Wie die Spielsucht das Leben eines Ahausers bestimmte

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Über 20 Jahre lang steckte ein heute 54 Jahre alter Ahauser zehntausende Euro in Spielautomaten. Die Spielsucht begann nach einem schweren Schicksalsschlag.

Ahaus

, 13.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

An guten Tagen ist er mit 1000 Euro aus der Spielhalle gegangen. An schlechten war nicht nur der Gewinn vom Vortag weg, sondern noch 300 Euro oben drauf. Klaus M. (*) war spielsüchtig, über 20 Jahre lang. Mehrere zehntausend Euro hat der 54 Jahre alte Ahauser zwischen seinem 30. und seinem 52. Lebensjahr in Spielautomaten gesteckt.

Wir treffen Klaus M. im Büro von Peter Dankelmann in der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes für die Dekanate Ahaus und Vreden an der Wüllener Straße. Dankelmann ist 59 Jahre alt, Suchtberater und Suchttherapeut. Anlass des Gesprächs ist die Einführung der Wettbürosteuer in Ahaus. 2019 tritt sie in Kraft und soll helfen, das Glücksspiel vor Ort einzudämmen. Klaus M. berichtet über seine Erfahrungen mit dem Glücksspiel. Erfahrungen, auf die er rückblickend gerne verzichtet hätte.

Schicksalsschlag treibt den Ahauser in die Spielsucht

In die Spielsucht gerät er, als Ende der 90er-Jahre seine Frau in jungen Jahren stirbt. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen.“ Hat er bis dahin ab und an beim Billard nebenbei einen Heiermann in den Automaten geworfen, wird aus der Neben- eine Hauptbeschäftigung. Klaus M. ist allein, hat keine Lust auf seine Freunde, schon gar nicht auf eine neue Beziehung.

Der einzige, der ihn zu der Zeit kontrolliert, ist er selbst. Tagsüber geht er arbeiten, nach Feierabend sitzt er in der Spielhalle. Vor sich einen Kaffee, der Kopf leer, der Becher voll mit Geldstücken. „Fünf, sechs Stunden saß ich da, spielte an mindestens zwei Automaten gleichzeitig. Du trinkst Kaffee und machst und machst und machst.“

Mal gewinnt er, meistens verliert er. „Wenn du verloren hast, dann gehst du am nächsten Tag wieder hin mit dem Vorsatz, den Verlust mindestens auszugleichen.“ Hat Klaus M. an einem Tag hoch gewonnen, dann muss es am nächsten Tag doch noch mehr Geld geben können. Denkt er.

Partnerin kontrolliert seine Finanzen

Seine Gedanken kreisen jahrelang nur ums Spielen. Bei der Arbeit wie im Privaten. Sie kreisen aber auch ums Geld und darum, wie er bis zum Monatsende über die Runden kommt. „Am Monatsanfang habe ich bezahlt, was ich unbedingt bezahlen musste.“ Den Rest trägt er in die Spielhalle. „Das ist so flöten gegangen.“ Zwischendurch lebt Klaus M. abstinent und schafft es, einen Bogen um die Automaten zu machen. Allerdings nicht ganz freiwillig. Er hat eine neue Partnerin, die seine Finanzen kontrolliert. Nach der Trennung geht es im alten Trott weiter.

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Irgendwann türmen sich die unbezahlten Rechnungen auf dem Küchentisch, die Mahnungen der Energieversorger. Der Druck auf Klaus M. wächst und damit die Angst, alles zu verlieren. Die Arbeit, vielleicht auch das Haus. „Du brauchst professionelle Hilfe“, sagt seine Schwester, mit der er vor zwei Jahren erstmals offen über seine Sucht spricht. „Aber bis ich mit ihr darüber reden konnte, das hat gedauert.“ Auch seinen Freunden berichtet er von seiner Spielsucht. Die Zeit der Ausreden, warum er diesen oder jenen Termin nicht wahrnehmen kann, ist vorbei.

Professionelle Hilfe zeigt Wirkung

Klaus M. nimmt Kontakt zur Caritas-Beratungsstelle und zu Peter Dankelmann auf. „Ich habe mit ihm über alles geredet, das hat mir gut getan“, sagt der Ahauser über die Anfänge der Gesprächstherapie. Es tut ihm immer noch gut. „Ich komme gerne hierhin.“ Alle drei Wochen sitzt er im Büro von Peter Dankelmann, zeigt ihm seine Kassenbons und Kontoauszüge, zeigt ihm, wofür er sein Geld ausgibt. „Dabei wird es einem heute immer leichter gemacht, sich zu verschulden,“ sagt der Ahauser. „Es gibt neuerdings sogar Billigkredite mit Minus-Zinsen.“ Für ihn kommen solche Angebote nicht in Frage. Einen Kredit hat er auch zu Hoch-Zeiten seiner Spielsucht nicht aufgenommen, kriminell ist er dafür schon gar nicht geworden – im Gegensatz zu vielen anderen Spielern.

„Gelassener geworden“

„Ich fühle mich heute viel wohler“, sagt der Ahauser und ist froh, professionelle Hilfe in Anspruch genommen zu haben. „Früher hatte ich am Ende des Monats nie Geld. Das ist vorbei.“ Dass Klaus M. ein Stück weit ruhig und gelassener geworden ist, das kann Suchtberater Peter Dankelmann bestätigen. „Vor einem Jahr, zu Beginn der Therapie, war er sehr unruhig und konnte sich kaum auf das Gespräch konzentrieren.“

Zwischen früher und heute liegen bei Klaus M. Welten. Dabei sind es gerade mal zwei Jahre. „Heute fahre ich mit dem Auto durch Ahaus und sehe die Spielhallen links und rechts gar nicht mehr“, sagt er. Doch so ganz stimmt das nicht. Letztens musste er für die Benutzung einer SB-Waschanlage Geld wechseln lassen. Der 54-Jährige ging dazu in eine der von ihm früher besuchten Spielhallen. „Da saßen immer noch die gleichen Leute vor den Geräten, die da früher schon saßen.“ Klaus M. schüttelte den Kopf und ging.

(*) Name von der Redaktion geändert

Die Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes für die Dekanate Ahaus und Vreden arbeitet seit 25 Jahren mit suchtkranken Menschen und deren Angehörigen zusammen. Der Caritasverband ist für Ahaus, Vreden, Stadtlohn, Südlohn, Heek, Legden, Schöppingen und Gronau zuständig. Die Suchtberatungsstelle hat ihren Sitz an der Wüllener Straße 80 in Ahaus, Tel. (02561) 429140.
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