Fevzi Erdemli fing vor 33 Jahren als Händler auf dem Bergkamener Wochenmarkt an. Heute gehören ihm vier Supermärkte und ein Lebensmittelgroßhandel. © Stefan Milk
Ein Wirtschaftsmärchen

Vom Wochenmarkt zum Chef einer Supermarkt-Kette: Der erstaunliche Weg des Fevzi Erdemli

Fevzi Erdemli kam in den 1970er-Jahren mit seinem Vater aus der Türkei nach Bergkamen. Hier entwickelte er sein Verkaufstalent. Einst stand er auf dem Wochenmarkt, heute gehört ihm eine Supermarktkette.

Das große Foto, das hinter dem Schreibtisch von Fevzi Erdemli hängt, erzählt viel über die Bergkamener Stadtgeschichte. Es zeigt den Stadtmarkt, wie er Ende der 1980er-Jahre aussah. Es zeigt Fevzi Erdemlis Vater, der 1973 nach Bergkamen kam, um im Bergbau zu arbeiten – wie so viele Türken. Und es zeigt Fevzi Erdemli selbst, der damals einen Stand auf dem Wochenmarkt hatte.

Hätte man seinerzeit prophezeit, dass er rund 40 Jahre später eine Supermarktkette und einen Lebensmittelgroßhandel besitzen wird, wäre man vermutlich ausgelacht worden. Doch die Erdemli GmbH & Co. KG betreibt in der Tat vier Filialen. Der Stammsitz ist an der Präsidentenstraße in Bergkamen, zwei weitere Geschäfte gibt es in Hamm und im Frühjahr hat Erdemli einen großen und modernen Supermarkt an der Borsigstraße in Dortmund eröffnet. Außerdem gibt es noch die Golden Feinkost, einen Lebensmittelgroßhandel mit Sitz In der Schlenke in Oberaden. Hier hat Erdemli sein Büro, von hier aus steuert er seine Geschäfte und hier hängt auch das besagte Foto.

Zunächst kehrte der junge Erdemli in die Türkei zurück

Dabei gefiel es dem 1969 geborenen Erdemli in Deutschland zunächst nicht sonderlich gut, als er 1975 seinem Vater folgte und aus der türkischen Stadt Balikesir, die zwischen Bursa und Izmir liegt, nach Bergkamen zog. Er besuchte die Schillerschule, ging zu Fuß von der Wohnung an der Werner Straße dort hin. „Im Sommer 1976 bin ich dann zurück in die Türkei zu meiner Oma und dort drei Jahre geblieben“, erinnert sich Erdemli.

1979 kam er wieder nach Bergkamen. Nach dem Hauptschulabschluss hätte er im Bergbau arbeiten können, aber das wollte er nicht. Stattdessen ging der 17-Jährige zum Plaza-Markt, der damals in den mittlerweile abgerissenen Turmarkaden eröffnet hatte.

Dort stellte er schnell sein Verkaufstalent unter Beweis. Zum Beispiel, als der Marktleiter eine LKW-Ladung Kartoffeln bestellte, die vor der Tür abgeladen wurde. Eine Verkäuferin mühte sich nahezu vergebens, sie los zu werden.

Fevzi Erdemli beschäftigt über 200 Mitarbeiter. © Stefan Milk © Stefan Milk

Am nächsten Tag übernahm Erdemli: „Ich habe fast jeden Kunden angesprochen“, erzählt er. Er lobte vor allem Qualität und Preis der Ware. Und überzeugte damit die Menschen: „Um 18.30 Uhr waren 33 Paletten verkauft.“

Dank Erdemli veröffentlichte Plaza seine Angebote auf Türkisch

Erdemli, der natürlich wusste, dass in Bergkamen viele Menschen aus der Türkei leben, hatte noch einen andere Idee, die seinem Arbeitgeber zusätzlichen Umsatz bescherte: Der Plaza-Markt veröffentliche seine Angebote auf Türkisch: „Die Kunden standen Schlange.“

In Oberaden unterhält Fevzi Erdemli ein Lager mit über 400 Produkten. © Stefan Milk © Stefan Milk

Die Chance, das Verkaufstalent auf eigene Rechnung zu nutzen, kam 1987. Ein Nachbar, der wieder in die Türkei wollte, hatte ein Reisegewerbe, handelte mit Obst und Gemüse. Erdemli übernahm: „Wir hatten einen Bulli und 800 D-Mark“, blickt er auf seinen Start als Unternehmer zurück. Erdmeli kaufte im Dortmunder Großmarkt ein und verkaufte die Ware auf dem Bergkamener Markt und mit dem Transporter in Werne, Lünen und Kamen.

