Man könnte es als Kirmesrangelei abtun, was am Montag vor dem Gericht in Ahaus verhandelt wurde. Doch die türkischstämmige Mutter des Opfers spricht von einem Angriff auf die Integration.

Ahaus

, 29.01.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Nötigung ist am Montag ein 19 Jahre alter Auszubildender aus Ahaus zu einer Geldbuße in Höhe von 600 Euro und zu einem Anti-Gewalt-Training verurteilt worden. Der junge Mann selbst zeigte sich empört über das Urteil. Er sah sich selbst als Opfer und beteuerte noch nach dem Urteil: „Ich habe gar nichts gemacht.“

Es begann mit einer Beleidigung im Autoscooter

Richter und Staatsanwalt indes schenkten ihm und seinen beiden Freunden, die als Zeugen aussagten, keinen Glauben. Er hielt vielmehr die Darstellung des 18-jährigen Opfers, dessen Mutter und dessen Stiefvater für absolut glaubwürdig. Danach hatte sich am Abend des Kirmessamstags Folgendes zugetragen: Während der Fahrt im Autoscooter beleidigten zwei Jugendliche den 18-Jährigen und seine Freundin.

Mutter des Opfers bedroht

Der Streit ging nach der Fahrt vor dem Autoscooter weiter. Schnell bildete sich ein Pulk von über 20 Leuten – fast alles Freunde oder Verwandte der Jugendlichen, von denen die Beleidigung ausgegangen war. Dann schlug der 19-jährige Angeklagte dem 18-Jährigen unvermittelt ins Gesicht. Als daraufhin die Mutter des Opfers die Polizei rufen wollte, beschimpfte der 19-Jährige die Mutter auf übelste Weise und drohte ihr.

Opfer fühlt sich schon lange bedrängt

Welchen Anlass oder Hintergrund hatte dieser Streit? „Ich habe regelmäßig Stress mit diesen Leuten“, erklärte der 18-jährige Schüler. „Sie bedrängen mich, weil ich kein Muslim bin.“ Er sei auch schon auf dem Schulhof des Alexander-Hegius-Gymnasiums geschlagen worden. „Ich werde immer wieder als ,scheiß Deutscher‘ beschimpft.“

Mutter sieht Vorbehalte gegen Integration

Seine 42 Jahre alte Mutter sagte: „Ich bin Türkin, aber ich lebe in einem deutschen Umfeld. Ich bin es leid, dass ich dafür von türkischen oder arabischen Jugendlichen immer wieder beschimpft und beleidigt werde, nur weil bei uns die Integration funktioniert hat. Wir wollen einfach in Ruhe gelassen werden.“ Ihr deutscher Lebensgefährte und Stiefvater des Angeklagten erklärte: „Ich fühle mich seit vielen Jahren als sein Vater. Er ist mein Sohn.“

Angeklagter wollte nach eigener Darstellung nur schlichten

Der in Deutschland geborene Angeklagte mit libanesischen Wurzeln bestritt, Vorbehalte gegen Integration zu haben. „Meine Freundin ist ja auch eine Deutsche.“ Nach seiner Darstellung hat er sich in den Streit am Autoscooter eingemischt, um zu schlichten. Dann habe ihm die Mutter des Angeklagten eine Ohrfeige gegeben. Er sei so geschockt gewesen, dass er sie als „Schlampe“ bezeichnet habe. Das sei nicht richtig gewesen. Dann habe ihm auch der Stiefvater noch eine Ohrfeige gegeben. Die beiden bestritten dies aber energisch. Sie hätten die Polizei gerufen, weil sie keine körperliche Auseinandersetzung wollten.

Richter glaubt Zeugen kein Wort

Zwei Freunde des Angeklagten sagten als Zeugen aus und unterstützten seine Version, der Angeklagte sei lediglich als „Mediator“ aufgetreten. Richter und Staatsanwalt bohrten weiter ins Detail und witterten dann eine abgekartete Falschaussage. „Ich glaube Ihnen kein Wort – auch wenn Sie als Gymnasiast so schöne Wörter wie ,Mediator‘ kennen“, sagte der Richter dem Zeugen ins Gesicht. Und der Staatsanwalt behielt sich vor, gegen die beiden Zeugen ein Strafverfahren wegen uneidlicher Falschaussage einzuleiten.

Der Richter begründete sein Strafmaß mit den Worten: „Der Prozess hat rein gar nicht zu Ihrem Gunsten ergeben. Sie haben die Zeugen zur Falschaussage angestiftet. Und Sie haben keinerlei Respekt vor älteren Menschen gezeigt.“

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