In drei Etagen dieses Wohnblocks in Bergkamen-Mitte wohnen Westfleisch-Hilfsarbeiter, untergebracht durch eine Leiharbeitsfirma aus Lünen. Die Hausverwaltung geht dagegen vor. © Marcel Drawe
Prekäre Arbeitsverhältnisse

Umstrittene Wohnungen für Westfleisch: Mein Nachbar, der Leiharbeiter

Wohnungen in Bergkamen wurden zu Unterkünften für Leiharbeiter aus der Fleischindustrie umfunktioniert. Dagegen geht der Hausverwalter vor. Der Verleiher aus Lünen weist Kritik an der Belegung zurück.

Der Schlafplatz kostet knapp 315 Euro monatlich warm – die Miete wird direkt vom Lohn abgezogen, dazu 20 Euro Pfand für Arbeitsschuhe. Leiharbeiter aus Osteuropa sind in drei möblierte Wohnungen in einem 24-Parteien-Haus in Bergkamen-Mitte einquartiert, nach offiziellen Angaben maximal zu fünft.

Das Leben in der Unterkunft spielt sich auf jeweils rund 65 Quadratmetern ab, drei Schlafräume, Gemeinschaftsküche und Bad. Zur Arbeit in einen Betrieb des Fleischwaren-Herstellers Westfleisch in Münster pendeln sie 50 Minuten per Kleinbus, die Fahrtkosten sind in der Miete inklusive. Der Lohn für die Arbeit: 10,15 Euro pro Stunde. So steht es auf einer Abrechnung, die der Redaktion vorliegt.

„Ich bin schockiert, wie die Menschen hier wohnen“

Jakob Seibel

Haussegen hängt schief

„Ich bin schockiert, wie die Menschen hier wohnen“, meint Jakob Seibel. Der 35-Jährige lebt in einer Etage unterhalb der drei Leiharbeiter-Wohnungen. Er habe den Eindruck, dass zu viele Menschen in den Wohnungen untergebracht seien, sagt er.

Seiner Meinung nach passt diese Nutzung nicht in die Hausgemeinschaft hinein – erst recht nicht mitten in der Corona-Pandemie, nachdem Fleischbetriebe wie Westfleisch und Tönnies durch Masseninfektionen bei Arbeitern und prekäre Arbeits- und Wohnbedingungen für Negativschlagzeilen gesorgt haben.

Es gibt aber auch Hausbewohner, die sich an den Leiharbeitern nicht stören und keinen Anlass für Beschwerden sehen. „Ich finde das übertrieben“, sagt Ireneusz Michalsky, dessen Mutter in dem Haus wohnt.

Dieses Foto wurde der Hausverwaltung zugeleitet und soll eine Überbelegung dokumentieren: Drei Schlafgelegenheiten in einem Raum, dazu Teile zerlegter Betten unterm Bett und an der Wand. Die Geschäftsführerin der Leiharbeitsfirma widerspricht: Die Maximalbelegung sei fünf Personen pro Wohnung. © privat © privat

Auch Timon Lütschen, dessen Familie eine Eigentumswohnung in dem Haus besitzt, sieht die Nutzung durch eine Leiharbeitsfirma kritisch. Der 46-Jährige ging den Gerüchten überbelegter Wohnungen nach und sprach dabei auch mit einem inzwischen abgereisten polnischen Arbeiter, der über die Verhältnisse klagte. Diese Schilderung erschütterte Lütschen. „Laut Aussage eines Mieters gab es eine Belegung mit bis zu 13 Personen in einer Wohnung“, erzählt er.

Verifizieren konnte er die behauptete große Zahl von Menschen auf engem Raum aber nicht. Auf Fotos sind jedoch sechs Betten mit Matratzen sowie Teile zerlegter Betten dokumentiert – in einer Wohnung, in der sich noch zusätzlich eine Schlafcouch befindet.

