In Ahaus sind Willkommenskultur und Wir-Gefühl das Gegengift von Hass und Rassismus

mlzFremdenfeindlichkeit

Wut, Entsetzen, Angst, Trauerbeflaggung – nach den tödlichen Schüssen von Hanau fehlen oft die Worte. Trotz einer neuen Debatte um Rassismus gibt es aus Ahaus auch Positives zu berichten.

Ahaus

, 22.02.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das schreckliche, offenbar rechtsradikal motivierte Attentat von Hanau, dem neun junge Menschen, alle mit Migrationswurzeln, zum Opfer fielen, hat auch in Ahaus Spuren hinterlassen. Enver Gürbüz, Vorsitzender der Türkisch islamischen Kulturgemeinde, spricht von „Schmerzen und Trauer“ und fühlt sich der Kanzlerin verbunden, die in ihrer Reaktion „Rassismus und Hass“ als „Gift“ bezeichnete.

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Ein Gift, das er und andere Muslime schon oft zu spüren bekommen hätten. Auf der Website der Aksa-Moschee, in persönlichen Kommentaren im Netz oder auch ganz direkt. Wie viele andere Menschen im Land fragt er nach dem warum? „Wenn etwas nicht geschafft wird, werden schnell die anderen dafür verantwortlich gemacht.“ Ein gesellschaftliches Klima, in dem man die „Schuldigen“ für Missstände gefunden zu haben glaubt, tue ein Übriges.

Appell zum gemeinsamen Handeln

Und doch fordert Enver Gürbüz (55), der seit 1982 in Ahaus lebt und einen deutschen Pass besitzt, dazu auf, „nach vorne zu schauen“ und die Zukunft „Hand in Hand“ zu gestalten, „gemeinsam für das Wohlbefinden unserer Stadt Ahaus und des ganzen Landes zu sorgen“.

Gürbüz, der sich und andere Bürger mit ausländischen Wurzeln, egal welcher Nationalität, als „Teil des Ganzen“ sieht, redet viel vom „Wir-Gefühl“, dass es „mit Hand und Seele“ zu stärken gelte: „Wir gehören doch alle dazu, nicht nur die Deutschen.“

Kaffeetrinken mit den Nachbarn

Und ein aktuelles Beispiel für seinen Weg hat Enver Gürbüz auch: „An der Baustelle der Aksa Moschee ist der Rohbau fertig und daher haben wir Bürgermeisterin Karola Voß und die Nachbarn zur ersten Tasse Kaffee eingeladen.“ Ende März, Anfang April soll der Austausch stattfinden.

Dialog und Gespräch nennt er als wichtigsten Hebel von Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit. Wie effektiv das sein kann, benennt er ebenfalls. Erstaunt sei er zum Beispiel, wie schnell Geflüchtete aus Syrien in Ahaus Deutsch gelernt hätten. Viele von ihnen seien inzwischen in einen ganz normalen Arbeitsprozess eingebunden.

Die Basis für seine Vorstellung von der Vielfalt, dem Reichtum einer Gesellschaft, sieht Enver Gürbüz in der Religion und zitiert aus dem Koran: „O ihr Menschen, siehe wir erschufen euch von einem Mann und einem Weib und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennet...“

Schutzmaßnahmen lösen das Problem nicht

Von Schutzmaßnahmen aber, wie sie jetzt von einigen für sensible Bereiche gefordert werden, in denen sich verstärkt Menschen aufhalten, die im Fokus von Rechtsradikalen stehen, hält er wenig: „Das löst keine Probleme.“

Zu einer Ausweitung solcher Schutzmaßnahmen gebe es aktuell auch keine Veranlassung sagt Frank Rentmeister, Sprecher der Kreispolizeibehörde Borken. Man werde aber das umsetzen, was das Innenministerium veranlasse. Zurzeit heißt das: mit vor allem muslimischen Einrichtungen und Organisationen in Kontakt treten und Beratung und Hilfe anbieten.

Allerdings sind laut Rentmeister auch nur zwei Kollegen dafür als „Kontaktbeamte“ im Einsatz. Im Nebenamt, für den ganzen Kreis. Terrorismus, von links und rechts habe es aber immer schon gegeben, so Rentmeister. „Ein Hotspot ist der Kreis Borken aber wohl eher nicht, obwohl man auch hier nie von einer hundertprozentigen Sicherheit sprechen kann.“

Kaum Probleme mit Anfeindungen

„Sehr traurig“ haben Carmen Esposito-Stumberger vom Caritas-Fachdienst Integration und Migration und die rund 100 Ehrenamtlichen auf das Drama von Hanau reagiert. „Aber auch mit einer gewissen Distanz“, fügt sie hinzu und erklärt, warum. „Zum Glück wohnen wir hier“, sei der allgemeine Tenor. Hier vor Ort gebe es eben kaum Probleme mit Anfeindungen oder gar Hass.

Dabei berufen sie und die Ehrenamtlichen sich auf die Erfahrungen der zurzeit noch rund 446 Geflüchteten. Mit 70 Prozent von ihnen stehe man seit August 2015 regelmäßig in Kontakt. Sie kommen vor allem aus Syrien, Iran, Irak, einigen afrikanischen Ländern und kaum noch vom Balkan. Nur noch wenige von ihnen leben in Unterkünften, der Großteil in privaten Wohnungen.

Carmen Esposito-Stumbergers Resümee: „Hier in Ahaus haben wir es wirklich mit einer offenen Willkommenskultur zu tun, das Fundament von Integration.“

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