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Wenn die Seele erschöpft ist, hilft die Psychotherapie. Doch die Wartezeiten sind lang. Das GKF bietet Reha-Sport als Überbrückung an. Wir haben eine Yoga-Stunde im Alten Kreishaus besucht.

Ahaus

, 15.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Yoga? So etwas mache ich nicht. Und bitteschön: keinen Psychokram!“ Doris (46) muss heute lachen, wenn sie an diesen Satz denkt. Sie hat ihn vor einigen Jahren gesagt, als sie wegen einer Autoimmunerkrankung stationär in einer Klinik behandelt wurde. „Doris“ ist nicht ihr richtiger Name. Die 46-Jährige hat ihn sich für das Gespräch unserer Redaktion ausgesucht. So wie auch die anderen vier Frauen in der Yoga-Gruppe sich einen Namen ausgesucht haben, um ganz offen über seelische Erkrankungen reden zu können.

Ruhe und Stabilität finden

Dienstagsmorgens im Alten Kreishaus an der Bahnhofstraße in Ahaus: Auf dem dunklen Parkett im freundlich-hellen Gymnastikraum des GKF liegen bunte Yogamatten. In einem Glas brennt eine dicke rote Kerze, daneben blüht leuchtend gelb ein Topfblümlein. „Tief ein- und ausatmen, das Gewicht auf das rechte Bein verlagern, den linken Fuß anheben“, sagt Ulrike Speit mit ruhiger Stimme.

Yoga aktiviert auf sanftem Weg neue Kräfte

Die fünf Frauen auf den Yogamatten folgen konzentriert den Anweisungen. Eine wackelt, hält sich kurz an der Schulter ihrer Nebenfrau fest, bis sie ihr eigenes Gleichgewicht gefunden hat. Die Yoga-Übung „der Baum“ ist eine Herausforderung für die Muskulatur und die Konzentration. Und die Baum-Erfahrung zeigt, welche Bedeutung Ruhe und Verwurzelung im täglichen Leben spielen, um Stabilität und Aufrichtung zu finden.

„Yoga ist ein gutes Medium, mit sanften Bewegungen die eigenen Kräfte zu aktivieren, die Achtsamkeit für das eigene Ich zu steigern.“
Ulrike Speit

„Yoga“, so sagt Ulrike Speit, „ist ein gutes Medium, mit sanften Bewegungen die eigenen Kräfte zu aktivieren, die Achtsamkeit für das eigene Ich zu steigern.“ Die 60-jährige Diplom-Sozialpädagogin hat sich unter anderem beim Behindertsportverband zur Yogalehrerin und Entspannungstherapeutin weitergebildet. In ihrem Rehasport-Angebot verbindet sie seit dem Jahr 2009 Yoga mit Elementen der Progressiven Muskelentspannung, des autogenen Trainings, der Imagination und der Hypnosetherapie.

Schwarzer Schatten der Hoffungslosigkeit

Doris hat vor acht Jahren Stabilität und Gleichgewicht verloren. Sie arbeitete als kaufmännische Angestellte und rutschte langsam und von ihr selbst unbemerkt in eine schwere Depression. „Ich habe nie daran gedacht, dass ich einen Burnout haben könnte“. Erst im Rückblick erkennt sie heute: „Ich habe immer mehr gearbeitet, bis zur Erschöpfung – aber das Ergebnis ging gegen Null. Ich glaube, ich selbst war die letzte die das bemerkt hat.“ Erst ein Klinikaufenthalt öffnet ihr die Augen. Aber es sollten noch schwere Jahre folgen. Dunkle Jahre, in denen sich Hoffnungslosigkeit wie ein schwarzer Schatten auf die Seele legte.

Durch Trauer und Verlust in die Sinnkrise

Jana (55) kennt das Gefühl. Bei ihr begann die Depression mit einem Rückenleiden. „Ich konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sitzen und nicht mehr stehen. Ich haben den Glauben an die Ärzte verloren“, sagt sie. Dazu kamen Trennungsschmerzen. Die Verzweiflung mündete in völlige Antriebslosigkeit.

Und Johanna (62) erzählt: „Vor eineinhalb Jahren ging es mir schlecht. Als ich aus einer Reha kam, starb meine jüngere Schwester. Da lief gar nichts mehr.“

Auch bei Moni (73) waren es Trauerfälle, die sie in eine tiefe Sinnkrise stürzten. „Ich habe meine Mutter und meinen Mann verloren. Das führte bei mir zum Zusammenbruch. Hier in der Gruppe fühle ich mich aufgehoben. Das tut mir sehr gut.“ Marga (59) warf der Verlust des Arbeitsplatzes aus der Bahn. „26 Jahre lang habe ich als Handwerkerin in einem Betrieb gearbeitet, mit Leidenschaft und vielen Überstunden. Dann kam vor anderthalb Jahren von heute auf morgen die Kündigung, weil ich an Arthrose erkrankt war. Ich war zutiefst verletzt.“

