Wie der freie Journalist Marius Elfering seine Leidenschaft für große Reportagen entdeckte

mlzAbitur in Ahaus

Marius Elfering (25) ist freier Journalist – aus Überzeugung. Trotz seines jungen Alters wurden zwei seiner Texte bereits für den Deutschen Reporterpreis nominiert.

Ahaus

, 18.04.2019, 12:05 Uhr / Lesedauer: 5 min

Während seines Studiums an der Kölner Journalistenschule entdeckte Marius Elfering seine Leidenschaft für große Reportagen. Zuletzt veröffentlichte Die Zeit seinen Text über falsche Verdächtigungen nach der Amokfahrt in Münster. In Teil vier unserer Serie „Erst das Abi, und was dann?“ erzählte er unter anderem, warum ihn der Fälschungsskandal um die Person Claas Relotius persönlich getroffen hat.

Herr Elfering, obwohl Sie seit einiger Zeit in Leipzig wohnen, haben Sie am vergangenen Mittwoch den Einführungsvortrag zum Studieninformationstag an der Canisiusschule gehalten. Liegt Ihnen dieses Thema besonders am Herzen?

Als mich meine ehemalige Lehrerin gefragt hat, habe ich es als Chance gesehen, einmal über die Arbeit eines Journalisten zu erzählen. Was macht man den ganzen Tag? Wie arbeiten Reporter, Lokaljournalisten, Videojournalisten? Welche Wege können in den Journalismus führen? Das wird viel zu wenig gemacht, weshalb es bei jungen Menschen viele Fragezeichen gibt. Diesen luftleeren Raum wollte ich füllen.

Haben Sie Werbung für den Beruf des Journalisten gemacht?

Auf jeden Fall, ich habe kräftig die Werbetrommel gerührt. Ich habe beobachtet, dass ein Geist unterwegs ist, der alles schwarzmalt: Alles geht unter, keiner liest mehr, keiner nimmt sich Zeit. Ich teile diese pessimistische Sichtweise überhaupt nicht und habe das im meinem Vortrag auch betont. Die Leute merken langsam wieder, wie wertvoll es ist, wenn ein Artikel sauber recherchiert ist.

Einen Tag später erschien in Die Zeit ihr Text über die Amokfahrt in Münster. Den Fokus richten Sie dabei auf Daria Eameri, der aus rechten Kreisen völlig willkürlich und zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Wenn sich ein Ereignis jährt, kann das ein guter Anstoß für eine Reportage sein. Die Geschichte von Daria Eameri ist zwar nicht ganz neu, aber sie wurde nie in der Ausführlichkeit rekonstruiert. Nachdem sich die Aufregung um die Amokfahrt gelegt hatte, verschwand auch er aus der Öffentlichkeit, obwohl er noch heute mit den Folgen zu kämpfen hat. Ich habe geschaut, wie es mit ihm weiter ging.

Wie der freie Journalist Marius Elfering seine Leidenschaft für große Reportagen entdeckte

Marius Elferings Text über falsche Verdächtigungen nach der Amokfahrt in Münster erschien in der Wochenzeitung Die Zeit (2019/Nr. 16). © Johannes Schmittmann


Wenn man Journalisten nach ihren Anfängen fragt, gibt es zwei Lager: Für die einen war es schon in jungen Jahren der Traumjob, die anderen sind mehr oder weniger reingeschlittert. Zu welcher Fraktion gehören Sie?

Ich habe mir erst nach dem Abitur ernsthaft überlegt, was ich machen könnte. Den Journalismus hatte ich da ehrlich gesagt noch gar nicht auf dem Schirm. Eher zufällig bin ich dann auf eine Anzeige gestoßen, in der die Kölner Journalistenschule für sich warb. Weil mir das Fach Deutsch und das Schreiben schon immer lagen, habe ich mich beworben – und wurde abgelehnt.

Ein Rückschlag, der Sie offensichtlich nicht vom Weg abgebracht hat.

