden anzustecken. Auch das sei eine Verpflichtung der Nächstenliebe. Vor diesem Hintergrund fällt er ein klares Urteil: „Verschwörungstheoretiker oder die selbsternannten Querdenker sind nichts anderes als Egoisten“, sagt Stefan Jürgens.

Aber noch einmal zurück zu den freien Plätzen: Während die evangelische Gemeinde nur ein paar hundert Meter weiter zu Weihnachten alle Gottesdienste abgesagt hat, hat das Bistum Münster an den Feiern festgehalten. „Ich respektiere die Entscheidung der evangelischen Gemeinde. Ich respektiere aber auch die Entscheidung des Bistums“, sagt Stefan Jürgens. Aber es gehe an dieser Stelle auch nicht darum, was er persönlich denke. „Ich bin nicht der Chef“, sagt er. Er sei Diener, nicht Herr des Glaubens. Und als dieser Diener habe er zusammen mit einer großen Zahl von Helfern einen Raum zur Begegnung geschaffen.

Seele braucht ein Zuhause – nicht nur im Gottesdienst

Denn die brauche es eben auch trotz der Pandemie und ihrer Folgen noch. „Die Seele braucht ein Zuhause“, erklärt er. Der Mensch sei nicht als Einsiedler geboren, sondern brauche die Begegnung mit anderen Menschen. Das müsse natürlich nicht unbedingt der Gottesdienst sein. Auch das gemeinsame Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum, das Lesen des Weihnachtsevangeliums oder selbst die Übertragung des Gottesdienstes per Online-Stream könne Gelegenheit für diese Begegnung und das Gemeinschaftsgefühl sein.

Die Gottesdienste in ihrer jetzigen Form, mit vorheriger Anmeldung, strengen Abstandsregelungen und ohne Gemeindegesang seien sicher. Die Gemeinde habe die Sicherheit geschaffen, dass den Gläubigen im Gottesdienst nichts geschehe. Das garantiere er. Kein Gottesdienst sei bisher als Infektions-Hotspot aufgetreten. In der Kirche seien die Regelungen einzuhalten. Bei den angedachten Gottesdiensten unter freiem Himmel wäre genau das eben nicht möglich gewesen. „Deswegen haben wir sie auch abgesagt“, erklärt er.

Kirche hat die Aufgabe, die Gesellschaft zusammen zu kitten

Jetzt, in dieser ungewöhnlichen Zeit, müsse im Zweifel auch der Videostream des Gottesdienstes im Internet ausreichen, um das Gemeinschaftsgefühl herzustellen. Wenn die Pandemie einmal überstanden ist, müsse die Kirche wieder ihre wichtigste Aufgabe übernehmen: die Gesellschaft zusammenzukitten. „Wir können als Kirche nicht mehr vorschreiben, was zu tun ist“, sagt Stefan Jürgens. Dafür sei die Gesellschaft inzwischen viel zu individualistisch. Aber die Begegnung und den Austausch zu fördern, das sei wichtiger denn je.

Und dann gewinnt er diesem Weihnachten im harten Lockdown sogar noch etwas Positives ab. „Manchmal macht einem ja erst die Sehnsucht die Dinge richtig klar“, sagt er. Erst jetzt, wo man merke, was alles nicht geht, werde der gewohnte Alltag zum eigentlichen Geschenk.

Und ein ganz gewöhnliches Weihnachten 2021 ist mit Sicherheit nicht der schlechteste Wunsch.

Über den Autor
Redaktion Ahaus
Ursprünglich Münsteraner aber seit 2014 Wahl-Ahauser und hier zuhause. Ist gerne auch mal ungewöhnlich unterwegs und liebt den Blick hinter Kulissen oder normalerweise verschlossene Türen. Scheut keinen Konflikt, lässt sich aber mit guten Argumenten auch von einer anderen Meinung überzeugen.
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Stephan Rape

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