Das Geschäft lief, Erdemli schaffte im Lauf der Jahre größere Transporter an und eröffnete 1988 ein Geschäft im unteren Abschnitt der Präsidentenstraße. Das hatte 80 Quadratmeter. Erdemli blieb dort bis 1997, dann zog er an die Lessingstraße. Der Laden dort hatte eine Fläche von 400 Quadratmetern. „Das war damals der größte türkische Laden im Kreis Unna“, sagt Erdemli. Doch es ging noch größer: 2004 übernahm er einen 600 Quadratmeter großen Laden in Hamm.

An der Lessingstraße kaufen längst nicht nur türkische Bergkamener

Auch an der Lessingstraße gingen die Geschäfte gut. So gut, dass es Probleme mit den Parkplätzen gab. Erdemli zog deshalb 2007 in ein leerstehendes Ladenlokal im Fußgängerbereich der Präsidentenstraße. Den Supermarkt gibt es heute noch, er ist inzwischen eines der wenigen funktionierenden Geschäfte, die Kundschaft auf den Nordberg locken. Und dort kaufen längst nicht mehr nur türkischstämmige Bergkamener.

Fevzi Erdemli
Fevzi Erdemli © Stefan Milk © Stefan Milk

2014 eröffnete Erdemli eine weitere Filiale in Hamm. Er zentralisierte den Einkauf, daraus erwuchs der Großhandel Golden Feinkost in Oberaden. „Wir haben über 4000 Produkte im Lager und arbeiten mit über 250 Lieferanten zusammen“, sagt der Chef. Längst ist Fevzi Erdemli ein relevanter Arbeitgeber: Er beschäftigt über 200 Mitarbeiter. Und er bildet auch aus: Die Zahl der Lehrstellen will er im nächsten Jahr von neun auf 15 aufstocken.

Ein echtes Familienunternehmen

Die Erdemli GmbH & Co KG ist ein echtes Familienunternehmen. Fevzi Erdemli hat zwei Schwestern und drei Brüder. Sie sind entweder in der Firma oder haben eigene Läden – die natürlich von der Golden Feinkost aus Oberaden beliefert werden. Auch die zwei Töchter und Söhne stehen bereit, die Firma zu übernehmen.

Der zentrale Einkauf ist einer der Gründe für den Erfolg der Erdemli-Märkte. © Stefan Milk © Stefan Milk

Vorerst allerdings bleibt Fevzi Erdemli selbst am Ruder. Durch die Corona-Krise ist sein Unternehmen bisher gut gekommen, sagt er. Auch, weil sich durch die Zentralisierung Lieferengpässe ausgleichen ließen. Erdemli will die zentrale Steuerung deshalb noch ausbauen. Er hat schon früh auf moderne Computer-Technik gesetzt, sieht sich deshalb für die Digitalisierung gut gerüstet.

Außerdem will er den Wachstumskurs fortsetzen. Den wird er von seinem Büro in Oberaden aus steuern. Dort, wo das große Foto vom Wochenmarkt hängt. Erdemli weiß, wo er zu Hause und wo sein Unternehmen groß geworden ist: „Wir bleiben in Bergkamen.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 24. Dezember 2020.

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
1967 in Ostwestfalen geboren und dort aufgewachsen. Nach Abstechern nach Schwaben, in den Harz und nach Sachsen im Ruhrgebiet gelandet. Erst Redakteur in Kamen, jetzt in Bergkamen. Fühlt sich in beiden Städten wohl.
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