Andreas Farwerk ist Experte in Sachen Elektromobilität. Die von ihm mitentwickelte Antriebstechnik steckt in den verschiedensten Fahrzeugen. Neueste Innovation ist der „Movator“.

Ahaus

, 12.06.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Elektromobilität steigere die Lebensqualität gewaltig, sagt der Wüllener Andreas Farwerk. Er muss es wissen. Der 52-Jährige entwickelt innovative Antriebstechniken. Farwerk hat auch gleich ein Beispiel parat: „Früher war es cool, möglichst lange ohne elektrische Unterstützung Fahrrad zu fahren.“ Heute gebe es Pedelecs sogar als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. „Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, das fühlt sich an wie ein Teil der Freizeit“, erklärt der 52-Jährige. „Mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, das fühlt sich an wie ein Teil der Arbeitszeit.“ Andreas Farwerk fährt – wann immer es geht – mit dem Pedelec von Wüllen zur Arbeit nach Epe.

„Innenstädte verstopfen immer mehr“

Es gehe darum, Menschen auf einer Strecke von bis zu 20 Kilometern aufs Pedelec zu bringen, auf der sie sonst das Auto genutzt hätten. „Innenstädte verstopfen immer mehr. CO2- und Feinstaubbelastungen spielen eine immer größere Rolle. Der Druck aus der Gesellschaft heraus wird weiter zunehmen“, sagt Farwerk, der zusammen mit den Co-Geschäftsführern Robert Beckmann und Martin Bügener die Innotronic Elektronische Systeme GmbH leitet.

Die Technologie für neue Fortbewegungsformen sei da, die gesellschaftliche Akzeptanz ebenfalls. „Daraus ergibt sich die Aufgabenstellung. Der Weg ist vorgezeichnet. Man muss die Leute aus dem Auto rauskriegen“, erklärt der Wüllener. In Sachen Elektromobilität ist Andreas Farwerk Spezialist. Er entwickelte vor einigen Jahren mit seinen Kollegen die Motorsteuerung für den „Scrooser“, einen Elektroroller mit hohem Lenker und tiefem Sattel.

„Fette“ Reifen für den Scrooser

Der Scrooser sieht aus wie einer Kindertretroller für Erwachsene – mit „fetten“ Reifen. „Leute hier aus dem Umfeld wissen fast immer, wo die Reifen herkommen“, erklärt Robert Beckmann. „Man kennt sie vom Fendt-Heuwender.“ Großstädter wüssten das nicht unbedingt. Dabei wurden Scrooser (ein Kunstwort aus Scooter und Cruisen) vor allem für junge Städter konzipiert, die schnell von A nach B kommen wollen. Der Clou ist die von Innotronic entwickelte Motoransteuerung mit einer Impulsfunktion. Der Roller erkennt, mit welcher Geschwindigkeit sich der Fahrer abstößt und dosiert passend dazu die Leistung des Elektromotors. Mal kann man zum Beispiel drei Meter rollen, mal 15 Meter. Gas geben ganz ohne „rollern“ geht auch.

Massenhaft kopiert

Die beiden Geschäftsführer berichten von zahlreichen Scrooser-Kopien, die im Ausland zu sehen seien. „Das sind nicht unsere. Unser Kunde hat alle Gebrauchsmuster und Schutzrechte.“ Das Problem war das folgende: „Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat die Zulassung so ausgebremst, dass China aufmerksam geworden ist“, berichtet Andreas Farwerk. Das KBA habe mehr als einmal nachgefragt, wie die Firma sicherstelle, dass die Scrooser nicht schneller als 25 km/h fahren. In der Zeit hätten die Chinesen das Fahrzeug kopiert und in Massen produziert.

Ähnlich verhalte es sich mit den E-Scootern, die aktuell von Handelskonzernen und Elektronik-Fachmarktketten noch schnell auf den Markt geworfen würden – kurz vor der Zulassung der Fahrzeuge, mit der voraussichtlich im Juli zu rechnen ist. „Die meisten Geräte sind nicht zugelassen“, erklärt Robert Beckmann. Es fehle den Modellen an der Allgemeinen Betriebserlaubnis des Kraftfahrt-Bundesamtes.

