Wenn der Landwirt ausfällt, springt der Betriebshelfer ein

mlzLandwirtschaft in Ahaus

Trotz aller Technisierung auf dem Bauernhof: Wenn der Landwirt als Arbeitskraft ausfällt, wird es eng. Für solche Fälle gibt es die Mitarbeiter des Betriebshilfsdienstes, in Ahaus seit 1969.

Ahaus

, 21.05.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Menge hat sich in der Landwirtschaft in Ahaus in den vergangenen 50 Jahren verändert. Moderne, computergesteuerte Technologien haben Einzug gehalten, neue Verordnungen und Gesetze regeln den Arbeitsalltag und nicht selten verbringt der Landwirt mehr Zeit im Büro als im Stall oder auf dem Feld. Doch trotz aller Maschinenpower – in Not- und Krankheitsfällen ist unkomplizierte und schnelle Hilfe vonnöten. 2019 ebenso wie schon 1969. Damals gründete sich der Betriebshilfsdienst/Maschinenring Ahaus (BHD/MR).

Die zunehmende Industrialisierung ließ die Arbeitskräfte von den Betrieben abwandern. Sich als Knecht oder Magd auf einem Bauernhof zu verdingen, das bot vor 50 Jahren keine Perspektive mehr. Doch was, wenn der Landwirt als einziger Bewirtschafter erkrankte? Das Vieh musste ja weiter versorgt werden. „Die Landwirte waren damals immer mehr auf sich allein gestellt. Und Ende der 60er-Jahre waren die Landwirte noch nicht sozialversicherungspflichtig“, berichtet Markus Bitter im Gespräch mit unserer Redaktion. Der 47-Jährige ist seit 2012 Geschäftsführer des BHD/MR Ahaus.

1969 Verein gegründet

Landwirte aus dem Altkreis Ahaus gründeten einen Verein als Solidargemeinschaft. Erster Betriebshelfer (ab Juli 1969) war Karl Roosmann, der später Vorsitzender des BHD Ahaus war und heute Ehrenvorsitzender ist. Als erste Familienhelferin wirkte Agnes Lewing. Das klassische „Tagesgeschäft“ ist bis heute die soziale Betriebs- und Familienhilfe. Aktuell sind rund 26 Betriebshelfer und 45 Haushaltshilfen im Einsatz, um in der Not zu helfen. Zum Beispiel, wenn der Landwirt im Krankenhaus liegt und 80 Kühe gefüttert und gemolken werden müssen oder wenn niemand da ist, der die Kinder versorgen kann. Die Einsatzdauer variiert zwischen einem Tag und mehreren Monaten. Markus Bitter: „Letzteres kann bei Todesfällen vorkommen.“ Abgedeckt wird der Altkreis Ahaus, „von Gronau bis Südlohn und von Vreden bis Schöppingen“, erläutert Markus Bitter.

Wenn der Landwirt ausfällt, springt der Betriebshelfer ein

2017 bezog der Betriebshilfsdienst gemeinsam mit der BSB (Landwirtschaftliche Buchstelle) das neu erbaute "Haus der Landwirtschaft" im Jutequartier in Ahaus. © Betriebshilfsdienst

Als Anfang der 70er-Jahre die Pflichtversicherung für Landwirte eingeführt wurde – und damit auch der gesetzliche Anspruch auf Betriebshilfe – nahm die Entwicklung des Betriebshilfsdienstes Ahaus Fahrt auf. Damit einher ging die Ausweitung des Personals. 1973 gliederte sich dem BHD ein Maschinenring an. Die Idee kam ursprünglich aus Bayern. Als die Technisierung in der Landwirtschaft Anfang der 60er-Jahre enorm voranschritt, überlegten Landwirtschaftliche Organisationen, ob wirklich jeder Bauer seinen eigenen Trecker und sein eigenes Mähwerk haben müsse. Die Erkenntnis: Leihen und vermieten ist deutlich günstiger. Später gab es Landwirte, die die Arbeit gleich komplett übernahmen. „So entstanden im Münsterland viele Lohnunternehmen“, erklärt Markus Bitter. Heute nimmt der Maschinenring Ahaus als Aufgabenfeld eine eher unbedeutende Stellung ein. „Das Münsterland ist ein veredelungsstarker Standort“, erklärt Markus Bitter. „Hier bildet die Viehhaltung den Schwerpunkt. Große Maschinenringe gibt es vor allem in Ackerbaugebieten.“