Das ergibt insgesamt sieben Schlafgelegenheiten auf schätzungsweise 65 Quadratmetern. Lütschen, auch bekannt als Grünen-Politiker im Kamener Stadtrat und im Kreistag, leitet daraus den Verdacht einer Überbelegung ab und sieht sich in einer kritischen Haltung gegenüber der Fleischindustrie bestätigt.

„Die Wohnungen sind faktisch nicht überbelegt.“

Judith Pasternak

Drei von 24 Wohnungen an Leiharbeitsfirma vermietet

Beschwerden aus der Nachbarschaft und Hinweise auf eine mutmaßliche Überbelegung haben auch die Hausverwaltung Curator aus Dortmund alarmiert. Diese forderte den Rechtsanwalt René Mellin aus Kamen auf, etwaige Missstände zu beseitigen. Die Eigentumsverhältnisse in dem Wohnblock sind kompliziert: Mellin ist als Zwangsverwalter für rund die Hälfte der 24 Einheiten zuständig, weil der Wohnungseigentümer pleite ist.

Drei Wohnungen hat Mellin an die Leiharbeitsfirma Pasternak Personal GmbH aus Lünen vermietet, die sie wiederum an die Leiharbeiter untervermietet. Sowohl Mellin als auch Curator-Geschäftsführer Christian Fründ wollen sich nicht öffentlich zu den Vorgängen äußern.

Im Hintergrund schwelt ein Konflikt: Der Zwangsverwalter will die Hausverwaltung wegen mutmaßlicher Versäumnisse durch die Eigentümerversammlung absetzen lassen, er hat aber nicht alle Eigentümer auf seiner Seite.

Küche einer Leiharbeiter-Wohnung in Bergkamen: Die Warmmiete kostet rund 315 Euro pro Person und umfasst auch einen Fahrservice zur Arbeitsstelle im 50 Kilometer entfernten Münster.
Küche einer Leiharbeiter-Wohnung in Bergkamen: Die Warmmiete kostet rund 315 Euro pro Person und umfasst auch einen Fahrservice zur Arbeitsstelle im 50 Kilometer entfernten Münster. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Die Geschäftsführerin der Leiharbeitsfirma, Judith Pasternak, kann sich vor diesem Hintergrund wie ein Spielball zwischen den Fronten eines Nachbarschaftskonflikts vorkommen.

Sie erfuhr durch Mellin von den Vorwürfen, dass die drei Wohnungen überbelegt seien, und tritt dem entschieden und klar entgegen. „Maximal fünf Personen bewohnen eine Wohnung“, versichert sie. Es seien keine Missstände bekannt. „Die Wohnungen sind faktisch nicht überbelegt und gehen einher mit den gesetzlichen Vorschriften sowie den sozialen und menschenwürdigen Ansprüchen.“

Leiharbeitsfirma: Keine Überbelegung der Wohnung

Um Transparenz zu zeigen, bietet die Chefin auf eine Anfrage der Redaktion hin sofort für den folgenden Tag einen Ortstermin an. Dabei ergibt sich die Gelegenheit, nach Rücksprache mit den Leiharbeitern die drei Wohnungen zu besichtigen. Die Zimmer sind demnach auf ein bis zwei Personen pro Schlafraum ausgerichtet. Es stehen dort bis zu drei Einzelbetten oder Stockbetten, deren obere Etage fehlt.

Die Wohnungen wirken ähnlich wie die Zimmer in einem einfachen Hostel. Ein Desinfektionsplan für Küche und Bad hängt aus – neben vorhandenem Desinfektionsmittel ein Zeichen für Vorkehrungen zum Coronaschutz.

Eine Mieterin und ein Mieter, die anonym bleiben wollen, bestätigt eine Belegung mit maximal fünf Leuten. Derzeit werden die drei Wohnungen nur von insgesamt acht Menschen bewohnt, darunter ein Paar. Vier, drei, eins – so lautet die Aufteilung.