Für mich war das Thema Journalistenschule damit eigentlich erledigt. Ich habe mir gesagt: Selbst, wenn ich es noch auf die Nachrückliste schaffe, lehne ich ab. So hatte ich es zumindest geplant. Als die Zusage dann doch noch kam, weil andere abgesagt hatten, war der Reiz zu groß. Ich sagte zu.

In ihrem Jahrgang an der Journalistenschule waren Sie nur 20 Leute. Das klingt tatsächlich mehr nach Schule als nach Uni...
An der Journalistenschule waren wir ein sehr überschaubarer Kreis. Und er dünnte sich noch weiter aus. Von 20 sind 9 vorzeitig ausgeschieden. Aber parallel studierte ich auch an der Universität Köln mit Hunderten Kommilitonen Sozialwissenschaften.

Wann entdeckten Sie ihre Faszination für große Reportagen?

Während der ersten Zeit in Köln wusste ich noch überhaupt nicht, in welchen Bereich es für mich gehen sollte. Dann bin ich auf den Fall eines Iraners gestoßen, der sich in Tübingen selbst verbrannt hat. Bei einer ersten Recherche fand ich heraus, dass solche Suizide öfter vorkommen. Ich erhielt ein Stipendium des „Netzwerk Recherche“ und versuchte, das Leben des Iraners zu rekonstruieren. Im Zentrum stand die Frage, warum sich jemand nach zehn Jahren in Deutschland selbst verbrennt.

Die Antwort in einem Satz?

Es spricht viel dafür, dass das langwierige Asylverfahren des Iraners das Motiv war.

War mit dieser ersten großen Reportage der Grundstein gelegt?

Die Arbeit hat auf jeden Fall etwas in mir geweckt. Ich durchlief zahlreiche Stationen beim Stern, Die Zeit, der Berliner Morgenpost und dem Kölner Stadtanzeiger. Für mich war wichtig, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Blieb zwischen Studium und Schule denn überhaupt Zeit für lange Recherchen?

Das war ein großes Hindernis, weil Reportagen – wie ich sie gerne schreibe – eine lange Recherche voraussetzen. Doch nicht nur die Zeit entpuppte sich als Problem, sondern auch mein Alter.

Warum das?

Als ich die ersten größeren Themen angegangen bin, war ich 22 Jahre alt und damit sehr jung. Gerade für die größeren Redaktionen ist das ein Problem. Sie hinterfragen alles genau, weil sie einen noch nicht kennen.

Wie konnten Sie sich unter diesen Umständen ihre ersten Sporen verdienen?

Eine Geschichte über Missbrauch unter Geschwistern hat mir bei der Zeit-Redaktion die Tür geöffnet. Durch Zufall bin ich bei einer Recherche auf jemanden gestoßen, der seine Schwester sexuell missbraucht hat. Ein Jahr habe ich diese Person begleitet; von der Anzeige bis zur Verurteilung. Diese Reportage habe ich an Die Zeit verkauft, nachdem gegengecheckt wurde, dass ich mir nichts aus den Fingern gesogen habe. Das war Ende 2017 und kurz vor meinem Abschluss.

War für Sie ab diesem Moment klar, wohin der Berufsweg Sie führt?

Direkt nach meinem Abschluss habe ich mich als freier Journalist selbstständig gemacht. Seitdem verkaufe ich wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen. Dabei versuche ich oft, anhand von Einzelfällen größere Zusammenhänge zu erklären.

Muss man dafür freier Journalist sein?

Das würde ich nicht sagen, aber für mich persönlich hat sich während der Ausbildung immer mehr abgezeichnet, dass ich als freier Journalist arbeiten möchte. Das ermöglicht einem große Freiheit, nicht nur was die Auswahl der Themen betrifft. Ich konnte zum Beispiel mit meiner Freundin in Leipzig zusammenziehen, weil ich an keinen Standort gebunden bin.

Was sind die Herausforderungen?