Manche E-Scooter sind zum Beispiel schneller als die Polizei erlaubt (20 km/h), manchen fehlt es an den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen wie Seitenreflektoren.

Nicht zugelassene E-Scooter

Robert Beckmann: „E-Scooter, die sie aktuell für wenige hundert Euro kaufen können, sind nicht zugelassen. Mit einer Zulassung müssen sie meist noch einen Tausender drauflegen.“ Wer also mit einem „Spaßprodukt“ ohne Betriebserlaubnis aus einem Fachmarkt auf öffentlichen Straßen und Wegen unterwegs ist, der riskiert ein Bußgeld. Wenn die Versicherungspflicht dazu kommt, begehen Nutzer nicht versicherter E-Scooter sogar eine Straftat: Käufer und Vermieter von E-Tretrollern müssen sich Haftpflichtversicherungen besorgen. „Das läuft aktuell ein bisschen durcheinander“, sagt Robert Beckmann zu den gesetzlichen Regelungen. Er geht davon aus, dass zugelassene Modelle wohl um die 800 bis 900 Euro kosten werden.

Der Scrooser selbst hat eine KBA-Zulassung und einen Nummernschildträger. Die maximale Geschwindigkeit kann per Chip eingestellt werden. „Zum Beispiel auf 20, 15 oder 6 km/h.“ Der Scrooser verfügt über eine Reichweite von 55 Kilometern; doch vor allem die „letzte Meile“ hat Innotronic im Blick. „Dabei geht es nicht nur um Personen, sondern auch um Ware, die befördert werden muss“, sagt Andreas Farwerk. „In die Kaufhäuser, in die Innenstädte.“ In Sachen Warenverkehr gebe es im Moment ganz viele Konzepte. „Man kann an mehreren Punkten in einem Ort große, standardisierte Kisten lagern und diese mit kleineren, batteriebetriebenen Fahrzeugen an den jeweiligen Ort bringen.“

Innotronic arbeitet derzeit an einem Projekt, die letzten zehn Meter vom Bordstein in den Laden mit einem elektrobetriebenen Anhänger zu unterstützen. Andreas Farwerk: „Die Technologien sind so weit, der Motor ist da.“ Allenfalls die Batterietechnologie könne noch optimiert werden. „Wir bekommen im Moment spannende Anfragen für viele verschiedene Geräte.“

Rollator mit Stehbord

Dazu gehört der Movator. Dabei handelt es sich um einen Rollator, an den ein elektrisch angetriebenes Stehbord angehängt wird, das auf- und abklappbar ist. Die Geschwindigkeit beträgt maximal sechs km/h, reguliert wird per Daumengas. Laut Movator-Entwickler Gerhard Kirschey aus Wuppertal seien mit dem Movator viele Ziele wieder erreichbar: Lebensmittelladen, Apotheke, Kirche, Restaurant. „Wir sind im Aufbau der Vorserie“, erklärt Farwerk. Innotronic entwickelt die passende Motorsteuerung.

„Dem Menschen zugewandte Elektronik“, ist eine Antriebsfeder der Innotronic-Mitarbeiter. Dazu gehört auch der „Wheel-Drive“, ein Zusatzantrieb als Anbau-Lösung für Rollstühle. Innotronic sorgt für die Steuerung und Sensorik des Zwei-Greifring-Konzepts sowie die drahtlose Übertragung der Daten, die beide Räder miteinander verbindet.

Elektrischer Patientenlift

Für solche Produkte – dazu zählt auch ein Patientenlift mit aktiver Lenkerunterstützung, werden die Niederlande als Absatzmarkt immer wichtiger. Andreas Farwerk: „Wir Deutsche sind stark im Biegen von Rohren und dem Bau langer Lkw. Die kleinen, pfiffigen Ideen, die kommen bei der Mobilität eher aus Holland.“ Dort würden die in Krankenhäusern eingesetzten elektrischen Patientenlifte von Krankenkassen abgerechnet, in Deutschland sei das nicht der Fall. Andreas Farwerk: „Hier wird vor allem mit Geld versucht, Probleme zu lösen. Aber würde es nicht noch mehr helfen, die Pflegekräfte durch Geräte zu entlasten, die ihnen die Arbeit enorm erleichtern?“

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