Wenn der Landwirt ausfällt, springt der Betriebshelfer ein

Markus Bitter ist seit 2012 Geschäftsführer des Betriebshilfsdienstes/Maschinenring Ahaus. © Christian Bödding

1300 Mitglieder sind heute im BHD/MR Ahaus zusammengeschlossen, zumeist Haupt- und Nebenerwerbslandwirte aus der Region. Hinzu kommen Fördermitglieder. Doch gehen die Mitgliederzahlen, ebenso wie die Zahl der Höfe, nach unten. „Natürlich müssen wir sehen, wie wir uns für die Zukunft aufstellen“, erklärt Markus Bitter. Er sieht den BHD nicht nur als Partner für die Landwirte, „wir verstehen uns als Partner im ländlichen Raum.“ Die Haushaltshilfen sind zum Beispiel auch im Ahauser Stadtgebiet tätig und können auch von Nichtmitgliedern angefordert werden.

Der Geschäftsführer sieht den BHD auf einem soliden Fundament – trotz des Höfesterbens und des Strukturwandels in der Landwirtschaft. Auf die Frage, ob Landwirt noch ein Beruf mit Zukunft sei, antwortet Markus Bitter mit einem festen „Ja.“ Natürlich gebe es Problemfelder, „aber Landwirte werden wir auch in Zukunft brauchen. Wie auch immer die Strukturen sind.“

Wenn der Landwirt ausfällt, springt der Betriebshelfer ein

Heute sind insgesamt fast 80 Mitarbeiter beim Betriebshilfsdienst/Maschinenring Ahaus beschäftigt, 26 von ihnen sind Betriebshelfer. © Betriebshilfsdienst

Dass sich der Trend vom kleinen Bauernhof hin zur großen Agrarfabrik fortsetzt, daran glaubt Markus Bitter nicht. „Mittlerweile denken doch viele Landwirte darüber nach, dass es nicht nur um Größe gehen kann.“ Wobei: „Es bleibt keine Fläche liegen. Wenn ein Landwirt seinen Betrieb aufgibt, wird die Fläche verpachtet und weiter bewirtschaftet.“

Gleichwohl stellen sich, bedingt durch den Strukturwandel, letzten Endes auch folgende Fragen: „Was mache ich mit meinen Gebäuden? Wie kann ich sie bewirtschaften, auch wenn ich kein aktiver Landwirt mehr bin? Die Antwort gibt Markus Bitter selbst: „Da muss man nach Lösungen suchen. Es darf nicht sein, dass eine Hofstelle zerfällt.“

Verkaufen, das sei immer der letzte Schritt. „Aber ich weiß auch, dass nicht jeder ein Hofcafé oder einen Hofladen eröffnen kann.“ Doch wie wäre es zum Beispiel mit der Demenzbetreuung auf einem landwirtschaftlichen Hof, in kleiner Struktur? Auch solche Ideen entwickeln Markus Bitter und mehrere Bürokräfte im 2017 bezogenen Verwaltungsgebäude „Haus der Landwirtschaft“ im Jutequartier.

Der Betriebshilfsdienst/Maschinenring Ahaus feiert sein 50-jähriges Bestehen am Freitag, 24. Mai, mit rund 500 Gästen ab 18 Uhr im Kulturquadrat. Dem Empfang schließt sich um 19 Uhr eine Mitgliederversammlung an, um 19.30 Uhr beginnt der Festakt, gegen 22 Uhr klingt die Feier mit Musik und Verpflegung im Foyer aus.
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