Bei mir läuft immer viel parallel. Es gibt manchmal fünf, sechs Monate in denen nichts erscheint und dann plötzlich vier Texte auf einmal. Gerade am Anfang war das auch finanziell eine Herausforderung. In der täglichen Arbeit sind es andere Dinge, die hohe Hürden darstellen. Wenn ich ein Thema finde, muss ich zunächst einmal checken, ob die Protagonisten bereit sind, mit mir zu arbeiten. Ich muss ihnen klarmachen, dass ich für eine Weile an ihren Hacken hänge und nicht nur einmal vorbeikomme. Danach klappere ich die Redaktionen ab und versuche, meine Themen unterzubringen.

Wie der freie Journalist Marius Elfering seine Leidenschaft für große Reportagen entdeckte

Bei seinen Recherchen blickt Marius Elfering in menschliche Abgründe. © Johannes Schmittmann

Der schwierigste Part?

Nein, die höchste Hürde ist die Themenfindung. Dann schreibe ich ein Exposé und lege es den Redaktionen vor. Mit der Wochenzeitung Die Zeit habe ich zum Glück einen Auftraggeber, der meine Geschichten sehr regelmäßig abnimmt.

Haben Sie so etwas wie einen Arbeitsalltag?

Ich falle da ein bisschen aus der Reihe. Ich stehe früh auf und fange gerne um 7.30 Uhr an zu arbeiten. Morgens kann ich mich am besten konzentrieren. Aber es hängt immer davon ab, was gerade ansteht. Am Wochenende bin ich häufig im Einsatz, weil die Menschen, die ich porträtiere, unter der Woche beschäftigt sind. Meine freien Tage verlege ich dann unter der Woche.

Gab es Skeptiker in der Familie oder im Freundeskreis, die Ihnen geraten haben, etwas Festes zu suchen?

(lacht) Die größten Skeptiker sind festangestellte Journalisten. Aber natürlich war es kein einfaches Gespräch, als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich meine Texte ein halbes Jahr vorher plane und in manchen Monaten kein Einkommen habe. Aber sie haben gemerkt, dass ich gut klarkomme und sie nicht um Geld fragen muss. Dann beruhigt sich das Umfeld automatisch.

Bei ihrer ersten Reportage half der Zufall. Wie finden Sie sonst ihre Themen?
Das kann man nicht pauschalisieren. Es ist aber auch weiterhin so, dass Zufall und Glück eine Rolle spielen. Zum Beispiel durfte ich als einziger deutscher Journalist einen Häftling in der Schweiz porträtieren, der wegen Vergewaltigung jahrzehntelang im Gefängnis saß und das Recht auf passive Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte. Allgemein kann man aber sagen, dass ich mich auf innerdeutsche Themen fokussiere, weil sie am greifbarsten sind.

Hilft Ihnen ihre Herkunft aus dem tiefsten Münsterland manchmal bei Ihrer Arbeit?

(lacht) Am Anfang meiner Zeit in Köln hätte ich das klar verneint. Mittlerweile sehe ich das ein bisschen anders, weil ich das Gefühl habe, dass Journalisten sich häufig in einer Großstadtblase befinden. Sie schreiben über Themen, die für die Leute auf dem Land oder in der Kleinstadt nicht greifbar sind. Es tut jedem Journalisten gut, auch mal aus der Großstadt rauszufahren und den Kontakt zu den Leuten dort zu suchen.

Sie schreiben mittlerweile nur noch Reportagen: Wie sehr erschwert der Relotius-Skandal ihre tägliche Arbeit?
Ich war ehrlich gesagt echt fertig, als ich davon erfahren habe. Nicht nur, weil Claas Relotius meine tägliche Arbeit damit erschwert und herabwürdigt. Er war die Person, wegen der ich unter anderem mit dem Reportageschreiben angefangen habe. Und bis Ende 2018 eines meiner Vorbilder.

Wie kann der Journalismus Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?

Das fängt beim Einzelnen an. Gute Recherche ist die Basis. Um mich abzusichern, mache ich keine Termine ohne Tonband. Anschließend transkribiere ich die Gespräche. Ich brauche Beweise, weil wenn ich beispielsweise über sexuellen Missbrauch schreibe, gibt es weder Fotos noch Namen. Allgemein hoffe ich darauf, dass es in der Bevölkerung noch ein Grundvertrauen gegenüber dem Journalismus gibt, weil ihm eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zukommt.

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