Seelische Erkrankungen sind oft mit Scham verbunden

Trennung, Trauer, chronischer Schmerz, beruflicher Druck – das alles kann Auslöser von Depressionen sein. „Und es kann wirklich jeden treffen“, sagt Ulrike Speit. Das Problem sei nur, dass es für viele Betroffene schwer ist, darüber zu sprechen. Ulrike Speit selbst macht kein Geheimnis daraus, dass sie aus eigener Erfahrung weiß, wovon sie spricht. Der Stigmatisierung will sie durch Offenheit begegnen. „Ein gebrochener Fuß, ein kranker Rücken, all das ist kein Problem. Wenn aber die Seele leidet, dann schämen sich viele dafür. Dabei ist es eine Krankheit wie jede andere.“

Psychotherapieplätze sind schwer zu finden

Doch die Depression ist auch eine besondere Krankheit. Die Betroffenen haben es doppelt schwer, Hilfe zu suchen und zu finden. Denn die Depression geht oft Hand in Hand mit einer bleiernen Antriebslosigkeit einher. Die Hilfesuche wird oft auf die lange Bank geschoben. Und wer sich doch aufraffen kann, hat es gerade auf dem Land schwer, einen Psychotherapeuten zu finden. „Der Bedarf ist riesig. Nicht selten gibt es Wartezeiten bis zu einem Jahr“, weiß Ulrike Speit. Johanna hat diese Erfahrung gemacht: „Psychotherapieplätze sind so schwer zu bekommen. Da tun sich riesige Löcher auf, und man weiß einfach nicht wohin.“

Reha-Sport kann eine Brücke sein

„Der Reha-Sport kann die Therapie nicht ersetzen. Aber er kann ein wichtiges Bindeglied, eine Überbrückung zwischen Klinikaufenthalt und Psychotherapie sein“, sagt Ulrike Speit. Sie will die Männer und Frauen, die dienstags und donnerstags in ihre Gruppen kommen, stärken, motivieren, ihnen eine feste Struktur geben und vielleicht neue Perspektiven eröffnen. „Ziel des Reha-Sports ist es, die Menschen zu motivieren, selber etwas für sich zu tun, ins Schwimmbad zu gehen, in einen Verein oder eine Sportgruppe“, sagt Ulrike Speit.

Yoga stärkt Doris im Kampf gegen die Depression

Ulrike Speit © Hermann Liemann

„Ich denke hier an nichts. Hier kann ich wirklich zur Ruhe kommen“, sagt Marga. Neben der Entspannung und Bewegung gehören aber auch Gespräche zum festen Ritual. Jeder darf etwas sagen, aber keiner muss. Moni: „Ich wollte mich am Anfang gar nicht äußern. Aber nach einiger Zeit bin ich doch aus mir herausgekommen.“ Die anderen Frauen nicken. Sie wissen um die befreiende Wirkung des Gesprächs mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Zuversicht auf einem schwerem Weg

Die Stimmung an diesem Dienstagmorgen in der Runde ist gelöst. „Wir sind keine Trauergruppe“, sagt Ulrike Speit. Doch die Frauen wissen, dass der Weg aus dem Tal der Depression kein einfacher sein wird. Aber sie fühlen sich in der Gruppe gut begleitet. Doris sagt: „Die Ulrike hat Antennen dafür, was möglich ist, und sie erspürt, was notwendig ist.“ Die Zeiten, in denen Doris nichts von „Psychokram“ und Yoga wissen wollte sind längst vorbei. Heute sagt sie: „Ich glaube, diese Gruppe hier hat mir in der schweren Zeit am meisten geholfen.“ Sie sagt aber auch: „Ich bin noch nicht wieder erwerbsfähig.“ Noch nicht – für diese hoffnungsvollen Worte hätten Doris in den ganz dunklen Tagen die Zuversicht gefehlt.

Zuzahlungsfreier Reha-Sport

  • Das GKF – Gesundheit für Kind und Familie ist das Bildungswerk im Gesundheitszentrum Westmünsterland.
  • Die Reha-Kurse finden am Standort Altes Kreishaus, Bahnhofstraße 93 in Ahaus statt.
  • Beim Rehabilitationssport handelt sich um eine Nachsorge, welche die weitere Genesung nach einer medizinischen Rehabilitation vorantreiben soll.
  • Beim Rehabilitationssport handelt sich um eine zuzahlungsfreie Sachleistung, die von der Krankenkasse übernommen werden muss.
  • Bei psychischen Belastungen können Ärzte bis zu 120 Einheiten verschreiben, ohne damit ihr Budget zu belasten, sagt Ulrike Speit vom GFK.
  • Weitere Informationen beim GFK unter Tel. (02561) 69 56 70
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