Dies ist weit entfernt von einer Überbelegung. „Die Aussage, dass eine Wohnung durch 13 Personen bewohnt wurde, ist faktisch falsch“, so Pasternak. „Gegebenenfalls meinte die Person, dass im gesamten Haus 13 Personen, die bei uns beschäftigt sind, gewohnt haben. Anders kann ich mir diese Aussage nicht erklären.“

Drei Zimmer, Küche und Bad: Blick in eine der Wohnungen in Bergkamen, in denen Leiharbeiter wohnen, die bei Westfleisch in Münster eingesetzt werden.
Drei Zimmer, Küche und Bad: Blick in eine der Wohnungen in Bergkamen, in denen Leiharbeiter wohnen, die bei Westfleisch in Münster eingesetzt werden. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Wenige Tage vor dem Ortstermin war ein Pasternak-Mitarbeiter in den Wohnungen erschienen. Der Mann, der einen Akkuschrauber dabei hatte, erklärte, dass er den Auftrag bekommen habe, Betten zu demontieren. Hat die Leiharbeitsfirma also infolge der Beschwerden Betten aus der Wohnung schaffen lassen, um eine Überbelegung zu vertuschen, wie der Nachbar Lütschen vermutet?

Pasternak erklärt, dass aufgrund von „Altbeständen von Möbeln“ einige Räume noch mit Doppelstockbetten ausgestattet seien, diese jedoch ausschließlich von einer Person genutzt werden. „Um zukünftig Missverständnisse zu vermeiden, habe ich unseren Hausmeister angewiesen, die obere Ebene aus dem Bett zu demontieren, um solchen Anschuldigungen bereits im Vorfeld entgegen zu wirken.“

Sozialstandards für Unterkünfte extern überprüft

Pasternak ist ein Lüner Unternehmen, das bereits seit vielen Jahren Leiharbeiter in die Lebensmittelindustrie und ins fleischverarbeitende Gewerbe vermittelt. Die Geschäftsführerin beschreibt einen tief in der Region verwurzelten Familienbetrieb, der sich von schwarzen Schafen in der Branche positiv abhebt. „Da wir uns einer begleitenden Mindestlohnprüfung sowie einer externen Prüfung unserer Unterkünfte hinsichtlich Sozialstandards unterziehen, sehen wir unsere Aufgabe, unseren Mitarbeitern gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu bieten, als erfüllt an“, so die Geschäftsführerin.

„Da die Basis unseres Geschäftserfolgs gute und zufriedene Mitarbeiter sind, ist dies die Prämisse unseres Handelns.“ Befürchtungen der Hausbewohner sieht sie als unbegründet an. Die Wohnsituation sei mit einer WG zu vergleichen und unterscheide sich nicht von den restlichen Mietparteien.

Timon Lütschen sieht die Unterbringung von Leiharbeitern in dem Wohnblock kritisch. Der auch als Grünen-Politiker bekannte Kamener prangert die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie an.
Timon Lütschen sieht die Unterbringung von Leiharbeitern in dem Wohnblock kritisch. Der auch als Grünen-Politiker bekannte Kamener prangert die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie an. © Stefan Milk © Stefan Milk

Ob diese „WG“ noch lange eine Zukunft haben wird, ist offen. Der Einsatz von Zeitarbeitern in Kernbereichen der Fleischindustrie ist ab 1. April 2021 verboten – eine politische Folge des Corona-Skandals bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück und Westfleisch in Coesfeld im vorigen Sommer.

Die Leiharbeiter aus Bergkamen üben bei Westfleisch in Münster einfache Helfertätigkeiten bei der Verpackung von Fleischwaren aus, sind also nicht in der Schlachtung und Zerlegung beschäftigt.

Westfleisch will sich aber auch bei der Endverarbeitung von Zeitarbeit trennen und die Arbeiter gegebenenfalls nach Verhandlungen übernehmen.

Keine Zeitarbeit mehr bei Westfleisch ab April

„Aktuell laufen die letzten vertraglichen Bindungen dazu aus. Zu unseren wenigen Beschäftigten, die noch per Zeitarbeit für uns tätig sind, zählen auch die von Ihnen erwähnten Mitarbeiter unseres Zeitarbeitspartners Pasternak“, erklärt Westfleisch-Sprecher Meinolf Born.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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